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»Wir gewinnen Zeit für die Fragen, die wirklich wichtig sind«

Henning Klimczak wurde von PAGE und dem German Brand Award 2026 per Community-Voting zum »Creative of the Year« 2026 gekürt. Im Interview erklärt der CEO und Co-Founder von Sherpa Design jetzt, was ihm dieser Ehrenpreis bedeutet – und spricht über den Einfluss von KI, Kreativität und die Verantwortung von Marken.

Drei Menschen auf einer BühneBild: Award-Vergabe auf der Bühne an Henning Klimczak, CEO und Co-Founder von Sherpa Design

Es gab sechs Nominierte, sechs Wochen Zeit und eine engagierte Community, die für ihren Favoriten abgestimmt hat: »Creative of the Year« 2026 ist Henning Klimczak! Der CEO von Sherpa Design konnte sich unter sechs Nominierten im Voting durchsetzen und bekam den begehrten Ehrenpreis. Inzwischen ist der Gewinner gekürt und der Award überreicht – Zeit, jetzt noch einmal genauer hinzuschauen und bei unserem Gewinner nachzufragen, was dieser Titel ihm heute bedeutet.

PAGE: Herzlichen Glückwunsch zum Titel »Creative of the Year« – ein neuer Ehrenpreis, mit dem PAGE und der German Brand Award eine Persönlichkeit würdigen, die Marken strategisch präzise, kreativ stark und mit nachhaltiger Wirkung prägt. Was bedeutet dir diese Auszeichnung persönlich; gerade, weil sie für deine Arbeit der vergangenen Jahre steht?

Henning Klimczak: Vielen Dank. Ein persönlicher Ehrenpreis klingt direkt krass, oder? Die Auszeichnung bedeutet mir viel, weil sie sich nicht auf ein einzelnes Projekt bezieht. Sie würdigt meinen Weg, der inzwischen mehr als zwölf Jahre umfasst. Als wir Sherpa gegründet haben, waren wir ein sehr kleines Team und vieles war ungewiss. Heute arbeiten bei uns rund 80 Menschen für große und kleine Marken. Wenn ich mir diese Entwicklung vor Augen führe, empfinde ich vor allem Dankbarkeit und Stolz.

Die Auszeichnung trägt meinen Namen, aber das, was damit gewürdigt wird, ist immer gemeinsam entstanden. Sie gehört deshalb für mich eng zu Sherpa und zu allen Menschen, die unseren Weg begleitet und unsere Arbeit geprägt haben.

Du wurdest nicht von einer Jury bestimmt, sondern aus der PAGE-Community gewählt. Was macht das für dich so besonders?

Generell war die Nominierung ja schon eine Auszeichnung. Dass die Entscheidung dann aus der Community kam, freut mich total. Bei der Wahl haben Menschen für mich gestimmt, die mich vermutlich schon eine Weile verfolgen, und sicherlich hat meine Reichweite von LinkedIn auch geholfen. So besonders ist es für mich, weil es eben kein normaler Kreativpreis ist, bei dem eine Jury mit einer Handvoll Expert:innen entschieden hat, sondern viel mehr Menschen.

Ich habe in den Tagen vor der Wahl gemerkt, wie viele Menschen uns die Daumen drücken und wie sehr sie sich mit unserer Geschichte verbunden fühlen. Das hat mich sehr gefreut!

Der Applaus am Abend war riesig. Was nimmst du von dieser Begeisterung langfristig mit?

In diesem Moment habe ich einen enormen Stolz empfunden. Dabei musste ich auch an unsere Anfangszeit denken, in der vieles schwierig und überhaupt nicht selbstverständlich war. Deshalb nehme ich vor allem die Bestätigung mit, der eigenen Idee zu vertrauen und ambitioniert zu sein. Gerade Menschen, die sich selbstständig machen, dürfen groß denken. Der Weg braucht Ausdauer und viele richtige Entscheidungen. Aber ich bin überzeugt: Wer über Jahre einen hohen Anspruch verfolgt und konsequent Qualität liefert, wird erfolgreich sein.

Marken beeinflussen jeden Tag

Zu den Voraussetzungen, hier nominiert zu werden, gehört es auch, Verantwortung über einzelne Projekte hinaus zu übernehmen, mit klarem Impact für Marken und Branche. Warum ist das heute so wichtig?

Marken wirken jeden Tag auf Menschen. Sie beeinflussen, was wir kaufen, woran wir glauben, wie wir uns orientieren und teilweise auch, wie wir gesellschaftliche Themen wahrnehmen. Wer Marken gestaltet, trägt deshalb Verantwortung für mehr als den nächsten sichtbaren Auftritt.

Für uns bedeutet das, die langfristige Entwicklung einer Marke mitzudenken. Eine neue Identität kann intern Klarheit schaffen, Menschen zusammenbringen, ein Unternehmen selbstbewusster machen oder eine notwendige Veränderung überhaupt erst verständlich werden lassen. Genau darin liegt für mich die eigentliche Kraft von Design.

Zur Verantwortung gehört auch der Blick auf die eigene Branche. Wie führen wir Unternehmen? Welche Arbeitsbedingungen schaffen wir? Wie gehen wir mit jungen Kreativen um? Und welche Haltung nehmen wir gegenüber neuen Technologien ein? Unsere Wirkung endet nicht mit der Übergabe eines Kundenprojekts.

Du hast mal gesagt: »Mut bedeutet, sich zu entscheiden.« Machen Auszeichnungen wie diese es dir leichter, mutig zu sein und Entscheidungen zu treffen – weil sie zeigen, dass das funktioniert?

Die Auszeichnung gibt natürlich Rückenwind. Gleichzeitig werden Entscheidungen dadurch nicht automatisch einfacher. Mut braucht man vor allem dann, wenn man noch nicht weiß, ob etwas funktioniert.

»Mut bedeutet, sich zu entscheiden« heißt für mich, eine Richtung zu wählen und sie konsequent zu verfolgen. Jede ernst gemeinte Entscheidung schließt Möglichkeiten aus. Das kann unangenehm sein, gerade in einer Zeit, in der Unternehmen am liebsten flexibel auf alles reagieren möchten. Eine Marke gewinnt aber erst an Kraft, wenn sie weiß, wofür sie stehen will.

Die Auszeichnung bestätigt mich darin, dieser Überzeugung treu zu bleiben. Sie ersetzt trotzdem weder das eigene Urteil noch die Bereitschaft, mit einer Entscheidung auch einmal falschliegen zu können.

jüngerer Mann mit braunen Haare, weißen Shirt und beiger Chino Hose sitzend, nett in die Kamera schauend. Tattowierte Arme und 3 Tage Bart.
Henning Klimczak, CEO und Co-Founder von Sherpa Design

 

Das bedeutet Kreativität heute

Du bist jetzt offiziell »Creative of the Year« 2026: Was bedeutet Kreativität für dich im Jahr 2026?

Kreativität bedeutet für mich, Zusammenhänge zu erkennen und daraus etwas zu entwickeln, das vorher nicht sichtbar war. Das kann eine ungewöhnliche Gestaltung sein, eine klare strategische Idee oder eine neue Perspektive auf ein bekanntes Problem.

Im Jahr 2026 ist Kreativität für mich stärker denn je mit Urteilskraft verbunden. Wir können heute in kürzester Zeit sehr viele Ideen, Bilder und Varianten erzeugen. Dadurch wird es umso wichtiger, zu erkennen, welche davon relevant sind. Kreativität zeigt sich auch in der Auswahl, in der Zuspitzung und in der Konsequenz, einen Gedanken wirklich gut zu Ende zu bringen.

Was unterscheidet für dich gute kreative Arbeit von Arbeit, die wirklich etwas verändert?

Gute kreative Arbeit überzeugt fachlich. Sie ist klar gedacht, gut gestaltet und passt zur Aufgabe. Arbeit, die wirklich etwas verändert, löst zusätzlich eine Reaktion aus. Menschen sprechen darüber, verhalten sich anders oder sehen eine Marke mit neuen Augen.

Diese Veränderung muss gar nicht immer laut oder sofort sichtbar sein. Manchmal entsteht sie innerhalb eines Unternehmens, weil Mitarbeitende plötzlich besser verstehen, wofür ihre Marke steht. Manchmal gibt eine neue Identität einem Unternehmen das Selbstbewusstsein für den nächsten Entwicklungsschritt. Entscheidend ist, dass die Arbeit weiterwirkt und nicht nur im Moment ihrer Präsentation beeindruckt.

»Wie gestaltet man Marken, die Menschen wirklich bewegen?« Zum Podcast mit Henning Klimczak

Hast du eine kreative Handschrift, die unverwechselbar für dich steht, oder erfindest du dich immer wieder neu?

Ich glaube, meine Handschrift liegt weniger in einer bestimmten visuellen Ästhetik. Unsere Arbeit sollte am Ende zur jeweiligen Marke passen und nicht so aussehen, als wäre sie immer von derselben Person gestaltet worden.

Wiederkehrend ist wahrscheinlich die Art, wie ich beziehungsweise wir an Aufgaben herangehen. Wir schauen uns den Status quo genau an, erarbeiten eine Strategie und suchen nach einer klaren Idee, die strategisch trägt und gestalterisch stark werden kann. Mich interessieren Lösungen, die eigenständig sind und trotzdem nicht bemüht wirken. Außerdem frage ich mich häufig: Was kann diese Arbeit tatsächlich in Bewegung setzen?

Mein Anspruch entwickelt sich weiter, genau wie mein Geschmack und meine Rolle. Heute schaffe ich viel häufiger den Rahmen, in dem andere hervorragende Ideen entwickeln können. Auch das ist für mich ein kreativer Prozess.

Wir erleben gerade eine Zeit, in der KI, Daten und Effizienz Kampagnen zu großen Teilen bestimmen. Wie verändert das die Kreativität?

KI erweitert unsere Möglichkeiten enorm. Recherche, erste Visualisierungen, Varianten und Prototypen können deutlich schneller entstehen. Ideen lassen sich früher sichtbar machen und leichter überprüfen. Das verändert bereits heute viele Abläufe in Agenturen.

Gleichzeitig steigt die Menge an durchschnittlichem – und leider unterdurchschnittlichem – Content massiv. Wenn alle schneller produzieren können, wird reine Produktion immer weniger zum entscheidenden Unterschied. Marken brauchen eine klare Haltung, eine erkennbare Identität und Menschen, die gute Entscheidungen treffen können.

Ich sehe darin eine große Chance für Kreative. Wir gewinnen Zeit für die Fragen, die wirklich wichtig sind. Was wollen wir ausdrücken? Was ist relevant? Was ist eigenständig? Und was sollten wir lieber weglassen? Wer ein Problem nur oberflächlich versteht, bekommt auch mit einem sehr guten Werkzeug keine außergewöhnliche Antwort.

Kreative benötigen Neugier & Urteilskraft

Was heißt das für Kreative: Was brauchen sie heute unbedingt, und was vielleicht nicht mehr?

Kreative brauchen Neugier, Urteilskraft und ein gutes Verständnis für Menschen. Sie sollten ihre Werkzeuge beherrschen und gleichzeitig offen dafür sein, dass sich diese Werkzeuge verändern. Wer KI grundsätzlich ignoriert, wird viele neue Möglichkeiten verpassen.

Sehr wichtig bleibt die Fähigkeit, die eigene Arbeit begründen zu können. Eine gute Idee muss mehr leisten, als im ersten Moment interessant auszusehen. Kreative sollten verstehen, aus welcher Strategie sie entsteht, welches Problem sie löst und welche Wirkung sie entfalten kann.

Weniger wichtig wird möglicherweise die perfekte Beherrschung jedes einzelnen handwerklichen Schritts. Viele Dinge werden leichter zugänglich. Umso wertvoller werden Persönlichkeit, Geschmack, Haltung und die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln.

Was glaubst du: Welche Entwicklungen werden Marken in den nächsten fünf Jahren am stärksten verändern?

KI wird Marken in fast allen Bereichen verändern: in der Entwicklung von Produkten, in der Kommunikation, im Service und natürlich in der Gestaltung. Gleichzeitig wird die Menge an Inhalten weiter zunehmen. Für Menschen wird es immer schwieriger, zu erkennen, was relevant, glaubwürdig und wirklich für sie gedacht ist.

Dadurch gewinnen Vertrauen und Wiedererkennbarkeit an Bedeutung. Marken müssen klarer wissen, wer sie sind, und diese Identität über sehr viele Kontaktpunkte hinweg konsistent erlebbar machen. Das wird anspruchsvoller, weil Inhalte künftig viel stärker personalisiert und teilweise in Echtzeit entstehen.

Ich glaube außerdem, dass echte Begegnungen wichtiger werden. Je digitaler und synthetischer unser Alltag wird, desto wertvoller fühlen sich reale Erfahrungen, Nähe und Gemeinschaft an. Starke Marken werden beide Welten sinnvoll miteinander verbinden.

Du hast einmal gesagt, gute Arbeit soll etwas in Bewegung setzen. Was heißt das für deine nächsten Projekte für Marken und wie baust du diese Bewegung konkret in deine Arbeit und Kreativität ein?

Zu Beginn eines Projekts fragen wir uns sehr konkret, welche Veränderungen eine Marke erreichen möchte. Soll sie für eine neue Zielgruppe relevant werden? Muss sie intern Orientierung schaffen? Will sie sich aus einer festgefahrenen Kategorie lösen oder den nächsten Wachstumsschritt ermöglichen?

Diese gewünschte Bewegung wird dann zum Maßstab für Strategie und Gestaltung. Wir suchen eine Strategie und eine Idee, die genug Kraft besitzen, um Menschen mitzunehmen und über viele Kontaktpunkte hinweg zu funktionieren. Dabei reicht es nicht, ein neues Design zu präsentieren. Die Menschen innerhalb des Unternehmens müssen verstehen, warum die Veränderung notwendig ist und wie sie selbst dazu beitragen können.

Für unsere nächsten Projekte wünsche ich mir, noch früher und länger Teil dieser Entwicklung zu sein. Die spannendste Arbeit entsteht, wenn wir eine Marke nicht nur bis zum Launch begleiten, sondern auch erleben, was sie im Unternehmen und im Markt auslöst.

Was für Unternehmen 2030 wichtig sein wird

Du sprichst oft von einer Arbeitsumgebung, in der Menschen sich entfalten können. Wie muss ein kreatives Unternehmen 2030 aussehen, damit außergewöhnliche Ideen entstehen?

Ein kreatives Unternehmen im Jahr 2030 braucht aus meiner Sicht viel Vertrauen und gleichzeitig eine klare Richtung und einen hohen Anspruch. Menschen können sich entfalten, wenn sie Verantwortung bekommen, sich sicher genug fühlen, unfertige Gedanken zu teilen, und wissen, worauf sie gemeinsam hinarbeiten.

Dazu gehört eine Kultur, in der unterschiedliche Perspektiven wirklich erwünscht sind. Außergewöhnliche Ideen entstehen selten allein am Schreibtisch. Sie entwickeln sich im Austausch, durch Reibung, durch gute Fragen und durch Menschen, die sich gegenseitig stärker machen.

Technologie wird bis 2030 viele Prozesse übernehmen und kreative Möglichkeiten erweitern. Die entscheidende Aufgabe von Unternehmen liegt deshalb darin, Räume für menschliche Stärken zu schaffen: Neugier, Empathie, Geschmack, Vorstellungskraft und Zusammenarbeit.

Für mich persönlich hat sich Führung in den vergangenen Jahren genau in diese Richtung entwickelt. Ich muss nicht selbst in jedem Projekt die beste Idee haben. Meine Aufgabe ist es, ein Umfeld aufzubauen, in dem sehr viele Menschen auf ihre jeweils eigene Art außergewöhnliche Arbeit leisten können.

 

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