#wanderlust: Best-of TYPO Berlin 2017

Sie alle waren auf der TYPO Berlin 2017: Größen wie Erik Spiekermann, Michael Johnson oder Erik Kessels, aber auch Nachwuchs wie die wunderbare Liv Siddall, die mit kleinem Geld und großen Ideen das Rough Trade Magazine macht.



Was Wanderlust alles bedeuten kann, hat die Typo Berlin 2017 gezeigt und die Begriffsbestimmung begann mit einer bewegenden Keynote von Susanne Koelbl. Die Spiegel-Reporterin führte einen durch ihre Arbeitswelt – von dem Krieg im Kosovo nach Afghanistan, in den Irak und Syrien, der Hungersnot im Jemen und vor allem mitten hinein in das Elend der Geflüchteten …

Schwer zu ertragen waren deren Geschichten von Verzweiflung, Folter und Tod. Gleichzeitig aber ging Susanne Koelbl der Frage nach, was einen antreibt, sein Zuhause zu verlassen – als Flüchtender und auch als Reisender. Und rief die Kreativen auf, Kampagnen für Afrika zu gestalten, die sich den völlig falschen Versprechungen der Schlepper entgegenstellen und zeigen, wie schwierig, gefährlich und tödlich die Flucht sein kann.

Viele der Kreativen führte es in ferne Welten, ob das nach Mumbai oder Lagos war wie bei dem Illustrator Sebastian Loerscher oder nach São Paulo wie für die tollen Infografiker von Catalogtree. Und vor allem zog es die Gestalter angesichts der erschreckenden Weltlage immer mehr auch in politische Gefilde. Die Sinnsuche führt dabei ebenso zur Wanderlust wie die Auswirkungen des Klimawandels.

So erzählte Jonathan Ford von der britischen Agentur Pearlfisher, wie er beim Kitesurfen vor Mykonos plötzlich im Müll schwamm und mittlerweile an den Re-Naturierungs-Projekten der NGO Haller mitarbeitet und appellierte gleichzeitig an die Verantwortung, die Gestalter tragen, gerade auch im Packaging-Design.

Lutz Engelke von Triad rief dazu auf »out of the creative box« zu steigen, nicht zu einer Design Bourgeoisie zu degenerieren, sondern in einer Welt, in der die Demokratie gleich mehrfach bedroht ist, seine Position nutzen, das Interface zwischen Produkt und Konsument zu gestalten. Um das in die Tat umsetzten, kündigte er ein Berlin Manifesto Kreativer an. Wer Interesse hat, daran mitzuwirken findet die Termine demnächst auf der Website von Triad.

Natürlich waren auch bekannte TYPO-Größen da: Erik Spiekermann, der diese Woche 70 wird, führte mit einer Tour de Force durch mehr als 50 Jahre Arbeit voller roter Balken und »apper Ecken«, Erik Kessels begeisterte erneut mit dem umwerfenden Humor der Arbeiten von KesselsKramer, mit dem großartig schrägem Corporate Design für das Ausstellungshaus NRW-Forum und Hunderten Abbildungen von »Dicks«, die Männer anscheinend gerne an Zahnpastatuben, Radioweckern oder Fernbedienungen messen und KesselsKramer ein ganzes Magazin daraus machte.

Michael Johnson der britischen Branding-Agentur Johnson Banks eröffnete mit seiner Keynote die Brand Talks, eine »Konferenz in der Konferenz« über Branding, die Jürgen Siebert moderierte. Es bildeten sich lange Schlangen vor dem Saal, in dem es 13, gerade mal 20 Minuten lange Vorträge über das immer komplexer werdende Branding verschiedener Marken gab. Und das wurde in einigen Fällen nicht nur von dem Gestalter, sondern gemeinsam mit dem Auftraggeber vorgestellt.

Während Stefan Büscher von Škoda sich dabei etwas im Marketing verlor, zeigte Patrick Märki vom KMS Team anschließend überzeugend, wie sie die Markenwerte »simplifying, humanizing, surprising« für Škoda Next in Typografie und Branding umsetzen. Justus Oehler von Pentagram hingegen erläuterte das Redesign von Mastercard und auch, warum sie besonderen Wert auf die Historie von Marken legen. In diesem Fall besannen sie sich auf das ursprüngliche Logo von 1968, brachten dessen Farben stärker zum leuchten und stellten den Schriftzug frei.

Weitere Highlights waren der Schlagabtausch von Jochen Rädeker von Strichpunkt und Thomas Michelbach, Head of Development in der Designagentur, die durch die digitalen Komponenten im neuen Corporate Design von Audi führten und einen zu Staunen brachten. Und das radikale und gleichzeitig sehr in der HIstorie verhaftete Redesign der Weinmarke Prinz von Hessen. Während Donatus Landgraf von Hessen formvollendet durch die Familienhistorie führte, erläuterte Holger Schmidhuber von Fünfwerken den Designprozess.

Ein paar junge Wilde gab es schließlich auch auf den Bühnen. Allen voran die 28-jährige Liv Siddall, die allmonatlich ein 64-seitiges Magazin für das kultige Plattenlabel Rough Trade raushaut und dabei kleinen falschen Respekt vor langweiligen Pressefotos kennt, sie zerschnippelt, photoshopped und übermalt, die Bands Modestrecken gestalten lässt oder aus dem Tourbus berichten, mit unglaublichem Fantasiereichtum improvisiert und so ein umwerfend eigensinniges Magazin entsteht.

Mit einem Appell schloss sich der Kreis dann schließlich. Anhand der Erfahrung, die Johnson Banks mit der Gestaltung des neues Mozilla Corporate Designs machte, dessen Rebranding auf Wunsch des Open Source Webbrowsers öffentlich und begleitet von Tausenden von Kommentaren entstand, plädierte er dafür, seine gesamte Arbeit und seinen Designprozess öffentlich zu machen.

Vor allem aber rief er zu einer wesentlich engagierteren Arbeit von Gestaltern auf. Bewegt von der Katastrophe in Fukushima, war er erschrocken, dass den Gestaltern nichts Besseres einfiel, als ein paar Plakate zu entwerfen.

Er riet, mehr in relevante Arbeiten zu investieren – wie Johnson Banks es zum Beispiel für die University of Cambridge getan hat, die dringend mehr Geld für die Forschung benötigt. Mit der umfassenden Kampagne »Dear World, … Yours, Cambridge«, die sich durch verschiedene Medien zieht, baten sie 2015 um Unterstützung der 800 Jahre alten Universität und bis heute kamen Abermillionen Pound zusammen.

»Design can make a difference«, betonte Michael Johnson. Ein perfekter Schlusstakt für die TYPO Berlin 2017.

 


Schlagworte: , , , ,




Kommentieren

Einfach mit dem PAGE Account anmelden oder Formular ausfüllen

Name *

Email *

*Pflichtfeld

Ihr Kommentar *

 
 

Das könnte Sie auch interessieren