Ich melde mich ab

Der Dauerüberwachung entkommen: Jürgen Siebert ist erleichtert



Ende Mai habe ich in Berlin einen CreativeMorning zum Thema »Freedom« veranstaltet. Als Sprecher hatte ich den Netzaktivisten Sascha Lobo eingeladen, der in genau 60 Minuten herleitete, warum wir überwacht werden und warum das nie enden wird. Die Videoaufzeichnung seines faszinierenden Vortrags ist dauerhaft auf der Creative­Mornings-Website archiviert, und über 22 000 Besucher haben sie sich bereits angesehen.

Wenn die Politik keine Anstalten macht, die Überwachung einzudämmen – so meine Lehre aus dem Referat –, dann versuche ich es mal über die Wirtschaft. Und das solltet ihr auch tun! Seit Prism wissen wir, dass die großen Internetfirmen Google, Facebook, Microsoft, AOL, Yahoo! und andere mit der NSA kooperieren … manche mehr, manche weniger. Seit 2005 läuft das Programm bereits.
»Nur die dümmsten Kälber wählen sich die Metzger selber«, denke ich mir heute Morgen beim Zähneputzen. Weshalb können die US-Netzunternehmen eigentlich, 15 Monate nach Snowden, einfach so weitermachen wie bisher? Wie kann mich Google allen Ernstes in der neusten Werbung dazu auffordern, mit ihm zu sprechen? Jeder weiß doch inzwischen, wo das hinführt: direkt ins Utah Data Center bei Camp Williams, betrieben von der National Security Agency.

Damit »Sprich mit Google« richtig Sinn macht, muss ich dem Dienst Zugriff auf mein Mikrofon geben, meine aktuelle Position und meine Adressen. Wenn ich das tue, verknüpft Google sämtliche von mir in Anspruch genommenen G+-Dienste mit meinen Aktivitäten. Gelockt wird mit der Bequemlichkeitshandschelle: einmal bei Google einloggen, immer eingeloggt bleiben und nie mehr nach Usernamen und Passwort gefragt werden … beim Mailen, beim Liken von YouTube-Filmen, beim Suchen, beim Übersetzen, beim Navigieren und so weiter.

Die bei all dem anfallenden Daten sammelt das Unternehmen, um seinem Haupt­geschäft nachzugehen, mich irgendwann mit maßgeschneiderten Anzeigen zu belämmern. Und wenn die NSA Zugriff auf die Google-Server hat oder sich die US-Regierung einen solchen durch eine richterliche Verfügung verschafft, dann wandern die Daten meines Verhaltens mit denen vieler Millionen anderer Menschen in die große Rasterfahndungstrommel gegen den Ter­rorismus, wo sie so lange durch­ge­schleu­dert werden, bis endlich ein paar Tropfen Verdachtsmomen­te gewonnen sind.

Nein, ich spreche heute garantiert nicht mit Google. Hab ich gestern nicht getan und all die Monate davor auch nicht. Nicht mit Google zu sprechen heißt bei mir: permanent bei G+ ausgeloggt zu sein. Und wenn ich zwischendurch mal reinmuss, klinke ich mich gleich danach wieder aus. So viel Unbequemlichkeit muss sein.
Auf meiner To-do-Liste stehen heute einige Hygienemaßnahmen. Erst mal den Google+-Account löschen, den ich sowieso nie nutze. Tut mir leid, Ellen Lupton, Adam Twardoch, Tim Brown, Christian Schwartz und 200 andere Kollegen, die mir in den letzten Jahren ihre Freundschaft angeboten haben: Hier werden wir uns nie mehr treffen. Eine letzte Warnung erscheint: »Wenn Sie Ihr Google-Profil löschen, werden Google+ sowie andere Diens­te und deren zugehörige Daten gelöscht, die auf ei­nem Google-Profil beruhen.« Genau das will ich!

Als Nächstes: Yahoo!-Account löschen. Nur den für Flickr lasse ich noch in der Schublade liegen. Facebook: Da bin ich schon seit sechs Jahren draußen. XING: nie mitgemacht. Twitter: Das benötige ich noch, von Twitter fühle ich mich auch nicht bedroht. Instagram: Brauche ich auch, gehört zwar inzwischen zu Facebook, ich war aber schon vorher dort aktiv.
Jetzt fühle ich mich gut. Zum Abschluss bestelle ich auf die Schnelle noch 20 Newsletter ab und gehe anschließend erst mal einen Kaffee trinken.

Nun warte ich auf den Tag, an dem eines der zitierten Unternehmen die Privatsphäre seiner Nutzer als USP entdeckt. Wenn dann der Erste kommt und sagt: »Sprich mit mir, und ich schweige. Garantiert!«, lasse ich mich gerne wieder von bequemen Diensten verführen. Bis dahin gebe ich so wenig Daten wie möglich preis. Und je mehr Menschen das tun, umso wertloser werden die Geschäftsmodelle von Google und Co. Wertlose Geschäftsmodelle = weniger Millionen Dollar = neu auf die Kunden zugehen, Vertrauen gewinnen.
Die Lösung: Überwachung lässt sich nur über die Internetfirmen eindämmen, nicht über die Politik.




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