Gestaltung dient nur dazu, Sachen hübsch zu machen? Design ist politisch!

Warum, das steht in PAGE 07.2017



Das Cover-Motiv von PAGE 07.2017 stammt von Christopher David Ryan.

Fake Blond dort, Fake Blonde hier – es ist an der Zeit, dass wir Designer uns unserer Rolle neu gewahr werden. Denn die Ära gefälschter Nachrichten könnte nicht zuletzt ob unserer Profession gerade erst begonnen haben: Mit der auf der Adobe MAX vorgestellten Software VoCo etwa, einer Art Photoshop für Audio, können Maschinen aus einem einzigen Soundschnipsel Stimmen erlernen – samt Tonlage, Sprechtempo, Melodie – und geschriebene Texte täuschend echt wiedergeben. Und freilich können unsere Algorithmen auch längst nicht mehr nur 3D-Charakteren realistische, menschliche Züge verleihen. Ein Tool namens Face2Face erlaubt es bereits, in Videos die Mimik einer Person auf das Gesicht einer anderen zu übertragen – in Echtzeit, versteht sich!

Auch wenn es uns noch gelänge, genuines Material von unechtem zu unterscheiden, wie können wir nur glauben, dass Virtual Reality und alternative Fakten nicht wirklich sind, nur weil sie entweder im Computer passieren oder aber als falsch entlarvt worden sind? Sollten wir nicht vielmehr alles als wirklich ansehen, was Wirkung hat? Fiktive und reale Welt verschränken sich, und die mediale Verschmelzung via Twitter und Co tut ein Übriges. Nicht nur der Trumpismus ist ein Produkt der Unterhaltungs- und Kulturindustrie. Auch hierzulande nutzt man postfaktische Mittel, um Meinungsblasen zu bedienen und Wählerstimmen zu sammeln. Ob simples, stylishes Parteiprogramm oder »Spiegel«-Illustration, jedweder Gestaltungsakt wird zur politischen Intervention.

Von wegen also duck and cover – die Creative Community begehrt auf: Richard Prince zum Beispiel entzieht einem »seiner« Werke die Autorschaft, erinnern Sie sich? Der Vertreter der Appropriation Art hatte sich 2014 eines Instagram-Fotos von Ivanka Trump bemächtigt, es auf Leinwand gedruckt und ihr höchstselbst verkauft. In reinstem Trump-Sprech twitterte er Anfang des Jahres: »This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.« – und erstattete das Geld zurück. Die Kunstkritiker jubelten. Sie riefen auf, dem Beispiel zu folgen, und verwiesen dabei erst gar nicht auf den Visual Artists Rights Act, der US-Künstlern auch nach Verkauf ihrer Arbeiten noch Rechte über diese zubilligt.

Warum auch? Schließlich können wir sehr viel direkter politisch handeln: mit unserer Arbeit! Wenn wir uns dem richtigen Leben stellen und uns der wirklichen Fragen annehmen, wenn wir Gestaltung nicht nur als Formgebung begreifen, sondern als Transformation von Strukturen und Prozessen, dann können wir pragmatische, inspirierende Visionen entwerfen, die die Realität zum Positiven hin verändern. »Design! Macht! Politik!« lautet denn auch nicht nur die Parole von PAGE 07.2017. Wir haben auch Gestalter zu einem politischen Statement eingeladen. Ihre Artworks sind Teil der Titelgeschichte und der Ausstellung »Design Talks Politics«, die am 30. Juni 2017 im designxport in Hamburg eröffnet.

 

(Editorial »Duck & Covers«, PAGE 07.2017)

 


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Ein Kommentar


  1. Kai Beiderwellen

    Ein sehr wichtiger Impuls. Danke.

    Es ist an der Zeit, dass sich Designer sich ihrer Funktion als Multiplikator und der damit verbundenen Verantwortung bewusst werden und sich klar positionieren. Ein nicht unerheblicher Teil der Probleme unserer Zeit lassen sich auf einen ungebremsten Konsum und seiner Folgen in der Gesellschaft sowie in den Produktionsbedingungen und der Entsorgung zurück führen. Ein ständiger Aufruf “Consume More!” ist sicherlich nicht Teil der Lösung, aber genau für dieses “Consume More!” arbeiten doch die meisten von uns.

    Wo wollen wir stehen? Sind wir Teil der Lösung, oder Teil des Problems?

    Ein Versuch einer Antwort versuchen wir hier zu geben: https://www.facebook.com/joint.master.degree/


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