Bauhaus-Serie Teil 4: »Weniger Freischwinger, mehr Vorkurs«

Im vierten und letzten Teil unserer Serie beantworten der Illustrator Jan Robert Dünnweller, der Designer und Professor Florian Pfeffer und der Kurator und Professor Patrick Rössler die Frage »Was können wir vom Bauhaus lernen?«



100 Jahre Bauhaus war eines der großen Designthemen in diesem Jahr. Aber sind seine Ideen und seine Designpraxis überhaupt noch zeitgemäß? In unserer vierteiligen Serie haben wir Gestalter aus unterschiedlichen Disziplinen dazu befragt.


»Weniger Freischwinger, mehr Vorkurs«


Jan Robert Dünnweller, Illustrator, Passau

Die interdisziplinäre Idee des Bauhauses halte ich für noch relevant, da sich die Grenzen zwischen Kunst und Design, aber auch zwischen einzelnen Disziplinen zunehmend auflösen. Den noch ist in der Ausbildung die Spezialisierung weiterhin sehr verbreitet. Dabei bin ich der Meinung, dass es gerade für Gestalter besonders wichtig ist, sich zumindest während des Studiums breite Grundlagen anzueignen, zu experimentieren und zu lernen, verschiedene Perspektiven einzunehmen.

Lernen könnte man heute vielleicht auch vom Optimismus und Zukunftssinn des Bauhauses, da die Gegenwart, nicht so dramatisch wie damals, aber dennoch ähnlich unruhig und bewegt ist. Auch wenn mit Bauhaus oft ein bestimmter Stil assoziiert wird, sind die Ideen für mich viel relevanter. Weniger Freischwinger, mehr Vorkurs.


»Radikale Antworten auf die brennenden Fragen«


Florian Pfeffer, Gründer des Kommunikationsdesignstudios one/one in Bremen und Amsterdam

Das Bauhaus ist wieder aktuell – allerdings nicht im Hinblick auf das Lehrkonzept oder etwa seine modernistische Stilistik. Seine Blütezeit fällt in eine Epoche, in der die Folgen der Industrialisierung sowie der beginnenden Urbanisierung große soziale Verwerfungen verursachten. Im Bauhaus versuchte man, radikale Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit zu finden – mit gestalterischen und künstlerischen Mitteln. Heute befinden wir uns erneut in einer Situation des Umbruchs, hervorgerufen durch Vernetzung, Ökologisierung (beziehungsweise ihr Gegenteil) sowie der Globalisierung.
Die Hochschulen könnten Motor einer neuen Bewegung im Design sein, die sich dieser Fragen annimmt. Die Liste von Themen ist lang und reicht von demokratischen Konzepten für KI über inklusive Studiengänge für lebenslanges Lernen bis hin zu neuen Modellen für eine lebenswerte Gesellschaft ohne CO?. Eine solche »Avantgarde« wird allerdings nur dann entstehen, wenn sich Hochschullehrer*innen und Studierende neue Ziele suchen – weg von der »experimentellen« Gestaltung für Nischen hin zur radikalen Veränderung des sozialen und technologischen Status quo.


»Die – häufig auch aus der Armut geborene – ressourcenschonende Lebens- und Arbeitsweise der Bauhäusler*innen sollte uns heute Anlass geben, unseren Lebensstil grundlegend zu überdenken«


Patrick Rössler, Kurator und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt mit einem Schwerpunkt zur Geschichte der visuellen Kommunikation

»Das Bauhaus« (das es so, als einheitliches Konzept, niemals gab) ist als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft von Designer-und Künstler*innen nach wie vor modellhaft. Viele seiner gestalterischen Lösungen prägen unsere Umwelten bis heute, manche sind längst überholt – und das ist auch gut so. Im Rückblick ist und bleibt das Bauhaus ein Lehrstück für den Erfolg ebenso wie für das Scheitern innovativer didaktischer Konzepte, für das schwierige Verhältnis zwischen Kunst und Staat und schließlich für die Notwendigkeit radikaler Lebensentwürfe, um uns als Gesellschaft voranzubringen. Was zum Beispiel damals als Koedukation von Männern und Frauen außergewöhnlich war, müsste sich heute in einer konsequenten Geschlechtergerechtigkeit widerspiegeln; und die – häufig auch aus der Armut geborene – ressourcenschonende Lebens- und Arbeitsweise der Bauhäusler*innen sollte uns heute Anlass geben, unseren Lebensstil grundlegend zu überdenken.


Mehr zum Thema Bauhaus: Interview mit Boris Kochan

Mehr zum Thema und warum das Bauhaus gerade in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und Beschleunigung so wichtig ist, erklärt Boris Kochan im Interview.


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