Antimaterialismus 2.0 oder wie uns digitale Medien glücklich machen

Immer zum Erscheinen der aktuellen Printausgabe der PAGE: »Die Fundstücke« von Jürgen Siebert. Freuen Sie sich über kühne Kommentare zu Trends, Entwicklungen, Ereignissen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen ... Diesmal: Social Media, ick hör dir trapsen ...



 

Angesichts der Entmaterialisierung der Medien Buch, Zeitung, Zeitschrift, Mu­sik und Film lohnt es, den Begriff des Materialismus zu überdenken. Das Wort, abgeleitet von Materie, bezeich­net drei unterschiedliche Positio­nen:

  • die philosophische, nach der alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf Materie und deren Gesetzmäßigkei­ten basieren, selbst unsere Gedanken;
  • die politische, nach der die menschliche Geschichte nicht von Ideen oder Idealen, sondern von ökonomischen Interessen geprägt ist (Karl Marx);
  • die ethische, als übersteigertes Konsumverhalten zum Zweck der gesellschaftlichen Abgrenzung oder des Stre­bens nach Identität, Sinn und Glück.

Als Kind der 68er-Bewegung und später des Punk stehe ich einer materi­alistischen Lebenseinstellung, die ober­flächlich nach Besitz und Wohlstand strebt, kritisch gegenüber. Ich fühle mich in dieser Auffassung bestätigt, wenn ich daran denke, wohin uns der ungebremste Konsum in den letzten Jahrzehnten geführt hat.

Der durchschnittliche Industriebür­ger besitzt rund 20.000 Dinge. Das für viele wertvollste Gut, unser Auto, parkt meist auf der Straße … nicht weil wir stolz darauf sind, nein, weil die Garage vollgemüllt ist. Der Keller auch. Statt mal ein paar Gegenstände wegzugeben, kaufen wir lieber ein neues Regal. Statt radikal auszumisten und über die Ursache dieser Aktion nachzudenken, mieten wir allen Ernstes zusätzlichen Stauraum in einem Self-Storage-Lager. Übrigens ein boomender Markt.

Wie viel Prozent von den Dingen um uns nutzen wir wirklich? Überflüssiges, Ausgedientes und Kaputtes bindet un­sere Aufmerksamkeit. Manchen bereitete es ein schlechtes Gewissen. Die Diagnose klingt einfach, ist aber im Kern wahr: Wer sich (im wahrsten Wort­sinn) nur noch im Kreis dreht, sich überfordert und lustlos fühlt, hat zu viel Gerümpel angesammelt.
Ist es nicht ein befreiendes Gefühl, nach einer Ausmistaktion mit einem leeren Wagen den Recyclinghof zu ver­lassen? Kein bisschen Wehmut oder gar Trauer ist zu spüren. Mit dem Entrümpeln unserer privaten Räume brin­gen wir einen (be-)reinigenden Prozess in Gang, denn wo weniger ist, gibt es weniger zu tun: weniger Suchen, weniger Zeitverschwendung, weniger Miss­verständnisse, weniger Ablenkung, weniger Stress.

Können uns die digitalen Medien einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigen? Ich denke: ja. Zum ersten Mal  in der Geschichte ist es möglich, Kul­tur­inhalte immate­riell zu erwerben, zu lagern und zu kon­sumieren. Es wird demnächst keiner Regale mehr be­dür­fen, um die Klassiker der Weltliteratur, die persönlichen Lieblingsmusikstücke und -filme im Haus zu haben – oder auch in der Cloud.
Bereits 1995 schrieb Bazon Brock im Vorwort des Ausstellungskatalogs »Welche Dinge braucht der Mensch?«: »Es ist eine Frage der Kommunikations­ökonomie, wie weitgehend die Vergegenständlichungen von Bewusstsein eines materiellen Trägermediums bedürfen.« Der Besitz von Waren sei nicht geeignet, Bedürfnisse zu befriedigen, weil Bedürfnisse offene Größen seien. Allein der Gebrauch von Produkten bringt uns weiter.

Die Dinge um uns herum sind totes Zeug, solange wir sie nicht nutzen. Neh­men sie überhand, haben nicht mehr wir sie im Griff, sondern sie uns. Dinge erhalten ihren Wert aber erst aus und in der Beziehung zu uns und zu anderen Menschen. Social Media, ick hör dir trapsen …
Fangen wir endlich an, die alten CDs zu verschenken oder auf Flohmärkten zu verscherbeln. Lasst uns Bücher bei Amazon gebraucht verkaufen oder spen­den. Ab sofort keine DVDs mehr erwerben! Weg mit den Regalen und den Playern. Anschließend genießen wir den frisch gewonnenen Platz in Ar­beits- und Wohnzimmer. Auf dem freien Schreibtisch lediglich noch ein Laptop oder Tablet, um die digitalen Medien zu finden und abzuspielen. Und wenn ihr jetzt eure Freude mit anderen teilt, physisch oder virtuell, dann ist dies gelebter Antimaterialismus 2.0 oder auch Glücklichsein.


Hier finden Sie die früheren Kolumnen Sieberts Fundstücke


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2 Kommentare


  1. Nadja Feldmeier

    Lieber Jürgen Siebert,
    ich mag Deinen Text, er ist schön geschrieben. Kurz, knackig, viel drin, nicht vollgestopft. Und trotzdem möchte ich meinen Senf dazugeben. Ich mag es, meine Sachen um mich zu haben, ich finde es schön, wenn man in einen Raum kommt und die Gegenstände darin dir sofort ein Bild davon geben, mit wem du es zu tun hast. Das kann der Laptop oder das Tablet nicht ganz übernehmen. Es gehört schon noch ein bisschen mehr dazu, aber der Ansatz gefällt mir.


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