Design & Ethik: Das können wir besser!

Verringerte Aufmerksamkeitsspanne, Fake News, Smartphone-Abhängigkeit: Die Arbeit von Designern hat enormen Einfluss auf Sozialverhalten und Gesellschaft. Diese Verantwortung ist aber den wenigsten bewusst. Zeit, etwas zu ändern!



Die Tarot Cards of Tech von Artefact helfen Designern dabei, ethische Fragen an ihre Projekte zu stellen

Der Einfluss von Digital Design ist unmittelbar, enorm skalierbar und oft schwer rückgängig zu machen. Mit einfachen Apps kann man heute zu überschaubaren Kosten potenziell Millionen Menschen erreichen, ihr Handeln und ihre Gewohnheiten beeinflussen. Umso besorgniserregender ist es, wenn UX- und Interaction-, Frontend- und Service-Designern sowie Developern diese Macht und die damit einhergehende Verantwortung nicht bewusst sind. Nur die wenigsten machen sich Gedanken über mögliche langfristige Negativfolgen ihrer digitalen Produkte. Diese sind heute aber schon in vielen Bereichen zu beobachten: von Fake News bis zu Wahlmanipulation, von Informations-Overload zu verringerter Aufmerksamkeitsspanne, von Social-Media-Abhängigkeit zu Cyber-Mobbing.

Nur die wenigsten machen sich Gedanken über mögliche langfristige Negativfolgen ihrer digitalen Produkte.

»Die Welt funktioniert so, wie sie designt wurde«, schreibt Mike Monteiro in seinem Buch »Ruined by Design«. Leider sei das Design schlecht, und entsprechend funktioniere die Welt nicht sonderlich gut. »Deshalb müssen wir uns mehr Mühe geben«, so Monteiros Aufruf an seine Gestalterkollegen. Designer können sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen. Selbst ohne offiziellen Design-Eid sind sie in der Pflicht, Lösungen zu finden, die niemandem schaden. Doch viel zu oft haben ihre Produkte ungewollte Konsequenzen. Wir müssen also zunächst einmal verstehen, was genau falsch läuft – und warum.

False Loops und Autoplay

Relativ gut erforscht sind mittlerweile die negativen Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Kognitionsfähigkeit. Die ständige Ablenkung durch Internet und Smartphone verkürzt die Aufmerksamkeitsspanne – und das in allen Altersklassen. Sie reduziert die Denkkraft, mindert die Fähigkeit zu Tagträumen sowie kreativem Denken und fördert Gedächtnisschwierigkeiten, Nervosität und Ängste.

Kurzfristige Businessziele begünstigen, dass Langzeitfolgen missachtet werden – oder bewusst in Kauf genommen.

Facebook, YouTube, Netflix und Co manipulieren den Nutzer ganz bewusst, um ihn so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten. Mit sogenannten False Loops ködern sie uns, immer weiter zu scrollen in dem Bedürfnis, irgendwann das Ende des Newsfeeds zu erreichen – das niemals kommt. Autoplay sorgt dafür, dass wir uns ein Video nach dem nächsten anschauen. Statt uns dabei zu helfen, unsere Ziele zu erreichen (etwa rasch die neuesten Nachrichten zu überblicken oder ein Videotutorial anzuschauen), nutzen sie unsere Schwächen aus, um Profit zu machen. Denn mit unserer Zeit und Aufmerksamkeit verdienen Facebook, Google oder Amazon Geld. Höhere Klickzahlen und lange Verweilzeiten sorgen für den vermehrten Absatz von Werbeplätzen und Produkten. Diese kurzfristigen Businessziele begünstigen, dass Langzeitfolgen missachtet werden – oder bewusst in Kauf genommen.

Die meisten Tech-Konzerne verschleiern diese Absichten mehr oder weniger gut, andere machen sich die Mühe gar nicht erst. So hat Reed Hastings, CEO bei Netflix, bereits mehrmals und voller Stolz gesagt, sein einziger ernstzunehmender Wettbewerber sei der Schlaf. Über diese Arroganz kann man schmunzeln (auch, weil man genau weiß, wovon er spricht), aber ist es nicht äußerst fragwürdig, wenn ein Unternehmen erklärtermaßen dafür sorgen möchte, dass seine Kunden nicht mehr schlafen?

Empowerment versus Abhängigkeit

Der Wert einer Technologie bemisst sich heute vor allem daran, wie viel Profit sie ihren Anbietern liefert, und nicht damit, wie viel Nutzen sie dem Menschen bringt, der sie direkt oder indirekt nutzt. Statt die Sinnhaftigkeit eines digitalen Produkts zu hinterfragen, geht es lediglich darum, alles Mögliche einfacher zu machen – denn damit verdient man gutes Geld. Das Verlangen nach reibungslosen Abläufen ist die Obsession unserer Zeit: Alles soll so schnell und einfach wie irgend möglich gehen. Von A nach B kommen, Flüge, Hotels und Restaurants finden, neue Freunde und potenzielle Lebenspartner aufspüren. Vieles davon ist gut und praktisch – es wird aber problematisch, wenn dadurch menschliche Fähigkeiten verkümmern, soziale Interaktion zum Erliegen kommt und unsere Städte und die Gesellschaft Schaden nehmen. Wenn wir uns infolgedessen ohne Google Maps nicht mehr zurechtfinden, Twitter Hass und Rassismus Raum gibt, Airbnb die Gentrifizierung unserer Innenstädte beschleunigt und Uber mit seinem Dienst ein neues Prekariat schafft.

Statt uns zu ermächtigen, wie es ursprünglich ihr Ziel war, haben Technologien uns in vielen Bereichen entmündigt.

In vielen Belangen sind wir bereits komplett abhängig von Technologie – im großen Ganzen genauso wie im ganz Kleinen. Und das ist kein angenehmes Gefühl. Das weiß jeder, der ohne Ladekabel in einer fremden Stadt gestrandet ist. Statt uns zu ermächtigen, wie es ursprünglich ihr Ziel war, haben Technologien uns in vielen Bereichen entmündigt – und wir haben es ohne zu hinterfragen geschehen lassen, weil es so unglaublich bequem ist. Die Grenze zwischen Empowerment und Entmündigung ist schmal. Designer müssen ein Gespür dafür entwickeln, wann sie überschritten wird. »Je tiefer Technologie in unsere Lebenswelt eindringt, desto mehr müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie eine gesunde Beziehung zu ihr aussieht. Abhängigkeit ist ein Zeichen für eine toxische Beziehung«, sagt Alexander Steinhart, Product Strategist bei dem Softwareunternehmen ThoughtWorks (das komplette Interview gibt es hier).

Wenn Abläufe dagegen reibungsvoller gestaltet werden, kann es Menschen dazu bringen, bessere Entscheidungen zu fällen. Unter anderem bewirkt es, dass Nutzer mehr hinterfragen und sich selbst reflektieren. Das zeigt etwa die DSGVO: Das Zustimmen zu den Nutzungsbedingungen nervt – aber es führt auch zu einem bewussteren Umgang mit den eigenen Daten. Ist mir diese Information, dieses Produkt, dieser Newsletter es wirklich wert, dass der Anbieter meine Daten speichert? »Statt das Verhalten von Nutzern unbemerkt zu beeinflussen – wie beim Nudging –, sollten wir vielmehr auf Aufklärung setzen. Das dauert vielleicht länger, ist aber nachhaltiger und sorgt für mehr Zufriedenheit beim Nutzer«, ist Alexander Steinhart überzeugt.

Beste Absichten oder 
Ethics Washing?

Die wenigsten Designer – und Tech-CEOs – wollen Schlechtes. Dies entsteht vielmehr dann, wenn man Produkte schnell und fahrlässig gestaltet und auf den Markt bringt, ohne ihre Langzeitfolgen zu bedenken. Genau nach dieser Mechanik funktioniert allerdings das Silicon Valley zum Großteil. »Move fast and break things«: Was vor einigen Jahren noch cool klang und sich als Poster im Facebook-Headquarter gut machte, wirkt heute ziemlich zynisch. Zu viel ist bereits kaputtgegangen. Allzu fahrlässig gehen die Gründer von Facebook, Twitter, Airbnb und Uber mit den Folgen ihrer Angebote um. Kommt gesellschaftlicher und manchmal auch juristischer Gegenwind bei ihnen an, tun sie meist nur das Nötigste, um die Nutzer nicht zu verprellen und die Maschine am Laufen zu halten. Negative Folgen werden gern »dem Algorithmus« untergeschoben. Aber auch für den sind Menschen verantwortlich.

Negative Folgen werden gern »dem Algorithmus« untergeschoben. Aber auch für den sind Menschen verantwortlich.

Einige von ihnen sind sich ihrer Schuld bewusst, unter anderem Chamath Palihapitiya. Der ehemalige Vice President of User Growth bei Facebook bereut es heute, Tools mitgestaltet zu haben, »die dazu beitragen, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu zerstören«, wie er 2017 bei einem Vortrag an der Stanford Graduate School of Business einräumte. Tristan Harris, ehemals Designethiker bei Google, rief die Bewegung Time Well Spent und das daraus hervorgegangene Center for Humane Technology ins Leben. Sein Ziel ist es, Designer und Developer für mehr Respekt gegenüber der Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer zu gewinnen. Das Agenda Setting scheint ihm gelungen: Angeblich gehen die »Screen Time«-Anzeigen in den Betriebssystemen iOS und Android auf ihn zurück.

Neben der Funktion »Bildschirmzeit«, mit der man zu einem bewussteren Nutzungsverhalten gelangen kann, gibt es inzwischen weitere Reaktionen der großen Tech-Konzerne. So hat Google die Initiative »Digital Wellbeing« ins Leben gerufen, die Nutzer dabei unterstützen soll, ein gesundes Verhältnis zu ihren Devices zu entwickeln, damit »das Leben im Zentrum steht, nicht die Technologie«. Microsoft hat ein Framework für inklusives Design entworfen, Salesforce einen Ethics Officer eingestellt und Spotify ein internes Ethikprogramm gestartet. Facebook-Chef Mark Zuckerberg versprach auf der jüngsten Entwicklerkonferenz F8, die Privatsphäre der Nutzer künftig in den Mittelpunkt zu stellen. Wie viel davon tatsächlich umgesetzt wird und wirkt – und was davon reines Ethics Washing bleibt, wird sich zeigen.

Auch die Politik schaltet sich vermehrt ein – in Europa etwa mit der bereits erwähnten Datenschutz-Grundverordnung sowie der Urheberrechtsreform. In den USA haben Senatoren kürzlich einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Dark Patterns verbieten soll, also manipulatives Interface Design, das Nutzer dazu verleitet, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln. Ob das Gesetz am Ende verabschiedet wird, ist natürlich eine andere Frage. Zudem arbeitet das britische Information Commissioner’s Office an einer Datenschutzverordnung speziell für Kinder.

Langsam und stetig

Natürlich lässt sich die Design- und Tech-Welt nicht auf einen Schlag verändern. Aber die Zeiten, in denen Designer ihre Verantwortung ignorieren konnten, sind vorbei. Ethik ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Jobs. »Gutes Design ist immer ethisch und verantwortungsvoll. Deshalb dienen Designer häufig standardmäßig als das gute Gewissen in Digital-Teams«, sagt Matthew Harrop, Creative Director bei Fork Unstable Media in Hamburg. Nicht selten müssen sie sich gegenüber dem Kunden und auch dem eigenen Team behaupten, wenn ethische Bedenken aufgrund von Zeit- und Budgetzwängen ins Hintertreffen zu geraten drohen.

Ohne die entsprechende Rückendeckung vom eigenen Chef ist das jedoch schwierig. Deshalb müssen wir vor allem in den eigenen Reihen anfangen, Kollegen und Vorgesetzte für das Thema sensibilisieren und immer wieder darauf pochen, fundierter über den Nutzen und auch die möglichen negativen Folgen von digitalen Produkten nachzudenken. Product Strategist Alexander Steinhart ist durchaus zuversichtlich: »Ich habe das Gefühl, dass sich in den hinteren Reihen etwas bewegt – also bei den Leuten, die für die Tech-Companys arbeiten, genauso wie bei den Urgesteinen des Internets. Sie fordern zunehmend, dass Technologie wieder für das Gute eingesetzt wird – und demonstrieren, wenn ihre Arbeitgeber anderes im Sinn haben.«

Steter Tropfen höhlt den Stein – irgendwann wird das Umdenken auch auf Kundenseite ankommen! »Wer weiß: Vielleicht werden digitale Produkte in Zukunft aufgrund ihrer Moral und Nachhaltigkeit beurteilt und nicht nur aufgrund ihrer Performance und ihres Umsatzes«, sagt Matthew Harrop. Diesem Traum schließen wir uns gerne an!


Weiterlesen zum Thema Design Ethics:

Interview mit dem Tech-Unternehmen ThoughtWorks und eine Liste für vertiefende Lektüre

Beispiele für Projekte, Designprozesse und Methoden für ethisches Design: PAGE 07.19, die Sie hier bestellen können

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Eine Antwort zu “Design & Ethik: Das können wir besser!”

  1. Chris Clune sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Artikel, der von Reife zeugt!

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