Warum Startup-Gründer Thomas Bachem eine Hochschule gründet

Seriengründer Thomas Bachem eröffnet in Berlin eine Hochschule, die Studierende auf die moderne Internetwelt vorbereiten soll. Hier verrät er, was er genau vor hat.



Was studiert man eigentlich, wenn man in die Internet- und Startup-Branche will? Wenn Informatik zu theoretisch und BWL zu wenig technologisch ist? Thomas Bachem, selbst Softwareentwickler und Seriengründer, will die Lücke füllen, die seiner Meinung nach im deutschen Bildungsmarkt herrscht und an der CODE die Tech-Talente und Gründer von morgen ausbilden.


 

PAGE: Du bist erfolgreicher Startup-Gründer und Softwareentwickler. Wieso gründest du jetzt eine private Hochschule?

Wieso gibt es keine Ausbildungsstätten für die Kompetenzen, die alle händeringend brauchen?

Thomas Bachem: Ich habe mir das Programmieren als Jugendlicher selbst beigebracht und bin seitdem leidenschaftlicher Entwickler. Als ich studieren wollte, hat mich Informatik extrem abgeschreckt – viel zu theoretisch und mathematisch. Stattdessen habe ich BWL an der Cologne Business School studiert, damals eine kleine private Hochschule. Seitdem habe ich mich immer gefragt, warum es für den Tech-Bereich keine ähnlichen Angebote gibt. Als ich später als Unternehmer Entwickler und Designer einstellen musste, war ich oft frustriert, weil das Informatik- oder Designstudium die Bewerber nicht auf die Anforderungen im Job vorbereitet hat. Wieso gab es keine Ausbildungsstätten für die Kompetenzen, die alle händeringend brauchen? Diese Frage hat immer in mir rumort und so habe ich mich Anfang 2016 entschieden, die Lösung selbst in die Hand zu nehmen.

Euer Konzept weicht vom klassischen Studium ab. Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Unterschiede?

Zum einen die inhaltliche Ausrichtung: Unsere Studiengänge gibt es einzeln nur sehr selten in Deutschland und in Kombination gar nicht. Unser Fokus liegt auf dem Bereich Internet, nicht auf dem der klassischen IT. Das sind zwei verschiedene Welten, die oft in einen Topf geworfen werden. Zum anderen unterscheiden wir uns durch unser didaktisches Konzept, in dem Studierende konsequent kompetenzorientiert und projektbasiert lernen. Unsere Studierenden werden interdisziplinär an Projekten arbeiten, die wir mit Unternehmen entwickeln. Aus jeder Disziplin wird dabei mindestens ein Kommilitone im Team sein.

Auch unsere Verankerung in der Internet- und Startup-Branche unterscheidet uns von klassischen Hochschulen

Die Idee rührt von meinen Erfahrungen als Autodidakt her: Erst mal machen, danach tiefer in die Hintergründe einsteigen. Das ist meiner Meinung nach die natürlichste Art zu lernen, die viel Motivation mit sich bringt, weil sie direkte Ergebnisse zeigt. In der akademischen Welt ist es typischerweise andersrum: Man lernt erst die Grundlagen und irgendwann (hoffentlich) die Anwendung. Auch unsere Verankerung in der Internet- und Startup-Branche unterscheidet uns von klassischen Hochschulen. Das zeigt schon der CODE-Campus in der Factory in Berlin. Hier schnuppern die Studierenden gleich Startup-Luft.

 


Die Berliner Hochschule wird die drei Bachelorstudiengänge Software Engineering, Interaction Design und Product Management anbieten. Das erste Semester dient der Orientierung, erst danach müssen die Studierenden ihren Schwerpunkt in einem der drei Felder setzen. Das Besondere: Das Studium ist rein projektbasiert, wobei die Studierenden interdisziplinär gemeinsam mit Partnerunternehmen wie Trivago, XING und Otto entwickelten Aufgaben arbeiten. Der Campus befindet sich im Herzen der Berliner Start-up-Szene, in einem Gebäude der Factory. Derzeit kümmert sich das CODE-Team um die staatliche Anerkennung der Hochschule, sucht Lehrkräfte, klappert Schülermessen ab und bietet im Rahmen seiner Initiative Code + Design viertägige Camps für interessierte Jugendliche in verschiedenen deutschen Städten an.

 


 

Ihr bietet Studierenden an, erst nach Ablauf des Studiums Gebühren zu zahlen – und zwar einen einstelligen prozentualen Anteil ihres Einkommens für zehn Jahre, vorausgesetzt sie verdienen mehr als 21.000 Euro im Jahr. Das ist ein sehr nobles Modell. Aber wie finanziert ihr euch selbst?

Die Studienfinanzierung stemmen wir gemeinsam mit der Genossenschaft Chancen eG, die Pionier auf diesem Feld ist. Zusätzlich habe ich über mein persönliches Netzwerk mehrere Dutzend private Investoren gewonnen – unter anderem Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, BigPoint-Gründer Heiko Hubertz und Florian Heinemann, Co-Gründer und Geschäftsführer des Inkubators Project A. Für die Geldgeber ist nicht die direkte Rekrutierung unserer Absolventen ausschlaggebend, sondern dass sie an unser Modell glauben und uns persönlich unterstützen wollen. Auch die Partnerunternehmen, mit denen wir die Projekte erarbeiten, zahlen einen jährlichen Betrag.

Was bedeutet so eine Partnerschaft genau?

Unsere Studierenden arbeiten an Projekten, bei denen sie lernen, was sie später im Job brauchen

Gemeinsam mit unseren Partner-Unternehmen überlegen wir uns Projekte, bei denen unsere Studierenden lernen können, was sie später im Job brauchen. Dazu führen wir derzeit Gespräche mit Unternehmen wie Zalando, Trivago, Check24, Xing, Otto und Facebook. Es geht dabei nicht darum, dass wir als verlängerte Werkbank produktiv für die Unternehmen arbeiten, sondern im Vordergrund steht immer die Lernerfahrung der Studierenden.

Wer sind die Lehrer?

Einerseits sind das Professorinnen und Professoren, andererseits Dozentinnen und Dozenten. Um den akademischen Anforderungen an eine Hochschule gerecht zu werden, werden wir mit vier bis sieben Professuren starten. Bei der Auswahl achten wir in erster Linie darauf, dass die Bewerberinnen und Bewerber wirklich Lust aufs Lehren und auf neue didaktische Ansätze haben. Wir sehen ihre Rolle eher als Mentoren, Lernbegleiter und Organisatoren statt als klassische Wissensvermittler.

Unsere Professoren sind eher Mentoren, Lernbegleiter und Organisatoren statt als klassische Wissensvermittler

Unsere rein englischsprachigen Seminare und Vorlesungen sollen dann vermehrt durch Dozentinnen und Dozenten erfolgen, die direkt aus der Internetwirtschaft oder von Startups kommen. Derzeit sind wir gezielt auf der Suche nach Studiengangsleitern und Professoren beziehungsweise solchen, die die formellen akademischen Voraussetzungen hierfür erfüllen – zum Beispiel Leuten mit Promotion, die bisher im Unternehmen arbeiten und Lust auf Lehre haben oder gestandene Dozenten, die die nächste Stufe erklimmen wollen.

Gleichzeitig seid ihr auf Promo-Tour, um Studierende zu gewinnen. Wie ist die Bewerberlage?

Starten wollen wir im Oktober 2017 mit insgesamt ca. 50 Studierenden. In den ersten 10 Wochen haben wir bisher über 250 Bewerbungen erhalten, davon rund ein Drittel von internationalen Bewerberinnen und Bewerbern. Unsere zukünftigen Studierenden durchlaufen dabei einen mehrstufigen Bewerbungsprozess, bei dem uns nicht Lebensläufe, Zeugnisse und Noten interessieren, sondern Talent, Motivation und Commitment. Damit wir sie dahingehend besser kennenlernen können, haben die Kandidaten mehrere Wochen Zeit, um eine von uns gestellte »Challenge« zu bearbeiten. So können wir uns von jeder Bewerberin und jedem Bewerber – unabhängig davon wieviel Erfahrung sie schon mitbringen – ein individuelles Bild machen.

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