»Das technische Wissen wirkte an der Uni zum Teil veraltet«

Wie der Design-Nachwuchs den Berufseinstieg erlebt: In Teil 4 unserer Serie berichten unter anderem eine Junior Product Designerin und eine Motion Designerin.



Erfahrungen Berufseinsteiger Digital Design
Leonie Chilla ist Junior Product Designer bei Swipe.

Welche Erfahrungen sammeln die Berufseinsteiger der Kreativbranche? Darüber haben wir uns mit etwa 30 Design-Newbies unterhalten, die von ihrer Ausbildung oder ihrem Studium und den ersten Schritten im Arbeitsleben erzählt haben. Ihre Erfahrungsberichte stellen wir nach und nach in einer siebenteiligen Serie vor …


Leonie Chilla, 24, Junior Product Designer, SinnerSchrader Swipe, Hamburg:

»Ich habe Visuelle Kommunikation an der Hochschule Hannover studiert. Dort wurden wir teilweise von Professoren unterrichtet, die mehrere Fächer lehren und in keinem so wirklich Spezialist sind. Der Anschluss zum Hier und Jetzt fehlte oft. Das technische Wissen, gerade im Digitalbereich, wirkte zum Teil veraltet. In der Agentur tauschen wir uns einmal pro Woche zu neuen Entwicklungen aus, das hätte ich schon im Studium sehr nützlich gefunden. Auch die Konzeptseite hat mir an der Uni teilweise gefehlt. Es gab Aufgaben, die vom Thema her recht frei waren, und eine Woche später mussten schon Entwürfe stehen. Man ging also manchmal recht schnell in die Gestaltung rein und der Konzeptgedanke wurde eher hinten angestellt. Dabei sollte klar sein: Das Konzept ist die Basis, auf der alles aufbaut.

Ich würde Nachwuchs-Designern raten, so früh wie möglich Agenturerfahrung zu sammeln.

Über meine Bachelor-Arbeit, für die ich einen interaktiven Reiseführer gestaltet habe, entdeckte ich, dass mir digitale Themen liegen, weswegen ich mich für ein Praktikum bei Swipe beworben habe. Sketch hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nie geöffnet – mittlerweile kann ich das Programm in und auswendig, weil ich täglich damit arbeite. Ich würde Nachwuchs-Designern raten, so früh wie möglich Agenturerfahrung zu sammeln. Erst wenn man länger am Stück mit einem Tool arbeitet, wird man darin richtig gut. Ansonsten: Mit vielen unserer Kunden kommunizieren wir auf Englisch, das sollte man also auch können.«


Anonym:

»Mein Berufseinstieg war leider sehr schwierig. Ich habe an einer privaten Hochschule Grafik- und Kommunikationsdesign studiert, Pflichtpraktika gehörten nicht dazu, weshalb ich keine Arbeitserfahrung hatte. Nach etlichen Absagen sagte mir ein Grafikstudio ein Praktikum zu, was kurz darauf wegen des Mindestlohns zurückgezogen wurde. Ich bot an, stattdessen in Teilzeit anzufangen – und war wenige Tage später Junior-Grafikdesigner in einem renommierten Laden. Die Chefin: international bekannt. Ich saß in einem schicken Büro und konnte mein Glück kaum fassen.

Trotz meines Teilzeitvertrags arbeitete ich täglich 9 Stunden, manchmal 11, ein paar Mal 13 – für 645 Euro netto.

Kurz darauf spürte ich den Haken: die unverhältnismäßige, gigantische Workload. Ich bekam Aufgaben, die anderswo Artdirektoren mit fünf Jahren Erfahrung machen würden, erhielt Briefings erst nach den Deadlines, hörte nie »bitte« oder »danke«.Trotz meines Teilzeitvertrags arbeitete ich täglich 9 Stunden, manchmal 11, ein paar Mal 13 – für 645 Euro netto. Der Höhepunkt: Nach einer vollen Arbeitswoche ackerte ich auf einer Geschäftsreise das Wochenende durch, von 7 bis 24 Uhr. Danach sollte es weitergehen, ohne Pause, ohne Ausgleich. Erschöpft ließ ich mich krankschreiben. Als ich wiederkehrte, wollte man mir kündigen: Ich sei nicht teamfähig, nicht kommunikativ genug. Bis heute fehlen mir ein halbes Gehalt und Spesen von der Reise. Ich war ein moderner Sklave für eine bekannte Figur der Branche. Vorsicht: Die schwarzen Schafe sind über all – seid wachsam, wenn alles so perfekt aussieht. Jetzt bin ich Kellner, um meine Arbeitssuche zu überbrücken. Dafür habe ich nicht studiert. Ich wohne in Hamburg, verdammte Axt. Büros gibt’s hier wirklich genug, ein gutes Portfolio habe ich auch. Wo sind die fairen Arbeitgeber?«


Erfahrungen Berufseinsteiger: Digital Designer Natalie Prass

Natalie Praß, 29, Lehrbeauftragte für Technische Kommunikation an der FH Aachen und Designerin bei Carabin Creatives, Aachen:

»Als Designer sind wir extrem auf technische Hilfsmittel angewiesen – trotzdem geraten sie an einigen Hochschulen in den Hintergrund. An der FH Aachen kümmere ich mich als Lehrbeauftragte darum, dass sich das ändert. Während meines eigenen Studiums dort habe ich gemerkt, dass viele Studierende ihre Projekte anhand gewohnter Programme denken und umsetzen, was allerdings die Kreativität einschränken kann.

Durch neue Tools eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Durch neue Tools eröffnen sich neue Möglichkeiten. Auch um im Agenturalltag effizient zu arbeiten ist es hilfreich, neben Photoshop, InDesign und Illustrator weitere Programme zu kennen – mit denen man häufig schneller ist. Wer sich im Studium mit neuen Tools wie Sketch oder Axure auseinandersetzt, steigert zudem seinen Marktwert – auch weil er zeigt, dass er bereit ist, sich Neues anzueignen, eine wichtige Eigenschaft von Designern. Wenn ich in der Fachpresse, auf Blogs oder bei Twitter neue Software entdecke, installiere ich sie immer sofort. Meist gibt es kostenlose Testversionen, das sollte man unbedingt ausnutzen.«


Erfahrungen Berufseinsteiger: Motion Design

Amanda Lakop, 25, Motion-Design-Volontärin bei einem Fernsehsender, Köln:

»Während meines Grafikdesignstudiums an der HMKW in Köln habe ich viel mit Photoshop und Illustrator gearbeitet und einiges über Typografie gelernt, was mir jetzt sehr hilft. Mir war es dennoch wichtig, nach dem Studium eine erste Stelle zu finden, in der ich noch etwas angeleitet werde. Deswegen habe ich mich für ein Volontariat bei einem Fernsehsender im Bereich Motion Design entschieden. Ich helfe bei der Gestaltung von Layouts und bei der Ideenentwicklung, außerdem habe ich Schulungen, zum Beispiel in After Effects und Cinema 4D. Diese werden sogar an meine bisherigen Kenntnisse angepasst, was ich super finde. Im Studium habe ich bereits einiges über AfterEffects gelernt, wir haben zum Beispiel einen Opener für eine fiktive Serie erstellt, inklusive Storyboard, Typo-Animationen und so weiter. Das war toll!«


Weitere Beiträge aus der Serie: 

Teil 1: »Man muss in Agenturen Durchsetzungsvermögen haben«: Eine Creative-Social-Media-Managerin, ein Junior Art Director, eine Junior Texterin und ein Junior Product Designer berichten von ihrem Berufsalltag.

Teil 2: »Der schulische Teil der Mediengestalter-Ausbildung ist relativ schlecht«: Eine auszubildende Mediengestalterin, ein Junior Art Director, eine Master-Studentin und eine Grafikdesignerin erzählen von ihren Erfahrungen.

Teil 3: »Man muss extrem kreativ sein, um sich behaupten zu können«: Ein Gestalter und drei Grafikdesignerinnen sprechen über ihren Berufseinstieg und wie die Ausbildung sie darauf vorbereitet hat.

Teil 5: »Mein Beruf ist sehr vielseitig – und genau das, was ich immer machen wollte«: Eine Projektmanagerin, ein Dual-Studierender, eine auszubildende Mediengestalterin und ein Webdesigner beschreiben, wie sich ihr Berufseinstieg bzw. ihre Ausbildung gestalteten.

Teil 6: »Mein Arbeitsalltag ist komplett anders, als ich erwartet hatte«: Eine Creative-Services-Managerin, ein Junior Brand Strategy Consultant und eine Grafikdesignerin erzählen.

Teil 7: »In unserer Branche darf man nicht schüchtern sein«: Eine Mediengestalterin und zwei junge Creative Directors berichten von ihrer Mediengestalter-Ausbildung und ihrem Alltag.


7 Tipps von Design-Professoren für Berufseinsteiger gibt’s hier.

Hier haben wir 9 Tipps von erfahrenen Branchenexperten zusammengestellt.

Noch mehr zum Thema haben wir in unserer großen Titelgeschichte in PAGE 01.2018 gesammelt. Die Ausgabe kann hier heruntergeladen werden.

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