»Der Stern ist ein dickes Brett!«

Ab Januar ist Johannes Erler neuer Art-Director beim »Stern«. Wir sprachen mit ihm über seine Erwartungen an den neuen Job, darüber, wohin es mit der Marke gehen wird und was mit dem Bureau Johannes Erler passiert.



Bild Johannes Erler

Ab Januar ist Johannes Erler neuer Art-Director beim »Stern«. Wir sprachen mit ihm über seine Erwartungen an den neuen Job, darüber, wohin es mit der Marke gehen wird und was mit dem Bureau Johannes Erler passiert.

Johannes Erler hat ein bewegtes Jahr hinter sich: Im März stieg er nach 18 Jahren bei Factor Design aus und gründete sein Bureau Johannes Erler, im Oktober gab Gruner + Jahr bekannt, dass der Designer 2012 neuer Art Director des »Stern« wird. Über diese Entwicklungen und seine Erwartungen an die Zukunft unterhielten wir uns mit Johannes Erler.

PAGE: Sie sind ab Januar Art-Director bei »Stern«. Erst im April dieses Jahres haben wir mit Ihnen über Ihr neues Büro Bureau Johannes Erler gesprochen. Was hat Sie dazu bewegt, eine Festanstellung anzunehmen?

Johannes Erler: Ich wollte diesen Job. Und der lässt sich gar nicht anders machen, als in einer Festanstellung. Auf der anderen Seite verlangt der Job auch viel Selbstständigkeit und Führung. Ich glaube, dass ich an meiner Arbeitsweise, meinem Umgang mit Mitarbeitern, meiner Art, mit meinen Kunden zu sprechen – auch wenn das jetzt der Verlag und die Chefredaktion sind – gar nicht viel ändern muss. Ich denke, der »Stern« hat sich auch für mich entschieden, weil ich selbstständig handle und es gewohnt bin, die Dinge in die Hand zu nehmen.


Befürchten Sie nicht, dass Sie in diesem Unternehmen mit seiner langen Geschichte und klaren Linie in Ihrem kreativen Arbeiten eingeschränkt werden?

Die Frage kann ich Ihnen noch nicht konkret beantworten, weil ich ja noch nicht angefangen habe. Anders rum ist es aber auch ein Irrglaube, zu denken, nur weil man selbstständig ist, wäre man in seinen gestalterischen Entscheidungen immer vollkommen frei. Sie haben immer Auftraggeber. Sie haben nie diese Selbstständigkeit, wie sie zum Beispiel Künstler oder Erfinder genießen. Es gibt immer Abhängigkeiten vom Kunden. Insofern ändert sich nicht so viel für mich und ich habe nicht diese Bedenken, Freiheiten einzubüßen.
Eine ganz andere Frage ist, ob man aus dem »Stern« etwas machen kann. Und dazu kann ich im Moment nur sagen: Klar! Eine ganze Menge! Der »Stern« hat eine große Tradition und ist eine große Marke. Er kann und muss sich aber weiterentwickeln – und wenn ich die Freiheiten erhalte, die ich benötige, um kreativ zu sein, dann kann ich den »Stern« erheblich entwickeln!

Haben Sie denn schon Ideen, in welche Richtung es gehen wird?

Ich wurde ja angesprochen von Dominik Wichmann, der bis vor kurzem Chefredakteur des »SZ Magazins« war, das ich mit ihm zusammen vor etwa zwei Jahren grafisch überarbeitet habe. Und vor fast fünf Jahren haben wir zusammen die Sonntagszeitung der »Süddeutschen Zeitung« entwickelt, die dann leider nie erschienen ist. Mit ihm habe ich also schon sehr intensiv zusammengearbeitet und weiß genau, wie er denkt. Deshalb ahne ich schon, was er nun als stellvertretender Chefredakteur des »Stern« gemeinsam mit den beiden Chefredakteuren Thomas Osterkorn und Andreas Petzold vorhat. Aber das müssen wir jetzt erstmal inhaltlich klären. So mache ich das ja immer: erst mal konzeptionell anfangen und dann geht es an die Gestaltung.

Dominik Wichmann konnte die Entscheidung ja nicht allein treffen. Was denken Sie denn, wieso der »Stern« sich für Sie entscheiden hat und was von Ihnen erwartet wird?

Also dort ist eine relativ große Grafikabteilung mit etwa 40 Mitarbeitern und eine große Bildredaktion. Außerdem gibt es eine Reihe Unterprodukte beim »Stern«. Zunächst einmal erwartet man also, dass ich in der Lage bin, das alles zu koordinieren und zu führen. Der zweite Punkt ist, den »Stern« gemeinsam mit der Chefredaktion im Print und in den digitalen Bereichen weiterzuentwickeln. Drittens ist der »Stern« auch eine echte Dachmarke – es gibt ja z.B. noch »Neon, »Nido«, »View« und »Yuno« – und mit meiner Erfahrung als Corporate Designer wünscht man sich auch, dass ich helfe, diese Marke zu koordinieren und weiterzuentwickln. Das heißt nicht, dass ich mich an die Gestaltung der anderen Magazine mache. Es geht vielmehr um klassische Markenführung.

Neben Markenführung verlagern Sie Ihren Fokus damit ja auch auf Editorial Design. Was interessiert Sie daran?

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder für Verlage und im Editorial Design gearbeitet. Neu für mich ist, dass ich in einer Redaktion arbeite. Wenn man als Externer Editorial Design gestaltet, hat man nur ein Stück weit die Möglichkeit, wirklich mitzuwirken. An der kontinuierlichen Entwicklung eines Magazins ist man nur beteiligt, wenn man in der Redaktion sitzt. Das ist neu für mich und das interessiert mich: Teil eines journalistischen Produktes zu sein und nicht nur von außen punktuell daran zu arbeiten. Das ist ein logischer nächster Schritt für mich.

Was geschieht mit dem Bureau Johannes Erler?

Das Büro wird es weiter geben, allerdings unter dem Namen BureauErlerSkibbe. Ich bleibe dem Büro als Partner erhalten und mein Mitarbeiter Henning Skibbe wird es geschäftsführend übernehmen. Der Grund, das Büro wieder zu verlassen, war ja nicht, dass es nicht gut lief. Ich befand mich nach dem Ausstieg bei Factor Design nur in einer relativ flexiblen Lebensphase, die es mir überhaupt erst möglich machte, neue Projekte anzugehen. So kam es zu den vielen Veränderungen in einem einzigen Jahr. Für mich war das eine sehr spannende Zeit. Ich musste wirklich erst bei Factor raus, um mich noch einmal richtig weiterentwickeln zu können.

Und wie steht es um Ihre Position als Fachvorstand Editorial beim ADC: werden Sie die fortführen?

Die werde ich ruhen lassen. Nicht, weil es mir nicht Spaß gemacht hätte. Und auch nicht, weil ich der Meinung wäre, dass der Vorstand nicht auf einem guten Weg sei. Im Gegenteil: Ich bin guten Mutes, dass der ADC sich in den nächsten Jahren in eine interessante Richtung verändern wird. Ich möchte mich aber erstmal ganz auf den neuen Job konzentrieren. Zumindest für das nächste Jahr und dann ist meine erste Vorstandszeit sowieso um. Der »Stern« ist ein dickes Brett! Das muss ich jetzt erst mal bohren!


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