Bauhaus-Serie: »Vom Bauhaus können wir lernen, mutig zu sein«

Was der Designer Van Bo Le-Mentzel, die Kommunikationsdesignerin Andrea Riegel und der Fotograf und Visual Artist Philotheus Nisch über die Aktualität des Bauhauses denken, lesen Sie in Teil 3 unserer Serie »Was können wir vom Bauhaus lernen?«



© Foto: Mirko Mielke

In unserer Serie »Was können wir vom Bauhaus lernen?« wollten wir von Gestaltern wissen, ob sie das Bauhaus, seine Ideen und seine Designpraxis noch für zeitgemäß halten. Im dritten Teil erklären nun die Designer Van Bo Le-Mentzel, die Kommunikationsdesignerin Andrea Riegel und der Fotograf und Visual Artist Philotheus Nisch, was sie über die Aktualität des Bauhauses denken.


»Vom Bauhaus können wir lernen, mutig zu sein«


Van Bo Le-Mentzel, Architekt und Designer, Berlin

Vom Bauhaus können wir lernen, dass neue Gesellschaften neue Formen benötigen. Das Bauhaus war der visuelle Soundtrack für eine neue Gesellschaft namens Demokratie. Wir befinden uns heute in einer postmigrantischen, postindustriellen und vermutlich auch postkapitalistischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft im Wandel. Und diese verlangt neue Formen des Arbeitens, der Mobilität und des Wohnens. Bei allen drei Bereichen hinken wir der Zeit hinterher. Vom Bauhaus können wir lernen, mutig zu sein.

Die Moderne wollte alles abschütteln, was sie geprägt hat: Ornament und Satteldach. Heute müssen wir erkennen, dass nicht alles, was Antike und Klassizismus an Baukunst hevorbrachten, falsch war. Auch ist das dogmatische Festhalten an Mindeststandards ein Ausdruck der demokratischen Euphorie nach 1919. Der Gropius-Mitarbeiter Ernst Neufert hat alles vermessen, was möglich war. Und er hat solche Standards definiert. Doch kommt es immer auf die Umstände an. Eine Tür kann niedriger als 2 Meter sein (in meinem One-SQM-House ist sie 1,30 Meter hoch), und die Deckenhöhe in unserem Co-Being House liegt mit 3,60 Metern weit über den Neufert-Standards.

Die große Herausforderung: Soziale Standards nicht nur nach Zahlen zu berechnen, sondern nach der Enkeltauglichkeit. Ist das Haus, das ich heute erschaffe, und der Stuhl, den ich heute baue, so gefertigt, dass meine Enkel sich noch daran erfreuen könnten?


©Foto: Roland Baege

»Sinn fürs Einfache und Funktionale«


Andrea Riegel, Gründerin des Kommunikationsdesignbüros Riegel + Reichenthaler, Düsseldorf

Das Bauhaus ist so aktuell wie das Bedürfnis der nachfolgenden Generationen, sich von diesem Gesamtkunstwerk und seinem Sinn fürs Einfache und Funktionale inspirieren zu lassen. Diese einzigartige Institution steht für viele innovative Entwicklungen, die bis heute Bestand haben – nicht nur in Architektur und Produktdesign, auch in Fotografie oder Werbung. Für Grafikdesigner lohnt sich vor allem ein Blick auf die Gestaltungsideen von László Moholy-Nagy sowie Herbert Bayer. Wer sich ausführlicher mit Typografie beschäftigt, kommt am Bauhaus ohnehin nicht vorbei.
Besonders reizvoll finde ich die konstruktivistischen Layouts László Moholy-Nagys: Linien und Balken gliedern nicht nur das Format oder dienen der Orientierung, sie sind gleichzeitig plakative Schmuckelemente; ein großer Punkt oder andere Satzzeichen finden sich als Ornamente wieder, das Raster wird zum sichtbaren Gestaltungselement – ein abstraktes (Kunst-)Werk. Umschlag und Rückseite der Bauhausbücher bilden stets eine visuelle Einheit.

Andrea Riegels Website »bauhaus bookshelf« versammelt öffentlich zugängliche Downloads zu unterschiedlichsten Bauhausthemen


»Menschen für neue Formen und Lebensformen begeistern«


Philotheus Nisch, Fotograf und Visual Artist, Leipzig

Ist das Bauhaus noch aktuell? Absolut, da es weder als Marke, als Stil oder als Produkt begriffen werden kann. Vielmehr handelte es sich ja um eine universale, große und zugleich zeitlose Idee: »Das Ziel des Bauhauses ist eben kein Stil, kein System, Dogma oder Kanon, kein Rezept und keine Mode! Es wird lebendig sein, solange es nicht an der Form hängt, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst sucht!«, wie es Walter Gropius 1930 mit nahezu religiösen Worten formulierte.

Vom Bauhaus lernen können wir sowohl gestalterisch als auch gesellschaftlich, etwa das unermüdliche Experimentieren, die Lust am Gelingen, das Ausloten und Abwägen von Möglichkeiten auf der Suche nach den Dingen, die unser Leben verbessern. Und der Versuch, Menschen für neue Formen und Lebensformen zu begeistern. Wie auch immer diese in Zukunft aussehen werden. Solange die Findung innerhalb demokratischer Grundsätze stattfindet, ist es möglich, über die Grenzen hinweg zu experimentieren. Gerade jetzt, wo vielerorts neue Mauern entstehen, ist es ganz gut, daran gelegentlich zu erinnern.


Bauhaus heute: Interview mit Boris Kochan

Mehr zum Thema und warum das Bauhaus gerade in Zeiten von Digitalisierung, Globalisierung und Beschleunigung so wichtig ist, erklärt Boris Kochan im Interview.


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