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Siebert-Kolumne: Design und Gewissen

Ein Tweet des Designers Mike Monteiro hat unseren Kolumnisten Jürgen Siebert nachdenklich gemacht.

Jürgen siebert, Sieberts Fundstücke

Kreative – ob selbstständig oder als Agentur organisiert – sind Dienstleister, also den Zielen ihrer Kunden verpflichtet. Das klingt zunächst harmlos, führt aber mitunter zu Konflikten. Spätestens beim Lesen eines Geheimhaltungsvertrags (NDA) setzt man sich näher mit dem Geschäftszweck des zu ­betreuenden Unternehmens auseinander, der eventuell nicht 100-­prozentig mit den eigenen Werten in Einklang steht. Wobei ein möglicher Gewissenskonflikt nicht immer so leicht vorhersehbar ist wie bei Herstellern von Zigaretten, Pflanzenschutzmitteln oder Schusswaffen.

Der Berliner Schriftgestalter Christoph Koeberlin, seit seiner Kindheit Fan des 1. FC Kaiserslautern, geriet jüngst in ein Dilemma, als er vom Lokalrivalen der Roten Teufel – Mainz 05 – angefragt wurde, eine exklusive Schriftfamilie zu entwerfen. Er nahm den Job letztlich an, justierte seine Sympathien neu und erntete nach dem visuellen Relaunch des Vereins Beifall für seine Arbeit.

Kreative haben immer wieder versucht, ihre Rolle innerhalb eines kapitalistischen Systems zu definieren. Einer der Ersten war 1964 Ken Garland mit seinem »First things first«-Manifesto, dem sich 400 Berufskollegen anschlossen. Mit Kathleen Hannas »Riot Grrrl Manifesto« etablierte sich 1991 eine Bewegung, die feministische Ziele mit Punk verknüpfte. 2007 unternahm Allan Chochinov mit »1000 Words: A Manifesto for Sustainability« den Versuch, die Designbranche zu einem Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen.

Keine dieser Initiativen hat zu einem universellen Design­ethos geführt. Wie auch? Die Toleranz bis zu dem Moment, wo ich einen Job aus ethischen Gründen ablehnen muss, ist individuell verschieden. Und sie hängt auch davon ab, ob ich als Selbst­ständige/r für mich alleine verantwortlich bin oder eine mehrköpfige Agentur leite und damit den Lebensunterhalt anderer Men­schen sicherstelle.

Ein sehr politischer Designer, der seine Meinung auf Bühnen und in Social Media frei äußert, ist Mike Monteiro, Co-Founder von Mule Design in San Francisco. Als er Anfang Februar aus den Medien erfuhr, warum sich die Zahl der Patienten, die aufgrund einer Morphin-Überdosis zu Tode kam, mehr als verdreifacht hatte, rastete er auf Twitter aus: »Jeder, der hier mitgewirkt hat, gehört ins Gefängnis: Manager, Strategen, Designer und Entwickler . . . Sie wussten, was passieren kann, und haben es trotzdem gebaut. Schande über sie.« Seine Attacke richtet sich gegen die Entwickler einer Patientenverwaltungssoftware, die von Tau­sen­den US-Ärzten eingesetzt wird und so programmiert war, dass zur Behandlung einer häufigen Krankheit ein spezielles Opiat empfohlen wurde … das Ergebnis eines geheimen Deals zwischen dem Hersteller des Medikaments und der Softwarefirma.

Bevor sich nun verantwortungsvolle Designerinnen und Designer in die Rolle von Whistleblowern gedrängt fühlen, sollten wir vielleicht kurz beleuchten, ob es nicht auch für Kreative »den Gang durch die Institutionen« gibt. Immerhin drängt seit Anfang des Jahres auch der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock auf Nachhaltigkeit. Man werde Vorständen und Aufsichtsräten die Zustimmung verweigern, falls ihr Unternehmen keine ausreichenden Fortschritte in diesem Punkt mache, hieß es von­seiten des Investors.

Die Zeichen stehen gut für Kreative, im Einklang mit den eigenen Werten zu gestalten

Wenn also Unternehmen langsam von oben (und unten) zum Umdenken gezwungen werden, sollte es auch Kreativen möglich sein, soziale und politische Themen aktiv anzugehen und in Projektgespräche einfließen zu lassen. Die Zeichen stehen gut, um mit den eigenen Mitteln einen positiven Beitrag zu leisten: Umweltpapier und Biodruckfarben für alle Drucksachen, Dienst­leister mit fairen Löhnen wählen, klimaneutral produzieren, langlebige Kommunikationsmittel schaffen, energieeffizientes Webdesign . . . und andere zum Mitmachen anregen, sowohl auf Unternehmensseite als auch aufseiten der Verbraucher. Denn der Multiplikationseffekt könnte mehr bewirken als ein per­sönli­cher (Selbst-)Boykott.

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