Freelancing – die Zukunft der Arbeit in der Kreativbranche?

Freelancing boomt weltweit, besonders in der Kreativbranche. Was man über das Arbeitsmodell wissen muss. Plus: Ratgeber zum Thema Scheinselbstständigkeit.



Kaum eine Agentur kommt heute noch ohne Freelancer aus – sei es, um personelle Engpässe zu überbrücken, um Pitchphasen zu überstehen oder aus Mangel an Spezialwissen, das man aber nur punktuell benötigt. Kreative Freiberufler sind derzeit gefragt wie nie. Erfahrene Freelancer sind über Monate ausgebucht, und auch Berufsanfänger, die frisch von der Uni kommen, finden schnell Auftraggeber.

Unabhängigkeit, Freiheit, Selbstverwirklichung und (meist) mehr Geld: Das Arbeitsmodell Freelancing klingt erst mal ziemlich attraktiv. Ganz so einfach ist es allerdings nicht – zumindest nicht für jeden. Letztlich ist die Entscheidung für oder gegen Freelancing immer sehr persönlich und extrem typabhängig. Wir geben Hilfestellung.

Wer bin ich? Was will ich?

Vorab: Ein guter Designer zu sein reicht nicht, um sich als Freelancer zu behaupten. Denn zur rein fachlichen Arbeit kommen Aufgaben wie Buchhaltung, Steuern oder Akquise hinzu. »Als Freelancer ist man im Grunde eine Ein-Personen-Agentur. Das überfor dert viele, gerade am Anfang«, sagt Yannick Krohn, freier Frontend-Entwickler in Hamburg und Betreiber des Freelancer Podcasts. »Man ist für alles selbst verantwortlich – im Guten wie im Schlechten. Läuft etwas schief, gibt es keinen, dem man die Schuld zu schieben kann, weil man immer die letzte Instanz ist.« Umgekehrt ist es natürlich ein verdammt gutes Gefühl, wenn man allein einen Job gewuppt hat und die Lorbeeren einstreicht.

Ein guter Designer zu sein reicht nicht, um sich als Freelancer zu behaupten

Und dann ist da die finanzielle Unsicherheit, der man sich als Freelancer stellen muss. Ob oder wie viel Geld die kommenden Monate reinkommt, lässt sich nur selten genau vorhersagen. Das hängt nicht nur von der Auftragslage ab, sondern auch von der Zahlungsmoral der Kunden. »Freelancing ist nur bis zu einem gewissen Grad planbar. Es gibt immer wieder Momente, in denen man Geduld und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben muss«, erläutert Julia Tammeveski, Gründerin der Personalberatung woher&wohin in Berlin und zuständig für das Freelancer-Management bei der Berliner Digitalagentur ressourcenmangel. Auf der anderen Seite ist auch die Festanstellung nicht immer sicher – gerade im volatilen Agenturgeschäft. Geht ein großer Kunde verloren, kostet das schnell einige Jobs, vor allem am unteren Ende der Karriereleiter.

Apropos Finanzen: Normalerweise verdient man als Freelancer mehr als in Festanstellung – vorausgesetzt, man ist gut in dem, was man tut, und wird entsprechend bezahlt und gebucht. Von den hohen Bruttobeträgen darf man sich aber nicht täuschen lassen, immerhin muss man sich selbst renten- und krankenversichern und an die Steuer denken. Dennoch bleibt unterm Strich für die meisten mehr übrig. Das liegt laut André Hennen, Texter und Autor in Hamburg, am Gehaltsdeckel in deutschen Agenturen: »Für einen Senior Texter etwa ist oft bei 4.000 bis 5.000 Euro im Monat Schluss, sofern er keine Managementaufgaben übernimmt. In England oder den USA ist das anders. Da verdient ein Designer auch schon mal mehr als ein Kreativdirektor. Wer hierzulande mehr verdienen und nicht Manager werden möchte, liebäugelt mit der Selbstständigkeit.« Das heißt auch: Als Freelancer steigt man aus dem Karrierespiel aus – denn Beförderungen gibt es nur in Festanstellung. Wer auf Titel aus ist, muss sich in einer Agentur hocharbeiten.

Modell Agentur-Freelancer

Viele Freie arbeiten vornehmlich für Agenturen und weniger für Direktkunden. Das ist eine relativ sichere Bank, denn Bedarf besteht immer. Doch gibt man damit oft ein Stück Selbstbestimmung auf, denn die meisten Agenturen wünschen sich, dass man vor Ort arbeitet und sich an dortige Gepflogenheiten hält. Das ist nicht im Sinne jedes Kreativen: »Als Freelancer habe ich nie in der Agentur gearbeitet, sondern im eigenen Büro. Der Abstand und die Freiheit waren mir sehr wichtig. Wenn man vor Ort ist, wird man schnell mal für Aufgaben eingespannt, die gar nicht zum Auftrag gehören«, sagt Falko Ohlmer, der sieben Jahre als Freelance Designer arbeitete, bis er mit Arndt Benedikt sein eigenes Designstudio gründete. Andere schätzen wiederum den Kontakt und die Anbindung ans Team. Bei Urlaubsvertretungen taucht man oft noch tiefer ein und lernt Agenturen besser kennen. Daraus ergeben sich mitunter auch Festanstellungen.

Projekte in Agenturen begleiten Freie zumeist nicht von Anfang bis Ende – eher spielen sie Feuerwehr in Pitchphasen oder bei Engpässen. Das kann für viel Abwechslung sorgen, doch haben die Ergebnisse manchmal nicht mehr viel mit der eigenen Idee zu tun – und man kann sie nicht für die Mappe verwenden. Um diese aufzubessern, sollte man also entweder ein paar Direktkunden haben oder eine Zeit lang fest arbeiten.

Das Modell Agentur-Freelancer eignet sich vor allem für diejenigen, die Spaß am Agenturalltag haben, gerne in Teams arbeiten und nach getaner Arbeit weiterziehen wollen

Das Modell Agentur-Freelancer eignet sich vor allem für diejenigen, die Spaß am Agenturalltag haben, gerne in Teams arbeiten und nach getaner Arbeit weiterziehen wollen. Hat man ein paar Jobs gut gemacht, wird dieses Modell schnell zum Selbstläufer: Dank Mundpropaganda kommen regelmäßig Aufträge rein, und man muss kaum noch Akquise betreiben. Buchungen erstrecken sich teilweise über Wochen oder sogar Monate und sorgen für Planungssicherheit. Allerdings schwebt bei solchen Aufträgen immer das Schreckgespenst Scheinselbstständigkeit im Raum (siehe unten).

Ich will freelancen! Was muss ich tun?

Vor dem Wechsel in die Selbstständigkeit muss man sich überlegen, welche Leistung man anbieten möchte und mit welchem Anspruch man sich am Markt positionieren will. Sieht man sich als Allrounder oder eher als Spezialist? Will man in Agenturen Aufgaben »wegschrubben« oder als Experte zu kniffligen Projekten hinzugezogen werden? Oder lieber für eigene Kunden arbeiten?

Wie man im Markt wahrgenommen wird, entscheidet auch der Preis: »Mit höherem Tagessatz wird man weniger durchgebucht und ist eher jemand, der für ein, zwei Wochen den Kreativdirektor vertritt. Mit Tagessätzen zwischen 500 und 600 Euro ist es wahrscheinlicher, dass man auf Monatsbasis gebucht wird«, erklärt André Hennen. »Der Preis ist symbolischer, als viele denken. Ist er hoch, verleiht einem das automatisch mehr Respekt und Autorität.« Dafür sind natürlich ein gewisser Erfahrungsschatz, Talent und ein entsprechender Ruf notwendig. Hennen selbst hat sich als freier Texter für ein 50:50-Modell entschieden: Die Hälfte seiner Zeit arbeitet er für Agenturen, den Rest steckt er in eigene Projekte wie das Buch »Kunst, Kommerz und Kinderkriegen« oder das Freelancer-Management-Tool HalloFreelancer.

Die Vernetzung mit anderen Freien hilft, sich zurechtzufinden und abzugleichen

Die Vernetzung mit anderen Freien hilft, sich zurechtzufinden und abzugleichen: Wer ist auf meinem Level im Markt aktiv, und wie viel Honorar verlangt er oder sie? Orientierung geben zudem der Vergütungstarifvertrag der Allianz deutscher Designer und der Stundenlohnrechner des Berufsverbands der Kommunikationsdesigner. Eine kleine Warnung an alle Berliner: »Die Stadt ist bei Freelancern international sehr beliebt und der Markt entsprechend umkämpft«, so Julia Tammeveski. »Auf Dumpingpreise sollte man sich aber nicht einlassen. Hier ist es gut, ein klares und möglichst uniques Profil zu haben und dieses zu vertreten.«

Um den Schritt in die Selbstständigkeit entspannt machen zu können, empfiehlt sich ein finanzielles Polster von zwei, drei Monatsgehältern. Das nimmt vor allem in der Anfangszeit den Druck raus – gilt aber auch für später, denn die eine oder andere Durststrecke kommt bestimmt. Idealerweise startet man mit ersten Aufträgen ins Freelancertum. »Wer sich selbstständig machen will, sollte früh möglichst vielen Leuten Bescheid sagen und nicht abwarten, bis das Geschäft läuft«, rät Yannick Krohn. »Erste Aufträge kommen oft über Verwandte, Freunde und Bekannte.«

Darüber hinaus gibt es einige rechtliche und organisatorische Dinge zu klären, etwa die geeignete Rechtsform, Gründungszuschuss, Altersvorsorge, Künstlersozialkasse und Businessplan. Informationen hierzu findet man bei lokalen Gründungsberatungen sowie über die Websites der Agentur für Arbeit, der Handelskammer, der KfW Bankengruppe und der jeweiligen Stadt – und natürlich bei PAGE .

Ich bin Freelancer! Und jetzt?

Sie sind Freelancer, gut gebucht, ausgestattet mit den richtigen Versicherungen und einer ordentlichen Altersvorsorge? Glückwunsch! Ausruhen sollten Sie sich darauf aber nicht. »Freiberufler sollten sich regelmäßig reflektieren, innehalten und neu ausrichten«, rät Julia Tammeveski. »Einfach so ins Blaue hinein zu arbeiten ist nicht ratsam. Auch hier braucht es eine gute Strategie.« Viele ziehen sich mit zunehmender Erfahrung aus Agenturjobs zurück und betreuen Kunden direkt. Andere wechseln nach ein paar Jahren wieder in eine Festanstellung – weil es ihnen bei einem Auftraggeber so gut gefallen hat oder weil sie sich nach mehr Sicherheit sehnen. Letzteres ist oft der Fall, wenn die Familienplanung anläuft.

Ebenfalls beliebt ist die Gründung einer eigenen Firma. Falko Ohlmer und Felix Groß starteten 2014 ihre Designagentur Arndt Benedikt: »Durch unser Team sind wir breiter aufgestellt und können größere Projekte und Unternehmen betreuen.« Natürlich übernimmt man damit mehr Verantwortung. »Richtig abschalten geht eigentlich nicht mehr – auch im Urlaub muss man Mails checken, um reagieren zu können, wenn etwas schiefläuft«, sagt Falko Ohlmer. Trotzdem ist er davon überzeugt, dass die Agenturgründung die für ihn richtige Entscheidung war.

Als Freelancer muss man sich selbst um die eigene Weiterent-wicklung kümmern

Als Freelancer muss man sich selbst um die eigene Weiterentwicklung kümmern, etwa durch die Auswahl der Aufträge, die man annimmt oder um die man sich bemüht. Empfehlenswert ist eine Mischung aus Projekten, die leicht abzuarbeiten sind – quasi leicht verdientes Geld –, und herausfordernden Jobs, an denen man wächst. Ratsam sind auch Weiterbildungen durch Seminare, Webinare und Konferenzen, auf denen man zudem noch netzwerken kann.

Last but not least: Achtsamkeit! Viele Freelancer gönnen sich zu wenige Auszeiten – aus Angst, dass sonst die Aufträge ausbleiben. Überlastung schadet aber genau der Fähigkeit, der sie ihre Existenz verdanken: ihrer Kreativität. »Ein häufiger Fehler ist, Kunden zu viel Spielraum zu geben«, warnt Yannick Krohn. »Es ist wichtig, sich als gleichberechtigten Partner zu positionieren und Grenzen zu ziehen, wie: Nach 18 Uhr keine Anrufe mehr und keine Wochenendarbeit.« Schließlich ist man Freelancer, weil es mehr Selbstbestimmtheit bedeutet. Für diese muss man auch einstehen.

Freelancer, vereinigt euch!

Ebenfalls wichtig für die seelische Gesundheit sind soziale Kontakte. Networking ist nicht nur für die Akquise unabdingbar, sondern auch zum Vernetzen mit anderen Freelancern. Wer keine Kollegen hat, muss sich aktiv Leute suchen, mit denen er sich austauschen und auch mal über Auftraggeber lästern kann. Mit einem guten Netzwerk wird man zudem öfter weiterempfohlen und für Gemeinschaftsprojekte angefragt. Einige Freie bilden auch Teams – oder gründen ein gemeinsames Unternehmen. »Wer noch ganz frisch dabei ist, kann von den Erfahrungen anderer lernen und findet vielleicht einen Mentor«, sagt Yannick Krohn. Am besten fängt man damit schon an, bevor man sich selbstständig macht. »Die ersten Monate als Freelancer können ganz schön einsam sein. Da ist es gut, wenn man schon ein Netzwerk aufgebaut hat«, rät Krohn.

Anschluss findet man beispielsweise auf Branchenevents und Konferenzen oder Meetups. Wer darauf keine Lust hat, findet in den Social Media eine große Freelancer-Community. Auf Facebook gibt es verschiedene Gruppen, in denen sich Freiberufler austauschen, Aufträge posten – oder vor bestimmten Auftraggebern warnen. Eine nützliche Anlaufstelle ist auch der Freelancer Podcast von Yannick Krohn und Lukas Fehling: Die beiden sprechen mit Freien über ihren Arbeitsalltag und geben Tipps zu Themen wie Versicherungen, dem Umgang mit Durststrecken und der Datenschutz-Grundverordung, kurz DSGVO. Ganz analog netzwerken lässt es sich auch in Coworking Spaces oder Gemeinschaftsbüros – für alle, die den täglichen Plausch an der Kaffeemaschine nicht missen möchten.

Agenturen, liebt eure Freelancer!

Agenturen verbindet mit Freelancern meist eine Hassliebe: Einerseits schaffen sie schnell und flexibel Arbeit weg, andererseits sind sie teuer. Allerdings haben die meisten Agenturen keine andere Wahl – sei es wegen des eher unbeständigen Projektgeschäfts oder weil sich Digitalexperten und Kreativ-Asse einfach nicht mehr fest anstellen lassen wollen. So ist um wirklich gute Freelancer längst ein ähnlicher Wettbewerb ausgebrochen wie um feste Mitarbeiter. Meist haben die Agenturen einen Pool aus Freien, die sie regelmäßig buchen. »Viele von ihnen haben vorher fest bei uns gearbeitet und kennen daher die Agentur und unsere internen Abläufe sehr gut«, berichtet Inga van Ackeren, Head of Human Ressources & Corporate Development bei Mutabor in Hamburg. Außerhalb des Pools setzt sie gerne auf Empfehlungen von Mitarbeitern und anderen Freelancern oder postet Gesuche auf XING und in Facebook-Gruppen.

Um wirklich gute Freelancer ist längst ein ähnlicher Wettbewerb ausgebrochen wie um feste Mitarbeiter

Andrea Pusch, Personalmanagerin bei Kolle Rebbe in Hamburg, sieht das Freelancer-Management auch als Recruitingtool: »Wenn man zusammen an Projekten arbeitet, lernt man sich viel besser kennen als in Bewerbungsgesprächen. Ab und an ergeben sich daraus auch Festanstellungen.« Damit das klappt, müssen Agenturen sich als Arbeitgeber ansprechend präsentieren. »Die Beziehung zu Freelancern muss persönlich sein und auf Augenhöhe stattfinden«, sagt Julia Tammeveski. »Die Candidate Experience ist bei Freelancern genauso wichtig wie bei Festangestellten. Dazu gehören eine gute Kommunikation im Buchungsprozess ebenso wie Verbindlichkeit bei der Anfrage.«

Julia Tammeveski ist bei ressourcenmangel fürs Freelancer-Management zustünfig. Sie hat unter anderem eine Eventreihe ins Leben gerufen, bei der an sämtlichen Agenturstandorten Talkrunden zu aktuellen Themen stattfinden. Im Anschluss können sich die Teilnehmer – darunter bestehende und neue Freelancer – untereinander und mit Agenturmitarbeitern austauschen. »Die Events sind ziemlich beliebt und Teil unseres Employer Brandings«, sagt sie. Informationen zu anstehenden Events gibt es auf den Social-Media-Kanälen der Agentur.

Neben der persönlichen Beziehung gehört zum Freelancer-Management auch das Aufbereiten der Kontakte. Dafür arbeiten die meisten Agenturen mit einer gemeinschaftlichen Excel-Liste und vertrauen darauf, dass die Teamleiter die Kontaktdaten einpflegen und aktualisieren – und dass alles DSGVO-konform abläuft. Das klappt nicht immer. »Oft haben Kreativdirektoren und HR-ler ihre eigenen Zettel und Listen – und wenn ei-
ner geht, gehen die Infos mit. Das ist weder gut für die Agenturen noch für die Freelancer!«, so André Hennen. Er hat deshalb Ende 2017 zusammen mit drei Partnern die interne Coworking-Software HalloFreelancer entwickelt, die speziell für den Arbeitsalltag von und mit Freelancern optimiert ist.

Doch nicht das Richtige? Kein Problem!

Keine Entscheidung ist für immer. Es lohnt sich, unterschiedliche Modelle auszuprobieren und herauszufinden, was am besten zu einem passt – und zwar zum jeweiligen Zeitpunkt. Oft hängt es nämlich von der Lebensphase oder individuellen Umständen ab, ob man sich fest oder frei besser fühlt. Eine strikte Entweder-oder-Entscheidung ist weder notwendig noch sinnvoll. Im Gegenteil: Die spannendsten Lebensläufe ergeben sich, wenn Kreative zwischen den Modellen hin und her springen! Als Inspiration haben wir hier ein paar Geschichten versammelt. Zeit, sich das perfekte Arbeitsmodell zu basteln!

 


 

Schreckgespenst 
Scheinselbstständigkeit

Rechtssicherheit gibt es kaum, wohl aber einige 
Kriterien, auf die man achten sollte

Beim Thema Scheinselbstständigkeit herrscht viel Unsicherheit. Verfolgt wird sie, weil den Sozialversicherungen dadurch Beiträge vorenthalten werden. Für den Fall, dass sie nachgewiesen wird, müssen Auftraggeber entgangene Beiträge nachzahlen – was ganz schön teuer werden kann. Festgemacht wird Scheinselbstständigkeit an zwei übergeordneten Sachverhalten: der Einbindung in Betriebsabläufe und Weisungen durch den Auftraggeber. Zu den konkreteren Kriterien gehören:

  • Einzelanweisungen durch den Auftraggeber: Idealerweise bearbeitet der Freiberufler nur seinen Auftrag, ohne dass sich weitere Teil- oder Zusatzaufgaben ergeben.
  • Präsenz vor Ort ist ein Risikofaktor, da der Auftragnehmer so möglicherweise in den Betrieb eingebunden wird.
  • Wettbewerbsverbot: Wer wirklich selbstständig ist, sollte seine Auftraggeber frei wählen dürfen.
  • Von Dritten als Mitarbeiter des Auftraggebers wahrgenommen zu werden, etwa in E-Mails,
  • keine Vertragsverhandlungen, sondern feste, einem Gehalt ähnliche Zahlungen. Auch Rahmenverträge über mehrere Aufträge werden als Indiz für Scheinselbstständigkeit gewertet.
  • Bezahlung nach Zeit,
  • Zusammenarbeit mit Angestellten,
  • ausführliche Schulungen oder Einweisungen.
  • »Fehlendes unternehmerisches Risiko« sieht die Rentenversicherung schon dann als gegeben an, wenn der Selbstständige keine eigenen Mitarbeiter beschäftigt.

Die genannten Punkte stammen aus Fragebogen, die die Rentenversicherung in Statusfeststellungsverfahren an Freiberufler schickt, gesammelt vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD). Eine offizielle Kriterienliste gibt es nicht – ganz zu schweigen von einer Übersicht über die Maßnahmen, nach denen man sich richten könnte, um auf der sicheren Seite zu sein. Die Einhaltung der genannten Kriterien erscheint gerade in der Kreativbranche fast unmöglich, da viele Aufträge eine Arbeit vor Ort vorsehen oder eine Art fest-freie Beschäftigung darstellen.

»Die Lage ist kompliziert, und es fehlt an Rechtssicherheit«, sagt Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des VGSD. Er rät besonders Auftraggebern, sich aktiv zu informieren und am besten von einem Anwalt beraten zu lassen. Außerdem sollten sie darauf achten, dass die Verträge korrekt formuliert sind und sich alle Beteiligten entsprechend verhalten. Freelancern empfiehlt er, positive Nachweise ihrer Selbstständigkeit zu dokumentieren, wie etwa Honorarverhandlungen.

Von Scheinselbstständigkeit zu unterscheiden ist die arbeitnehmerähnliche Selbstständigkeit, bei deren Nachweis Freiberufler die Rentenversicherungsbeiträge nachzahlen müssen. Ein Kriterium dafür ist, wenn sie fünf Sechstel ihres Umsatzes mit einem Auftraggeber generieren. Eine solche Situation sollten Selbstständige schon aus eigenem Interesse vermeiden.

Weitere Informationen sowie Interviews mit Rechtsanwälten gibt es unter: www.vgsd.de/scheinselbstaendigkeit.


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