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»Es ist ein Kosmos, der sich in Skizzenbüchern auftut«

Wir sprachen mit Dr. Regina Freyberger, Leitung Graphische Sammlung ab 1750, im Frankfurter Städel Museum

 über die Vielfalt und Faszination des Skizzenbuchs.

Dr. Regina Freyberger, Städel Museum

Das Frankfurter Städel Museum beherbergt eine beeindruckende Graphische Sammlung mit Zeichnungen und Druckgrafiken vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Die gezeichneten oder gedruckten Werke sind hochsensibel und nur selten in Ausstellungen zu sehen, doch in dem frisch renovierten Studiensaal der Graphischen Sammlung kann man sich alle Originale vorlegen lassen und ausführlich studieren.

Über eine Förderung der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Hermann Reemtsma Stiftung im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“ konnte das Museum seinen Bestand an Skizzenbüchern zudem komplett restaurieren und digitalisieren und so für jedermann zugänglich machen. Wir sprachen mit der Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750, Regina Freyberger, über das Projekt und den Kosmos Skizzenbuch. Außerdem haben wir in der aktuellen PAGE Illustrationsprofis gefragt, wie es ihnen gelingt, Scribbeln zur täglichen Kreativroutine werden zu lassen.

Studiensaal Städel Museum Neu
Der Studiensaal der Graphischen Sammlung wurde im Oktober 2020 nach längerer Renovierung wiedereröffnet. Der neue Innenausbau stammt von Architekt Gisbert Pöppler und nimmt den Geist der 1950er-und 1960er-Jahre auf. Bild: Simon Watson

Sie kennen sich mit Skizzenbüchern aus. Kann man in ihrer Sammlung eine gemeinsame Motivation der Künstler erkennen oder einen analogen Effekt auf das finale Werk?

Wir haben 120 Skizzenbücher im Bestand des Städel Museums, die im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert stammen, also aus einer Zeit, in der man ganz selbstverständlich mit Skizzenbüchern auf Reisen ging. Künstlerinnen und Künstler zogen los, um für sie unbekannte oder reizvolle Länder zu sehen, um Gebäude und Landschaften zu studieren, die sie beispielsweise nur aus Reproduktionen kannten.

Sie reisten ‒ in unserem Fall vor allem nach Italien ‒ und notierten das, was sie besonders fesselte und interessierte, in ihre Skizzenbücher, und zwar ganz unterschiedlich, je nach ihrem eigenen ästhetischen Ansatz. Einzelnes führte später vielleicht in ein Gemälde, aber vielfach dienten Skizzenbücher als Experimentierfeld, als Motivsammlung, der privaten Freude am freien Zeichnen, der Schärfung der eigenen formalen Mittel usw.

Nicht alles was Sie im Projekt unter gehefteten Büchern bearbeitet haben, ist ein klassisches Skizzenbuch. Wie sehen die verschiedenen Werke aus?

Viele der Skizzenbücher sind in der Tat klassische Reiseskizzenbücher, manche wären eher als Mustersammlungen zu beschreiben, wieder andere dienten der Verzeichnung der eigenen, geschaffenen Gemälde oder sind Zierhandschriften. Die meisten Bücher wurden, so wie sie erhalten sind, vom Künstler erworben. Es handelt sich dann meist um industriell hergestellte Skizzenbücher mit Stiftlasche, oder um eigens handgebundene Skizzenbücher. Andere unserer ›Skizzenbücher‹ waren wiederum ursprünglich lose Blattsammlungen, die man erst später geheftet hat.

Neue Graphische Sammlung Städel Museum
Höhepunkte der Sammlung reichen von Dürer, Raffael oder Rembrandt über nazarenische Zeichnungen und französische Blätter des 18./19. Jahrhunderts bis hin zu Werken von Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner sowie Arbeiten der US-Kunst nach 1945. (Bild: Norbert Miguletz)

Es kam auch vor, dass Künstler ihre Skizzenbücher später auflösten und in Klebealben neu zusammenstellten. Immer wieder stammen im Übrigen auch lose Zeichnungen in Graphischen Sammlungen ursprünglich aus Skizzenbüchern. Man erkennt das zum Teil daran, dass sich an einer Blattseite noch eine Perforierungskante befindet oder Einkerbungen des Heftfadens. Umgekehrt sind auch aus Skizzenbüchern verschiedentlich Seiten ausgelöst worden.

Manchmal entnahm sie der Künstler selbst, weil er sie verschenkte oder in anderem Kontext weiterverwenden wollte. Manchmal, wenn Papier nicht leicht verfügbar war, wurde auf alles gezeichnet, was sich anbot. Von Kubin haben wir zum Beispiel einzelne gezeichnete Kompositionen auf altem Katasterpapier.

Man sieht in der digitalen Sammlung, dass Sie auch viele weiße Seiten fotografiert und archiviert haben, wieso?

Wir haben durchaus überlegt, ob wir diese vielen nicht bezeichneten Seiten digitalisieren sollen. Aber nur so lässt sich nachvollziehen, wie der Künstler das Buch genutzt hat. Wenn er das Buch spontan aufschlug, dann aber 30 Seiten überblätterte oder sozusagen plötzlich von hinten begann, dann wird das nur nachvollziehbar, wenn man auch die leeren Seiten dazwischen sieht.

Es gibt Künstler, die für Monate ihr Skizzenbuch gar nicht anfassten, die Blumen oder Pflanzen zwischen den Seiten pressten, oder neben die eigenen Studien Zeichnungen von Freunden klebten. Andere arbeiteten ihr Skizzenbuch relativ systematisch von Seite zu Seite durch, wie beispielsweise die aus Frankfurt stammenden Brüder Metz. Anhand der vielen Datierungen und Bezeichnungen unter ihren Skizzen konnten wir sogar ihre Reiserouten relativ gut rekonstruieren.

Der neue Studiensaal des Städel Museums
Die Graphische Sammlung bildet mit mehr als 100.000 Zeichnungen und Druckgrafiken den mit Abstand umfangreichsten Sammlungsbestand des Städel Museums. (Bild: Norbert Miguletz)

Von den Brüdern Metz stammen viele Skizzenbücher in ihrer Sammlung. Kann man erkennen, wie sich ihr Stil über die Zeit entwickelt hat?

Die Brüder Friedrich und Ludwig Metz beginnen mit vergleichsweise präzisen Zeichnungen, mit denen sie vor allem Architekturdarstellungen und Ornamente nach druckgrafischen Vorlagen kopierten. Das Kopieren nach Vorlagen hatte in der Ausbildung von Künstlern eine lange Tradition. In den späteren Skizzenbüchern wird der Strich immer reduzierter, die Zeichnungen werden immer skizzenhafter.

Jetzt entstehen Studien nach der Natur, auf Ausflügen in die Umgebung und auf Reisen. Das Detaillierte der ersten Skizzenbücher weicht einem Festhalten dessen, was sie künstlerisch besonders interessiert, was am Gesehenen als relevant, als charakteristisch empfunden wurde. Max Liebermann brachte das später auf die Formel: »Zeichnen heißt weglassen.«

Das großartige an Wilhelm Busch aber ist die Freiheit seiner Zeichnung. Es sitzt einfach jeder Strich.

Gibt es ein Skizzenbuch, das sie besonders fasziniert?

Es gibt eher einzelne Aspekte in verschiedenen Skizzenbüchern, die mich faszinieren und mir Freude machen. Wir haben ein Skizzenbuch von Wilhelm Wach, der 1818 nach Italien reiste und dort viele italienische Kunstdenkmäler festhielt. Diese Studien sind vor allem rezeptionsgeschichtlich interessant. Mich begeistern aber die Landschaften dazwischen, hier beschreibt er mit Parallelschraffen in Feder und Bleistift Bäume, Felsen und Gebüsch. Dadurch bekommen seine Zeichnungen etwas unglaublich Klares, Modernes.

Ein anderes Skizzenbuch wiederum verrät uns ganz deutlich, wie der Künstler gearbeitet hat. Es stammt von Emil Lugo aus den 1870er Jahren. Lugo hielt Landschaften zunächst in groben Umrissen fest, im Verlauf der Seiten sieht man dann, wie die Motive immer präziser, die Details reicher werden. Man kann dem Künstler gewissermaßen über die Schulter schauen und seinen Zeichenprozess mitverfolgen.

neue Graphische Sammlung Städel Museum
Zur neuen Möblierung für den Studiensaal gehören unter anderem die großen Vorlegetische, Stehpulte und Arbeitsplätze. Bild: Simon Watson

Dann ist da das Skizzenbuch von Carl Morgenstern, der einzelne seiner Zeichnungen mit Aquarellfarbe anlegt: die Jäger in der Furt oder mehrere windgebeutelte Tannen. Es ist ein aufmerksam beobachtetes, aber gleichzeitig stimmungshaftes Kolorit. Außerdem haben wir das Glück mehrere Bilderhandschriften von Wilhelm Busch zu besitzen, bei denen es sich strenggenommen aber um keine Skizzenbücher handelt.

Busch zeichnete die einzelnen Szenen seiner Bilderfolgen meist wie einen Bilderbogen in Zeilen neben- und untereinander auf ein großes Blatt Papier. Diesen zerschnitt er später und klebte, wie bei der Jobsiade, die einzelnen Szenen neu in ein Album, um dann den gereimten Text darunterzuschreiben. Das war dann gewissermaßen das Muster für die spätere Buchherstellung. Das großartige an Wilhelm Busch aber ist die Freiheit seiner Zeichnung. Es sitzt einfach jeder Strich.

Lohnt sich der Weg ins Städel Museum weiterhin, nun wo die Skizzenbücher digitalisiert sind?

Auf jeden Fall! Die Digitalisierung war ja nur ein Aspekt dieses Projekts, für die weitere Forschung ein ungemein wichtiger Aspekt zwar, bei dem die Löwenarbeit zwei junge Kunsthistorikerinnen ganz hervorragend geleistet haben, die unter anderem den Inhalt eines jeden Skizzenbuchs seitenweise aufschlüsselten. Aber noch mehr freut mich, dass wir die Bücher restauratorisch und konservatorisch behandeln konnten und sie sich dadurch wieder vorzeigen lassen.

Jede Zeichnung wirkt im Original noch einmal ganz anders. Schon allein die verschiedenen Zeichenmittel, Papiere und auch Formate – vom kleinen Taschenbuch bis hin zum Folianten, der so groß ist wie ein Coffee Table Book – lassen sich digital letztlich nur bedingt vermitteln, selbst wenn man mit leichtem Streiflicht aufnimmt, um die unterschiedlichen Texturen einzufangen. Das unmittelbare Erlebnis vor dem Original, auch darin blättern zu können, lässt sich nicht ersetzen. Es lohnt sich also unbedingt!

Anmeldung und Öffnungszeiten Studiensaal Graphische Sammlung

PAGE 06.2021

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