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Sieht so das Designstudium der Zukunft aus?

Social Impact, Design Entrepreneurship, Design Research: Die HKB Bern strukturiert ihren MA Communication Design komplett um.

International Symposium der Zhdk, Departement of Design. Thema: Eigenlogik des designs / the intrinsic logic of design. Bild: Robert Lzicar, Referent. Zürich,  3. Oktober 2014 © Photo  Corinne Aeberhard Route de Villarepos 16 1580 Donatyre 079 816 77 64 corinne.aeberhard@bluewin.ch

Das Designstudium ist im Wandel. Immer mehr (Master-) Studiengänge versuchen, der gesellschaftlichen Relevanz von Design Rechnung zu tragen und sie ins Studium zu integrieren.

Neben dem Master in Eco-Social Design, der im Oktober 2015 an der Universität Bozen startet, widmet sich zum Beispiel auch der Master Communication Design an der Hochschule der Künste in Bern diesem Thema.

Ab dem Herbstsemester 2015 ist er als dreisemestriges individuelles Projektstudium ausgerichtet mit den Schwerpunkten Design Entrepreneurship oder Design Research.

Die Studierenden entwickeln während des Studiums ihre Projektidee und bewerben sich danach um Design- oder Startup-Förderungen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen beziehungsweise um Forschungsförderung oder die Zulassung zu einem Doktoratsprogramm. Dabei zählt vor allem die gesellschaftliche Relevanz von Design.

»Designer gestalten nicht für sich, sondern für andere«

, heißt es in der Studienbeschreibung. Die Studierenden sollen Methoden lernen, mit denen sie innovative Lösungen zu gesellschaftlich relevanten Problemen entwickeln und den »Social Impact« ihrer Projekte erhöhen können.

Wir sprachen mit Studiengangsleiter Robert Lzicar über die Neuausrichtung des MA, Studieninhalte, Anforderungen und mögliche Projekte, die dabei entstehen können.

PAGE: Was zeichnet den MA Communication Design an der HKB aus?

Robert Lzicar: Im MA Communication Design stehen je nach Ausbildungsrichtung unternehmerische und forschende Aspekte des Designs im Zentrum. Studierende werden nicht für traditionelle Karrieren im Bereich Design ausgebildet – also zur Bearbeitung fremder Aufträge, sei es in Anstellung oder Selbstständigkeit. Stattdessen sollen sich Absolventen des Studiums als Designunternehmer oder Designforscher mit ihren eigenen Projekten und Themen positionieren und etablieren.

Wie machen Sie das?

Der Studiengang bietet ab dem kommenden Herbstsemester ein reines Projektstudium, weil wir erkannt haben, dass der Komplexitätsgrad der Probleme, mit denen sich Studierende beschäftigen, den Rahmen einer einsemestrigen Masterarbeit sprengt. Deshalb erhalten sie im MA Communication Design die Möglichkeit sich während ihres gesamten Studiums – drei Semestern als Vollzeit- und fünf Semestern als Teilzeitstudium – einem einzigen Projekt zu widmen.

Inwiefern spielt ein neues Verständnis von Design in die Neuausrichtung hinein?

Wir wollen die Designausbildung neu gestalten und so den Status von professionellem Design in der Gesellschaft aktiv prägen.

Wir haben in den vergangenen Jahren beobachtet, dass sich Masterstudierende immer komplexeren Problemen zuwenden – aber die Produkte, die aus diesen Auseinandersetzungen entstehen unausgegoren sind und hauptsächlich dazu dienen, das eigene Portfolio zu ergänzen, um sich anschließend für traditionelle Anstellungen im Designbereich zu bewerben. Dort stoßen sie dann auf einen übersättigten Markt und unterqualifizierte Stellen.

In der Schweiz gibt es ein dichtes Netzwerk an Berufs-, Hoch- und Privatschulen für Design – und entsprechend viele Absolventinnen und Absolventen. Auf der anderen Seite sieht sich unsere Gesellschaft heute mit unzähligen relevanten Probleme konfrontiert, zu deren Lösung Designer beitragen können. Hier sehen wir die zukünftigen Jobs unserer Studentinnen und Studenten.

Aufgrund dieser Diskrepanz – zwischen dem heutigen Berufsfeld einerseits und dem innovativen Potential von Design andererseits – haben wir uns entschieden, die Designausbildung selbst neu zu gestalten und so den Status von professionellem Design in der Gesellschaft aktiv zu prägen.

Wie sind die Reaktionen?

Das Interesse im MA Communication Design zu studieren hat rapide zugenommen. Seit wir das neue Konzept im Frühjahr publiziert haben, hat sich die Anzahl der Bewerbungen im Vergleich zum letzten Semester vervierfacht. So konnten wir aus einer Vielzahl an Projektideen die Besten auswählen, und werden mit diesem Studierenden im Herbst das neue Programm lancieren. Scheinbar stimmen die Erfahrungen und Erwartungen der Bewerberinnen und Bewerber mit unserer Bewertung der Situation und unserem Angebot überein.

Sie lassen 15 Studierende zu. Ist das die finale Zahl oder erst mal ein Probelauf?

Wir hatten für das kommende Herbstsemester einen Numerus clausus von 18 Masterstudierenden, sind also ein relativ kleiner Studiengang. Die überschaubare Zahl an Studierenden ermöglicht es uns individuell auf ihre projektspezifischen Bedürfnisse einzugehen. So haben wir bereits mit sämtlichen Studienanfängern Vorbereitungsgespräche geführt, auf deren Basis individuelle Studienpläne erstellt werden. Für viel mehr als 15 Studierende wäre ein solches Vorgehen gar nicht zu leisten.

Ein weiterer Vorteil ist, dass sich bei einer kleinen Gruppengröße schneller ein Zusammengehörigkeitsgefühl einstellt, das gegenseitigen Austausch und Kritik erleichtert. Im MA Communication Design studieren Personen aus verschiedenen Disziplinen und mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, die viel voneinander lernen können.

Das heißt, es handelt sich nicht nur um Designstudenten?

Wir haben uns bewusst gegenüber anderen Disziplinen geöffnet.

Genau. Wir haben uns bewusst gegenüber anderen Disziplinen geöffnet. Allerdings sollten alle Bewerberinnen und Bewerber eine hohe Affinität zu Design, sowie kreatives Denken und Handeln vorweisen können. Vor dem Hintergrund der beiden Vertiefungen »Design Research« und »Design Entrepreneurship« haben wir z.B. Studierende aufgenommen, die einen Bachelor in Business Administration absolviert haben und sich nun in Design Entrepreneurship vertiefen möchten, um später eigene Unternehmen gründen oder Positionen im Design Management einnehmen zu können.

Es geht also mehr um Design Thinking als um handwerkliche Fähigkeiten?

Ja. In vielen Ländern erhält man im Bachelor bereits eine solide handwerkliche, technische und konzeptionelle Grundausbildung. Wir bieten Studierenden die Möglichkeit, sich entsprechend der Bedürfnisse ihrer Projekte, fachübergreifend Skills anzueignen. Dabei kann es sich um Siebdrucken oder Programmieren handeln – aber auch um aktuelle Ansätze, wie Design Thinking, Parametric Design oder Interaction Design. Wir vermitteln also gestalterische und wissenschaftliche Kompetenzen anwendungsbezogen und ineinandergreifend, und auf einem wesentlich höheren Komplexitätsgrad als in einem Bachelor-Studiengang.

Wie interpretieren Sie den Begriff Entrepreneurship?

Uns geht es nicht allein darum, die bestehenden gestalterischen Skills mit unternehmerischen Fähigkeiten anzureichern.

Wir wollen »Design Entrepreneurship« im internationalen Diskurs mitprägen. Durch die Projekte, die hier entstehen, werden wir den Terminus mit Leben füllen und zur Verbreitung beitragen. Uns geht es nicht darum, die bestehenden gestalterischen Skills unserer Studierenden mit unternehmerischen Fähigkeiten anzureichern. Deshalb lehren »Design Entrepreneurship« im MA Communication Design keine Experten aus den Wirtschaftswissenschaften, sondern Designer, die sich selbst erfolgreich als Unternehmer positionieren konnten und die wissen, welche Rolle kreative Fähigkeiten dabei spielen.

Es geht also um die Definition von Unternehmertum aus einer »Designperspektive« – oder wie Peter Bi’lak sagte: »Auch Distributionswege und Preispläne sind Teil der Gestaltung.« Diesen Ansatz finde ich interessant, da er nahelegt unternehmerische Probleme durch die Anwendung kreativer Methoden zu lösen. Allerdings können Studierende zusätzlich Kurse im Departement Wirtschaft der Berner Fachhochschule (BFH) belegen, damit sie deren wirtschaftliche Perspektive und Sprache kennenlernen.

Wie stellen Sie die Curricula für die Studenten zusammen?

Vom Studiengang angebotene Kurse wie etwa »Design with Social Impact« oder, entsprechend der jeweiligen Vertiefung, »Design Entrepreneurship« oder »Design Research« machen nur einen Teil des Masterstudiums aus. Der individuelle Studienplan stellt Studierenden 18 ECTS über ihr gesamtes Studium zur Verfügung, die sie projektspezifisch an unterschiedlichen Institutionen erwerben können – vom Kurs »Creative Coding« angeboten vom Fachbereich Gestaltung und Kunst der HKB, hin zur Vorlesung in Kunstgeschichte an der Universität Bern.

Das ist auch für uns spannend, weil so regelmäßig neue Kooperationen entstehen und die Studierenden neues Wissen in den Studiengang einbringen. Bewerberinnen und Bewerber senden uns ganz traditionell ihr Portfolio und ein Motivationsschreiben. Werden sie daraufhin zu einem Eignungsabklärungsgespräch eingeladen, müssen sie bereits mindestens eine Projektidee präsentieren, die sie während ihres Studiums zu einem Unternehmenskonzept oder einem Forschungsplan entwickeln wollen. Im Hinblick auf das Vorhaben stellt die Studiengangsleitung anschließend gemeinsam mit den Studierenden und in Absprache mit den Partnerinstitutionen ihren individuellen Studienplan zusammen.

Welche Projekte werden denn zum Beispiel bearbeitet?

Eine Studentin möchte beispielsweise eine neuartige Job-Plattform für Designer kreieren und damit auf ein Ungleichgewicht reagieren: Auf der einen Seite gibt es immer mehr Designer, die nach ihrem Studium bereit sind Aufträge für einen geringen Lohn zu bearbeiten, um ihr Portfolio um reale Projekte zu erweitern. Dabei bemühen sie sich häufig um kulturelle Auftraggeber, da diese Aufträge als attraktiv gelten und viel gestalterische Freiheit versprechen. Das hat dazu geführt, dass dieser Markt fast komplett zerstört wurde.

Ihre Idee ist, wenn Designer schon bereit sind, ihre Arbeitskraft für einen geringen Lohn einzusetzen, dann doch wenigstens für einen guten Zweck – also für Organisationen, die sich mit drängenden gesellschaftlichen Problemen beschäftigen und dazu dringend ein gutes Design benötigen. Die Studentin möchte also eine Plattform schaffen, auf der diese Institutionen Aufträge anbieten, die Designer bearbeiten – und so beide voneinander profitieren können. Darüber hinaus will sie ein Lohnsystem etablieren, das über die Bezahlung hinausgeht – etwa in Form von individuellen Leistungen. Diese Idee fanden wir sehr vielversprechend und im Sinne der Philosophie des Studiengangs.

Und welche Fächer empfehlen Sie der Studentin?

Es geht darum, eine unternehmerische Perspektive auf das eigene Projekt zu entwickeln.

Die Skills, um eine solche Plattform zu gestalten, hat die Studentin bereits während ihres Bachelorstudiums und ihrer anschließenden professionellen Karriere erworben. Im Masterstudium möchte sie ihre Idee nun realisieren und zu einem unternehmerischen Konzept entwickeln, mit dem sie sich nach ihrem Studium selbstständig machen kann. Hochschulen wird oft vorgeworfen, dass sie sich zu wenig mit den beruflichen Perspektiven ihrer Absolventinnen und Absolventen befassen – und tatsächlich wurde dieses Thema lange vernachlässigt. Deshalb besuchen etwa einige unserer Studierenden im Herbstsemester den Kurs »Business Concept« der Schweizerischen Kommission für Technologie und Innovation. Dabei geht es darum, eine unternehmerische Perspektive auf das eigene Projekt zu entwickeln.

Die Studentin muss sich fragen, wie man aus dieser guten und stimmigen Idee ein Konzept entwickelt, mit dem man sich längerfristig etablieren und Geld verdienen kann. Allerdings geht es nicht darum, reich zu werden – sondern, dass Absolventinnen und Absolventen von ihrer eigenen Idee leben können, mit der sie einen relevanten Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Jedes Projekt wird von einem Mentor begleitet. Wer sind diese Leute?

Da sind wir sehr offen und sprengen bewusst, die Grenzen der Hochschule. Die Projekte sind so unterschiedlich und vielfältig, dass man ihnen ausschließlich mit dem bestehenden Dozierendenstamm nicht gerecht werden würde. Häufig braucht es Expertisen von außen. In dem genannten Beispiel würden wir gerne einen Initiator einer Crowdsourcing-Plattform für die Betreuung des Projekts gewinnen. Solche Konstellationen wären optimal. Die Betreuung ist außerdem flexibel. Es muss also nicht eine Person das Projekt über das ganze Studium hinweg betreuen, sondern es können, je nach Projektphase, verschiedene Expertinnen und Experten dazu geholt werden.


Ein weiteres Interview zur Rolle des Designers und wie sie sich in der Ausbildung niederschlägt, lesen Sie hier: »Design-Studium: Was Gestalter lernen müssen«

In PAGE 8.2015 widmen wir uns dem Thema »Ausbildung für die Kreativbranche« ausführlich. Das Heft können Sie in unserem Online-Shop bestellen.

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