Das Buch lebt

Die Buchverlage müssen sich bewegen, meint unser Kolumnist Jürgen Siebert.



Vor drei Jahren verkündete IKEA selbstironisch: »Hellmuth Karasek rezensiert den Katalog 2016«, wobei das Möbelhaus sein jährliches Gesamtverzeichnis als »das meistgedruckte Buch der Welt« bezeichnete. In der aktuellen Ausgabe 2019 spielt das Buch allerdings nur noch eine Nebenrolle in der Wohnkultur der Schweden. Ein­zig das Regal Hemnes ist prall gefüllt mit Literaturklassikern. Im Bestseller Billy, auf der Rückseite des Katalogs prominent in Szene gesetzt, wurde ein Dutzend gesichtsloser Bände von Augenhöhe auf Fußbodennähe herabgestuft; griffbereit darüber nur noch weiße Stehsammler, Boxen und eine Vase.

Diese Degradierung nahm das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« zum Anlass, den Soziologen Bernd Vonhoff zu fragen: »Sind Bücher nicht mehr vorzeigbar?« Der bestätigt, dass die IKEA-Zielgruppe heute das gesammelte Wissen der Welt auf dem Han­dy in der Hosentasche trage. »Die brauchen keine gedruckten Bücher mehr.« Und ein Statussymbol sei das Buch schon lange nicht mehr. Heutzutage gebe man nicht mit Bücherwänden, Uhren und Autos an, stattdessen mit Reisezielen und virtuel­len Freunden. Mobilität ist Zeitgeist.

Das Buch hat seine Rolle als Geschenkartikel und Prestigeob­jekt verloren. Die Leute lehnen es zunehmend ab, ihre Wän­de mit meterlangen Regalen vollzustellen, gefüllt mit Büchern, in die sie entweder noch nie hineingeschaut haben oder nie mehr hineinschauen werden. Totes Kapital . . . toter Wald sowieso.

Was bedeutet diese Entwicklung nun für die Zukunft des (gedruckten) Buches?

Den Verlagen stünde etwas mehr Mut und Fantasie für andere Kanäle als das »Betriebssystem Buch« gut zu Gesicht.

Vor allem nicht auf der Buchpreisbindung ausruhen! Es darf ihnen und ihren Partnern nicht um das Buch als solches gehen. Die wesentliche Wertschöpfung muss darin liegen, Inhalte vom Autor zum Leser zu bringen. Wir wissen inzwischen aus der Musikindustrie, dass die Zukunft nicht mehr nur einem einzigen Medium gehört. Sie gehört der zeitgemäßesten Technologie. Und das Musikgeschäft lehrt uns auch: Totgesagte leben länger. Denken wir nur ans Vinyl, das seit einigen Jahren wieder nennenswerte Umsätze generiert. Paul McCartney bringt sein neues Album sogar als Musikkassette auf den Markt.

Aus gestalterischer Sicht hat der Ausflug ins Digitale zu einer Rückbesinnung auf das Medium Buch geführt. Ein Blick in den Katalog des Wettbewerbs Die Schönsten Deutschen Bücher beweist, dass Lyrikbände nie zuvor in dieser Breite mit einer solchen Hingabe gestaltet wurden. Das beginnt beim Cover, geht über das Papier und die Schrift bis hin zu den Illustrationen, die auf anregende Weise mit dem Wort in Dialog treten. Gerade bei der fast vergessenen Gattung Lyrik wird das Buch auf einmal wieder zum »Ereignis«.

Den Bilanzen des Rowohlt Verlags ist zu entnehmen, dass die Einnahmen bei Hardcover in den vergangenen zwei Jahren kräftig gestiegen sind, während parallel dazu das Taschenbuch Verluste in vergleichbarer Größe einfuhr. Für Gestalterinnen und Gestalter sind das gute Nachrichten, denn dieser Trend betont den Wert des gedruckten Buches. Eine gute Ausstattung wird wieder geschätzt. Während das Billigbuch aus den Läden verschwindet und ins Digitale abwandert.

Das Buch wird die aktuelle Krise überleben. Tatsächlich ist es eher eine Bereinigung als eine Krise. Und sie wird erst dann zu Ende sein, wenn die Telekom keine Paletten mit Telefon- und Branchenbüchern mehr in den Eingangsbereichen von Discoun­tern ablädt. Ich glaube, das habe ich vor zehn Jahren schon einmal an dieser Stelle beklagt.

 


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