republica17: Liebe als Revolution

Dass man in Zeiten von Hass jede Menge Liebe braucht, aber auch Köpfchen, Empathie und genauso viel Willen zum Entgegenhalten, hat die republica17 gezeigt – und auch, was Kreative tun können.



Die republica17 begann bewegend. Zum Auftakt von Europas wichtigster Digitalkonferenz mit dem diesjährigen Thema »Love out Loud« und Diskussionen über Hass und Ausgrenzung, Gewalt, Rassismus und andere Ungerechtigkeiten, überließ man denen die Bühne, die keine mehr haben:

Allen voran Can Dündar, der türkische Journalist und ehemalige Chefredakteur der Zeitung »Cumhuriyet«, der nach einem Bericht über geheime Waffenlieferungen in seiner Heimat inhaftiert wurde und sich nach seiner Freilassung für inhaftierte Kollegen einsetzt und die Richter, die ihn schließlich freigesprochen haben.

Carolin Emcke plädierte anschließend für gesellschaftliche Solidarität – und Sascha Lobo hielt seine (fast) alljährliche, legendäre Rede zur Nation, zu der gefühlt alle Teilnehmer der republica kamen, sich in die Gänge quetschten, auf den Boden hockten, um zu lauschen, was der Blogger und Autor in seinem Vortrag »Vom Reden im Netz« zu sagen hat.

Und das war einiges. Er begann mit einem #freedeniz Aufruf, beleuchtete didaktisch, eindringlich und mit Selbstironie, wie er in Netzdebatten immer unerbittlicher und härter gegenüber anderen Meinungen wurde  – und endete mit dem Appell, miteinander zu reden. Mit Menschen, die in den steigenden rechten Sumpf abdriften, der die kleine Insel der liberalen Demokratie umgibt, und sie so in Gesprächen wieder an Land zu holen. Mehr Toleranz walten zu lassen und auch trotz »unangenehmer und kreuzdämlicher« Meinungen auf einen konstruktiven Dialog zu setzen – und auf eine Zangenstrategie. Heißt, auf der einen Seite reden, auf der anderen demonstrieren und Kante zeigen. Ganz wir er es in seinem Film »Manipuliert« zeigt, der am 18.5. um 23 Uhr bei ZDFneo ausgestrahlt wird.

Was Agenturen und Gestalter zu dem Kampf gegen Rechts beitragen können, zeigte schließlich Gerald Hensel, früherer Scholz-&-Friends-Stratege, der im letzten Jahr mit seiner Aktion #keingeldfürrechts einen riesigen Shitstorm ausgelöst hatte.

Jetzt ist er zurück. Mit der Initiative fearlessdemocracy.org, die aus der Überzeugung gegründet wurde, dass Marken heute nicht mehr unpolitisch sein können.
Das liegt an der Bannerwerbung, die im Netz floriert und dessen Ausspielung auf Websites, zu denen u.a. auch Breitbart News gehört, nur schlecht kontrolliert werden kann. Auch nicht, wenn sich auf Youtube ein Werbebanner der britischen Zeitung The Guardian plötzlich als Bauchbinde auf einem Isis-Propagandavideo findet.

Eine kurzfristige Schaltung, die schnell behoben wurde. Aber das Programmatic Advertising, das Banner im Netz nahezu ohne Kontrolle ausspielt, ist ein Problem, denn die Kontexte können nicht mehr überprüft werden.

In einer Blacklist können Kunden die Websites anhaken, auf denen ihre Banner nicht gezeigt werden sollen und über 1000 Werbekunden haben das während der Aktion #keingeldfürrechts auch getan.

Aber Henkel findet, es reicht nicht dort aufzuhören. Denn das betrifft nur extreme Medien und nicht den Bereich »Hey, wenigstens schlagen sie keine Köpfe ab«.

Man sollte es nicht allein Google & Co. überlassen, z.B. auf Youtube Videos zu entfernen, sondern die Agenturen selbst sollten Verantwortung übernehmen – gerade auch in Zeiten, wo Politik selbst zum Tool ihrer Arbeit geworden ist.

Furchtbar daneben ging das gerade in dem Pepsi-Spot mit Kylie Jenner, die Polizisten auf einer Demo, die an die Aktionen der Black Live Matter Bewegung erinnerte, zur Weltverständigung eine Dose Pepsi anbot. Gefeiert hingegen wird gerade der Heineken Spot #openyourworld, der unterschiedliche politische Lager zusammenbringt – und die Liste ließe sich immer weiter führen.

Im April 2017 gegründet, hat sich Fearlessdemocracy zur Aufgabe gemacht, »toleranzfeindlichen Angriffen gegen die Zivilgesellschaft entgegenzutreten« – und zwar mit Profis im Bereich Marketing, digitalen Medien, PR und Content.

Und bevor am Ende der Konferenz jeder Helfer einzeln beklatscht wurde und die 9000 Teilnehmer wie immer gemeinsam »Bohemian Rhapsody« geschmettert haben, sprach Felix Schwenzel, Web-Entwickler, Blogger und humorvoller Philosoph, über Erich Fromms »Die Kunst des Liebens« – und wer einen so launigen wie bewegenden Abriss über die Liebe sehen möchte, darüber wie man mit ihr wächst und die Welt eine bessere wird, wenn man sein Herz öffnet – und das auch für sich selbst – sollte sich unbedingt das Video des Talks anschauen.

Denn wie Edward Snowden sagt: In times of hate, love is a revolution.

Mehr über die republica17: Coca Cola stat RTL, Edeka statt ProSieben

»Bohemian Rhapsody«-Karaoke zum Abschluss der republica17


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