Prinzip Risiko oder warum ein Rekordsegler etwas mit Design zu tun hat

Erlers Thema: Alle vier Wochen finden in Hamburg die »Creative Mornings« statt. Nicht Designer stellen sich hier vor, sondern Menschen, die auf andere Weise kreativ sind. Das Aprilmotto: »Risiko«. Diese Kolumne erscheint von nun an monatlich.



Erler
© Foto: Enver Hirsch / Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings in Hamburg veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp.

Alle vier Wochen finden in Hamburg die »Creative Mornings« statt. Nicht Designer stellen sich hier mit spannenden Beiträgen vor, sondern Menschen, die auf andere Weise kreativ sind. Das Aprilmotto 
war »Risiko« und zu Gast der Hamburger Rekordsegler Boris Herrmann. Was das am Ende doch wieder mit Design zu tun hat, fasst Johannes Erler zusammen. Seine Kolumne erscheint von nun an monatlich.

Point Nemo heißt die Stelle im Pazifischen Ozean, die weiter weg von allen behausten Gebieten dieses Planeten ist als irgendein anderer Ort. Die Möglichkeit einer Seenot ist dort nicht größer als auf der Ostsee bei Orkan, aber die Wahrscheinlichkeit von Rettung deutlich geringer. »Pol der Unzugänglichkeit« wird dieser Punkt im Pazifik genannt. Das klingt sehr einsam und sehr gefährlich. Will man da hin?

Boris Herrmann musste mit seiner Crew genau dort vorbei, wollte er den Geschwindigkeits­rekord im Weltumsegeln brechen. Und das war nicht das einzige Risiko, das die Besatzung der IDEC Sport einging. Jede Seemeile bedeutete Gefahr und Entbehrung. Auf exakt 45 Tage waren die Vorräte ausgelegt, länger durfte die Reise nicht dauern. Und zwei Schlafsäcke an Bord waren der ganze Ruhekomfort. »Sich mental leicht machen«, nennt Herrmann das. Von den sechs Seglern mussten sowieso immer vier wach sein.

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© Foto: Quin Bisset

Es ist faszinierend, Boris Herrmann zuzu­hö­ren, wie er über Risiken spricht. Nüchtern, fokussiert, aber mit brennendem Willen beschreibt er Risiko als lohnendes Prinzip auf dem Weg zum Erfolg. Und beweist, dass es Sinn macht, viel weiter zu gehen, als wir uns gemeinhin trauen.

Freiheit und Glück sind ohne Risiko nicht zu haben

Denn was Herrmann meint, ist das reale Risiko. Nicht das Brettspiel, nicht »No risk no fun«. Wer mit 40 Knoten haarscharf an riesigen Eisbergen vorbeibrettert, um Zeit zu sparen, der riskiert sein Leben. Das ist Bungee am Bindfaden – und trotzdem kalkulierbar. Denn die IDEC Sport ist nicht gesunken. Sie hat alle Risiken sicher umschifft.

Herrmann nennt seinen Trip die alternativlose Realisierung eines Traums und maximale, selbstbestimmte Freiheit. Für den englischen Philosophen John G. Bennett (1897–1974) macht erst die Möglichkeit des Scheiterns die Dinge »wirklich«. Echte Freiheit ist nach Bennett nur in nicht determinierten (also nicht risikominimierten) Situationen denkbar, deren Ausgang offen ist. Wie weit muss man als Designer gehen, um frei zu sein?

Der beliebteste Zusatz zum Risiko ist die Vermeidung. Nur selten kommt uns in den Sinn, die positiven Eigenschaften von Risiken zu nutzen. Dabei liegen doch erst auf dem schmalen Grat am Rand des Scheiterns die großen Potenziale. Liegt das Neue. Liegen das Glück und die Freiheit. Point Nemo als persönliches Traumziel. Nicht immer, das hält ja niemand aus, aber auch nicht nie.

Ich kenne nur wenige Gestalter, die echtes Risiko als Option sehen. Die bereit sind, dorthin zu gehen, wo noch niemand war. Die auf diese Weise auch mal scheitern und trotzdem weitermachen, weil sie sie spüren, diese Freiheit.

Ich kenne nur wenige Gestalter, die echtes Risiko als Option sehen

Die unlängst verstorbene Architektin Zaha Hadid war so jemand. Ihre Entwürfe galten lange Zeit als nicht realisierbar – weil sie Dinge machen wollte, die es noch nicht gab. Da haben erst einmal alle gekniffen. Zu guter Letzt jedoch schenkte uns Hadids Risikobereitschaft einige der faszinierendsten Bauwerke unserer Zeit.

Der Schriftsteller Rainald Goetz, der es sich und seinen Lesern nie leicht macht, sagte in seiner Büchner-Preis-Rede: »… nur wenn sie (die Literatur, Anmerkung des Autors) das Abseitige, was sie von dorther weiß, nicht aufgibt, sondern immer wieder erneuert, kann sie Relevantes zum Gespräch beitragen.«

Und unter Grafikdesignern? Fallen mir nur ganz wenige ein, aber einer ist sicher Mirko Borsche. Mirko arbeitet mit Mut und Chuzpe. Oft ist er dafür belächelt oder beschimpft worden. Heute jedoch sieht der Mainstream aus wie Mirkos Sachen vor zehn Jahren. Nur nicht bei ihm selbst.

Und das nehme ich mit von Boris Herrmann: Wenn ich glaube, schon im Risiko zu sein, ist das echte Wagnis noch seemeilenweit entfernt.

PS: Mutige Menschen sind oft sehr lustige Menschen. Das Motto von Francis Joyon, Skipper der IDEC Sport, lautet: »Man ist vor positiven Überraschungen nie sicher!« Das mag ich!

 

Die nächsten Sprecher und Termine der Creative Mornings in Hamburg gibt’s hier!

 




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