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Siebert-Kolumne: Aufschieberitis – das Gehirn ist schuld

Was können wir gegen das Prokrasti­nieren tun und wie anstrengend wird das? Unser Kolumnist Jürgen Siebert hat fünf Tipps, wie wir den inneren Schweinehund besiegen.

Illustration Prokrastination Karin Kraemer
© Karin Kraemer, www.karin-kraemer.net | www.instagram.com/karin__kraemer

Selten lag mir ein Thema näher als dieses: Prokrastination. Die wunderbare Redakteurin meiner PAGE-Kolumne, Astrid Umbreit, weiß genau, wovon ich schreibe. Alle vier Wochen schickt sie mir freitags die Erinnerung, dass meine Kolumne fällig sei. Und wann liefere ich? Eine Woche danach. Wir respektieren diesen Rhythmus seit einigen Jahren, denn das Vorsichherschieben ist mit eingerechnet.

Vor allem Kreative sind das perfekte Opfer dieser Krankheit … oder sagen wir: Falle. Der Designer und Philosoph Oliver Reichenstein schrieb Mitte November in seinem Beitrag »End Procrastination«: »Pro­krastination gibt es im Sinne des täglichen Problems, etwas anzufangen. Es gibt sie im Sinne der Schwäche, Dinge zu Ende zu bringen. Und es gibt sie als wochen-, monate- oder jahrelange zer­störerische Selbst­quälerei. Die ersten beiden sind lästig, aber heilbar. Letzteres kann deine Existenz ruinieren.«

Das Thema ist also ernst. Darum beschäftigt sich auch die Wissenschaft damit: Die Forscherin Caroline Schlüter von der Ruhr-Universität Bochum hat vor vier Jahren 264 Proband:innen gefragt, wie stark ihr Hang zum Aufschieben ist und wie gut sie ihre Handlungskontrolle einschätzen. Dazu wurden ihre Gehirne gescannt, um Areale und deren Vernetzung zu vergleichen.

Die Biopsychologin und ihr Team kamen zu der Erkenntnis, dass es zwischen Schnellstarter- und Aufschieber:innen deutliche neuronale Unterschiede gibt. Menschen, die zum Prokrastinieren neigen, hatten einen vergrößerten Mandelkern – das ist ein Hirnareal, das als unser Gefühlszentrum gilt und wichtig für das Wiedererkennen und Einschätzen von Situationen ist. Gleichzeitig ist bei diesen Personen der Mandelkern schwächer mit dem anterioren cingulären Cortex (ACC) verknüpft, der maßgeblich unser Handeln antreibt und fokussiert. Ergebnis: Wegen des hemmenden Einflus­­ses eines skeptischen, schlecht vernetzten Mandelkerns trauen wir uns weniger zu und geben jeder kleinen Ablenkung nach.

Bedeutet das nun, dass wir gar nichts gegen das Prokrasti­nieren tun können? Nein, es bedarf allerdings der Kraft des Willens, um den inneren Schweinehund zu besiegen und mit einer Aufgabe zu beginnen. Hier sind fünf Tipps:

1 Der 10-Minuten-Trick. Beginne sofort mit dem unerquicklichen Projekt, aber nur für 10 Minuten. Weil du den Grundstein gelegt hast, wird aus einem Riesenberg ein Häufchen. Spoiler: Du hörst in 9 von 10 Fällen gar nicht auf, weil du bereits so tief im Thema steckst, dass es Freude macht, fortzufahren. (Bitte vergiss diesen Satz!)

2 Teile deine Arbeit in sinnvolle Abschnitte auf. Beginne mit dem leichtesten. Dann mit dem dazu passenden. Der österreichische Schriftsteller Johannes Mario Simmel hat seinen Arbeitstag stets mit einer halb gefüllten Schreibmaschinenseite beendet, damit er am nächsten Tag nicht vor einem leeren Blatt saß.

3 Warte nicht auf Inspiration, gehe ihr entgegen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass eine gute, tragfähige Idee irgendwie automatisch kommt. Du kannst sie jedoch auch auslösen: durch einen Spaziergang, mit einem Gespräch, einer Dusche oder irgendeinem anderen Husarenstück, fern deines Arbeitsplatzes.

4 Baue dir selbst Druck auf. Aber bitte keinen Zeitdruck, denn dem gilt es ja zuvorzukommen. Erzähle anderen von deiner Aufgabe und baue geschickt ein, dass du noch heute damit beginnen wirst. Man solle dich abends nach dem Zwischenstand fragen. Ja, Druck!

5 Plane eine Belohnung für das Ende des Tages, an dem du mit dem Projekt beginnst. Aber bitte keine Süßigkeiten oder Genussmittel. Sonst bist du auf dem besten Weg zur nächsten Abhängigkeit. Der Kampf gegen Sucht und Prokrastination ist ein Zweifrontenkrieg, den du gar nicht erst riskieren solltest.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Beeinruckend.

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