PAGE online

Siebert-Kolumne: Mehr sehen, mehr hören, mehr sprechen

Manche halten Solidarität für eine Option: »Heute fühle ich echt mit. Morgen können mich alle mal.« Aber so läuft das nicht!

© Karin Kraemer, www.karin-kraemer.net | www.instagram.com/karin__kraemer

Die sozialen Netze sind einst mit dem Versprechen angetreten, die Welt näher zusammenzubringen. Inzwischen wissen wir, dass sie die Menschen auseinandertreiben, weil auf Wachstum abgerichtete Algorithmen populistischen Blödsinn aufbauschen, der die Gesellschaft spaltet.

Als die US-Kartellbehörde jüngst wieder die Zerschlagung eines Online-Riesen forderte, erinnerte der australische Sozialwissenschaftler Jathan Sadowski auf Twitter an unser aller Verantwortung: »Wenn ich das aktuell größte Problem von Technologie und Gesellschaft in Interviews anspreche, heißt es oft: ›Egal: Wir haben uns einfach entschieden, X nicht mehr zu nutzen‹«. Sein Schluss: Wenn uns zu sozialen Problemen, die uns Industrien einbrocken, nichts anderes einfalle, als uns mit der eigenen Position freizusprechen, sei unser Schicksal besiegelt.

Starker Tobak. Haben wir nicht alle schon eine der folgenden Aussagen getroffen?

  • »Ich bin nicht auf Facebook!«
  • »Microsoft-Programme? Verwende ich nicht.«
  • »Überall Fußball . . . interessiert doch keinen!«
  • »Das ist nicht mein Bier.«

Bevor wir uns falsch verstehen: Niemand soll gezwungen wer­den, Dinge zu tun oder zu mögen, die dem eigenen Leben nicht dienlich sind. Doch wer sich als Teil der Gesellschaft empfindet und Hoffnungen in sie setzt, muss über den eigenen Tellerrand hinausdenken, damit ein ausgeblendetes Problem nicht durch die Hintertür wieder ins Haus kommt.

Das Wort »Solidarität« scheint aus der Mode gekommen zu sein. Einst war es ein Kampfbegriff, die Vision von der Stärke der Schwachen, die aus ihrem Zusammenhalt erwächst. Mit steigen­dem Wohlstand halfen sich die Menschen immer noch wechselseitig, aber nur halb aus Altruismus, zur anderen Hälfte aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Heute ist Solidarität ein Daseinsbegriff und die Grundlage für vielfältige Geschäfts- und Versiche­rungsmodelle, einschließlich der Säulen unseres Sozialstaats.

Manche halten sie für eine Option: »Heute fühle ich echt mit. Morgen können mich alle mal.« Sowohl die Klimadebatte als auch Corona haben uns gezeigt, dass das so nicht läuft. Das Gute an der schrecklichen Pandemie ist, dass sie präzise zu berechnen ist, was manche Politiker:innen immer noch nicht verstanden haben. Und die Ausbreitung wird genau beobachtet: Das Robert Koch Institut und die Gesundheitszentren liefern uns täglich aktuelle Zahlen über das Infektionsgeschehen.

Sich impfen lassen heißt: (1) sich selbst und (2) andere schützen. Rund 30 Prozent der Menschen im Land ist beides egal. Das kann wiede­rum den anderen 70 Prozent nicht egal sein, denn mit dieser Quote bekommen wir das Virus nicht in den Griff. Wir sit­zen alle im selben Boot. Nichts macht das so deutlich wie Corona. Zu Beginn der Pandemie war die Solidarität eindrucksvoll, sodass Deutschland bisweilen als Musterknabe in der Krise dastand. Nach rund zwei Jahren sind sogar die Geimpften in Gefahr, weil sich das Virus stärker als je zuvor verbreitet.

Die vierte Welle erinnert uns daran, wieder solidarisch zu han­deln, nicht nur im Supermarkt und im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch im Job. Solidarität und Arbeit bilden ein komplexes Verhältnis. Beide können nicht ohne das andere existieren. Nicht umsonst werden in Stellenausschreibungen Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Empowerment oder Werteorientierung gefordert. Im Team bedarf es der ständigen Positionsbestimmung zwischen dem Ich und den anderen. Wird eine Waagschale zu stark betont oder vernachlässigt, quält sich entweder ein ein­zelner Mensch oder der ganze Laden.

Auch Werbung und Marketing müssen sich daran erinnern, dass wir zuallererst Bürgerinnen und Bürger sind – und dann erst Verbraucher- oder User:innen. Die emotionalen Weihnachts­spots zeigen, dass einige Marken bereits den richtigen Ton gefunden haben. Sie stellen das Miteinander in den Mittelpunkt ihrer Kam­pagne, und das ist gut so.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren