Klolektüren

»Eine Lektüre ist für mich dann brauchbar, wenn ich sie auf dem Klo lesen kann.« Das war zu einer Zeit, als man das Internet am Schreibtisch-Computer betrat.



Der früherer PAGE-Kolumnist Joachim Peters fasste das Erfolgsrezept für neue Leseformen Ende der 1990er Jahre in einem Satz zusammen: »Eine Lektüre ist für mich dann brauchbar, wenn ich sie auf dem Klo lesen kann.« Das war zu einer Zeit, als man das Internet am Schreibtisch-Computer betrat.

 

Personal Digital Assistents (PDAs) konnten damals allenfalls Adressen, Termine und Aufgaben verwalten, später sogar E-Mails … an digitale Bücher oder mobiles Internet war nicht zu denken. Nur: Wer will Mails auf dem stillen Örtchen lesen? Heute begleitet uns digitalisierter Lesestoff auf Schritt und Tritt, wo immer es uns auch hinzieht. Wir lesen an jedem beliebigen Ort der Welt Bücher oder Zeitungen auf E-Book-Readern und Tablets. Seit wenigen Wochen traue ich mich sogar, in der Badewanne zu surfen und zu twittern … trotz der Gefahr eines mögli­chen Wasserschadens am Lesegerät. Aber ich dachte mir, Zeitung und Buch sind genauso wasserempfindlich, doch ist mir in den letzten Jahrzehnten kein einzi­ges Buch ins Wasser gefallen.

Die letzte repräsentative Umfrage zu unserem Leseverhalten im Badezimmer ist über zwei Jahre alt. Damals ermittelte die Gesellschaft für Konsum­forschung im Auftrag eines Hygie­ne­konzerns, dass sich jeder zweite Mann auf dem Lokus die Zeit mit Lektüre vertreibt; bei den Frauen seien es nur 25 Prozent. Die Hälfte der WC-Leser greife bevorzugt zu Magazinen, gefolgt von Zeitungen, Wer­beblättchen und so­gar Bestellkatalo­gen; Bücher landeten mit 11 Prozent auf dem letzten Rang.

Um einen aktuellen Eindruck über die Verwendung elek­tronischer Geräte im Bad zu bekommen, schrieb ich vor zwei Wochen an meine 15.000 Twitter-Follower: »Kleine Umfrage: Wer liest digital auf dem Klo (bitte Hardware angeben)? Wer tut es in der Badewanne?« Die Antworten bestätigen den Unterschied bei den Geschlechtern (Viola: »Weder noch.«), und über 40 Prozent duschen lieber, anstatt zu baden. Ansonsten sind Smartphone und Tablet beim Stuhlgang nicht mehr wegzudenken … nie waren Nachrichten einfacher zu blättern.

Auch die Werber lassen sich vom Thema Papier auf dem Klo inspirieren. Vor einem halben Jahr wurde der Spot »Emma« der französischen Klopapiermarke Le Trèfle zum YouTube-Hit, in dem ein Mann seiner Frau damit auf die Nerven geht, mittels Tablet den papierlosen Haushalt einführen zu wollen … nie mehr Haftnotizen, Zeichenblätter, gedruckte Sudokus und Papier­rascheln im Bett. Als ihm eines Tages das Toilettenpapier ausgeht, folgt Emmas Revanche, indem sie ihm das Tablet mit dem Foto einer frischen Rolle unter der Tür durchschiebt: »Paper has a great future«, heißt es im Abspann.

Im neuen Spot »For a cleaner world« des Waschraum-Ausstatters CWS-boco ist zu sehen, wie ein Edward-Snow­den-Dop­pelgänger mit Geheimpapieren in der Konzerntoilette verschwindet. Doch statt sie zu lesen, lässt er Blatt für Blatt von der Endlosrolle eines Handtuchautomaten verschlucken. Anschließend schmuggelt ein als CWS-Service-Mensch verkleideter Komplize den verbrauchten Handtuchwickel gefahrlos aus dem Hochsicherheitstrakt.

Dieser Handtuchautomat erinner­te mich wieder daran, dass sanitäre Anlagen seit jeher nicht nur zum Konsum, sondern auch zur Schöpfung von Lesestoff anregen. Talentierte Menschen nutzen hierfür einen Stift und die Klowand. Um-die-Ecke-Denker erfreuen sich an der Adaption vorhandener Texte. So machten sie mit Erscheinen der Endlostücher aus dem Hinweis »Handtuch bis zum Anschlag herausziehen« durch Wegkratzen von Buchstaben »Handtuch bis zum Ar… herausziehen«. Als der Hersteller kurz darauf die Anweisung in »Handtuch bis zum Stopp ziehen« änderte, zauberten Spontanlyriker mit Stift und Fingernagel daraus »… bis zum Popo …«. Heutzutage steht gar nichts mehr auf diesen Automaten.

Dafür wird schon mal das Hygienepapier mit Werbebotschaften bedruckt. Zuletzt konnte man das auf Autobahnraststätten bewundern. Richtig erfolgreich scheint die Werbung auf Klopapier nicht zu sein. Kein Wunder: Welcher Werbekunde präsentiert schon gerne sein Produkt im Rahmen einer Notdurft? Es sei denn, der Artikel passt wie Ar… auf Eimer. Toilettenpapier zum Beispiel. Und so macht es der Discounter Penny mit seinem »Happy End«-Aufdruck genau richtig: Die Devise auf jedem Blatt Toilettenpapier ist gleichzeitig der tägliche Werbebanner für das gleichnamige Produkt.




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