Leitsystem

Orientierung schaffen und zugleich das Umfeld bereichern – die Gestaltung von Leitsystemen ist eine Kunst für sich. PAGE stellt Lösungen vor, die prägnante Informationsvermittlung mit emotionalem Design verknüpfen.

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App Design, Augmented Reality, Ausstellungen, Ausstellungsdesign, Designagentur, Digitalagentur, Interaction Design, Kommunikation im Raum, Leitsystem, Making of, Museum

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Dieser Beitrag wurde zuerst in der Printausgabe von PAGE 09.2011 veröffentlicht.
Autorin: Wiebke Lang


Inhalt

1 Leitsysteme

2 Broadway School in Birmingham

3 Headquarter der Nieder­österreichischen Lan­des­kliniken

4 Interview Stefan Nowak (einer der Geschäftsführer von nowakteufelknyrim, Düsseldorf)

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1 Leitsysteme – führen und verführen

Die menschliche Wahrnehmung zählt zu den Dingen, die sich nicht fortwährend verändern. Dieser Fakt dürfte der Grund dafür sein, dass sich auch in der Konzeption von Orientierungssystemen seit den reduziert funktionalen Designs Otl Aichers wenig bewegt hat. Dabei hat ihre Erscheinung – analog zum zunehmend spielerischen Umgang mit der Visualisierung von Information – in den letzten Jahren an Flexibilität, Emotionalität und Leichtig­keit gewonnen: Leitsysteme kommen heute mal als ausgefeilte modulare Sys­teme daher, mal als prägnante, benutzerorientierte Informationsarchitektu­ren für einen reibungslosen Ablauf an Verkehrsknotenpunkten, dann wieder werden sie dekorativ als flexible, emotionale Designbausteine für Markenräume und Events eingesetzt.

Büro uebele etwa spielt virtuos mit der rationalistischen Systemhörigkeit der 1960er Jahre, während Ruedi Baur, in den 1990ern Impulsgeber für einen intuitiven Zugang zum Thema Orien­tie­rung, mit herkömmlichen Regeln weitgehend bricht. Designer wie nowak­teufelkny­rim, L2M3 und Moniteurs ver­stehen sich auf die konzeptstarke Verknüpfung von visueller Identität und Orientierung. Die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Studios: die Anpas­sungsfähig­keit beim Entwerfen von Ori­entierungskonzepten, mit denen sie dafür sorgen, dass sie Menschen inmitten der täglichen Reizüberflutung und eines immer stär­ker auf Effizienz getrimm­ten Tagesablaufs rechtzeitig erreichen.

Bei Leitsystemen im öffentlichen Raum wiederum bauen Gestalter zunehmend entschleunigende Momen­te ein, die die Anwender ihre gewohnten Abläufe hinterfragen lassen. Tim Fendley, Gründer der Applied Information Group in London sowie Freund des Zu-Fuß-Gehens, erforscht seit einigen Jahren Möglichkeiten der Navigation in Städten. So versucht er mit seinem Stadtplanprojekt »Legible London«, den Nutzern seiner Karten die britische Hauptstadt außerhalb von Transportmitteln und Internet näherzubringen. Dazu zieht er um die mit rotem Punkt gekennzeichneten Standorte je einen großen weißen Kreis und markiert so Strecken, die innerhalb von fünf Minuten zu Fuß zurückgelegt werden können. Durch diese Maßnahme verortet Fendley die Nutzer im realen Leben und sorgt dafür, dass die Stadt als zusammenhängender Raum verständlicher wird.

Für soziale Phänomene im Kontext von Stadtplanung und -entwicklung interessiert sich Vier5 aus Paris. Die Designer verstehen ihre mobilen Leitsysteme als strukturelle Arbeit innerhalb urbaner Räume. Zum damaligen Grafikdesignfestival in Chaumont entwarfen die Gestalter ein temporäres Leitsystem, das aus roten Modulen wie Postern, Informationsboxen und flachen Holzpanelen bestand. Ein Teil der Plakate verzichtet dabei komplett auf Beschriftung und liefert so einen Gegenentwurf zum mit Information überfüllten Stadtraum.

Die prägnanten roten Plakate und die auffälligen, unterschiedlich großen Holzpanele, scheinbar ohne Konzept in die Stadt gestellt, okkupierten den öffentlichen Raum ähnlich wie Guerilla­kunst, markierten aber zugleich Wege und die einzelnen Ausstellungsorte. Die roten Boxen, an strategisch wichtigen Punkten platziert und an Telefonzellen erinnernd, enthielten als interaktive Infostelen Karten und Flyer für die Besucher. Dass die Plakatwände und die mobilen Holzflächen unter Umständen demoliert oder zweckentfremdet werden konnten, war Teil des ästheti­schen Konzepts und verdeut­lich­te die zeitliche Dimension im Raum. Auf diese Weise ordnet sich die Festival-Orientierung sympathisch unprätentiös den menschlichen Bedürfnissen unter. Das einfachste Leitsystem sei immer noch, so Marco Fiedler von Vier5, nach dem Weg zu fragen und als Antwort einen Fingerzeig in die richtige Richtung zu erhalten.

Diese Beispiele lassen sich als Gegenreaktion auf die zunehmende Verknüpfung von realem und digitalem Alltag lesen.

Mobile Devices mit Augmented Reality – irgendwann vielleicht auf die Netzhaut anstatt aufs Handy projiziert – können optimal als Informationsportale eingesetzt werden, die den aktuellen Standort des Nutzers dank GPS und Internet mit Karten präzise definieren und mit Hintergrundwissen ergänzen. Praktisch auch, dass sich mittels digitaler Hilfsmittel die Orientierungslücke schließen lässt, die in analogen Leitsystemen auf dem Weg von der Übersichtstafel zu den Wegweiser-Elementen entsteht.

Doch während wir im natürlichen Raum sämtliche Sinne einsetzen, um uns zurechtzufinden, verlangen digitale Geräte die volle Aufmerksamkeit des Nutzers. Auf der Strecke bleibt dabei die eigene Positionsbestimmung im Raum und die Zeit, sich in Relation zu setzen zu Mitmenschen, zur gebau­ten Umwelt und zu physikalischen Gegebenheiten wie Materialitäten, Tages­zeiten und Licht. Doch glücklicherwei­se hat neben der Entwicklung digita­ler Medien auch die von analogen Leitsys­temen Konjunktur – und zwar nicht lediglich die für Flughäfen und Krankenhäuser, die Prozesse beschleunigen, sondern auch solche für touristische oder kulturelle Veranstaltungen, bei denen das Schlendern und Entdecken Ziel des Weges ist.

Vier5 entwickelte Kommunikation sowie Leitsystem für das 22e Festival international de l’affiche et du graphisme de Chaumont. Die verschiedenen Informations- und Leitmodule spielen mit dem dynamischen Leben im urbanen Raum und beziehen Anwohner und Nutzer ein:


Das Aufbau Haus in Berlin-Kreuzberg beherbergt Firmen wie den Aufbau Verlag oder den Modellbauvertrieb Planet Modulor. Passend zu deren Inhalten spielt das Leitsystem mit materialisierter Schrift, 2-D- und 3-D-Effekten:


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2 Einladend farbig

Für die Broadway School in Birmingham sollte das Designbüro Bravo Charlie Mike Hotel eine Orientierungsstrategie entwickeln, bei der sich Abteilungen und Kategorien bei Bedarf verändern oder austauschen lassen. Das Ergebnis ist ein flexibles Leitsys­tem mit Farbzonen, die die verschiedenen Bereiche – etwa Sprach- und Wissenschaftsblock – markieren. Über­­di­men­sionale Icons mit typischen Zeichen aus fremden Sprachen verweisen auf die Offenheit der Schule mit Sprachenschwerpunkt, deren Schüler zum großen Teil Migranten sind. Andere Symbole hingegen bieten einen praktischen Nutzen, wie zum Beispiel ein riesiges Lineal im Korridor für De­signworkshops, mit dem sich Materia­lien für den Unterricht vermessen lassen. Die freundlichen, ruhigen Gestaltungselemente bieten im Schulalltag eher intuitiv Orientierung.

Das farbenfrohe, flexible Leitsystem für eine Schule entwarf BCMH:


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3 Beruhigend transparent

Offene Büroräume mit viel Glas charakterisieren das an der Donau gelegene neue Headquarter der Nieder­österreichischen Lan­des­kliniken. Das vom Wiener Designbüro Bauer Konzept und Gestaltung entworfene Orientierungssystem leitet den Besucher nicht nur durchs Gebäude, sondern schafft zugleich eine offene und dennoch diskrete Atmosphäre. Leitmotiv ist der sich permanent ändernde Flussverlauf der Donau während der letzten Jahrtausende, der sich – von der Etagenkennzeichnung bis zu den Piktogrammen – durch die Leitelemente des gesamten Epsilon Office zieht. Die lufti­ge, dynamische Linienstruktur verbindet die Räume, die zum Teil mit Namen der vier geografischen Hauptteile Nieder­österreichs bezeichnet sind und wiederum in Landkartenform, gefräst aus Aluminium, dargestellt werden. Diese filigra­nen, an zeitgemäße Datenvisualisierungen erinnernden Grafikelemen­te sorgen nicht nur für die regionale Verankerung der Institution, sondern erzeugen auch eine beruhigend transparente sowie vertrauenserweckend seriöse Atmosphäre.

Im Flow: Das Büro Bauer hat ein schlüssiges und dekoratives Klinik-Leitsystem entworfen:


 

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4 »Dass Menschen auch mal in Ruhe gelassen werden wollen, ist eine Erkenntnis, die sich erst langsam durchsetzt«

Stefan Nowak, einer der Geschäftsführer von nowakteufelknyrim in Düsseldorf, über die Anforderungen an zeitgemäße Orientierungssysteme

Haben haben sich die Ansprüche an Orientierungssysteme verändert?
Stefan Nowak: Vor allem haben Gestalter endlich mal selbst Anforderun­gen formuliert. Sie zeigen zunehmend eigeninitiativ auf, was im Bereich der visuellen Orientierung noch möglich ist. Es wird immer wichtiger, Informa­tions­strukturen zu analysieren und sichtbar zu machen, ganzheitlich über den Mas­terplan, über Verkehrs­knotenpunkte und Wegenetze nachzudenken – eine Leistung, die zum Gestal­tungsprozess unumgänglich dazugehört. Außerdem lässt sich mit den komplexer werden­den Anforderungen die Entwicklung von individuellen, vielschichtig mo­­­du­laren Leitsystemen beobachten.

Was macht den Designansatz von nowakteufelknyrim aus?
Wir entwickeln selbst die spielerischen Elemente aus der Funktion heraus. In der Universitätsbibliothek Münster etwa sind die auffällig bunten, wegweisenden Piktogramme am Boden platziert, weil das Konzept vorsah, die vielen Informationen auf bauseitigen Flächen aufzubringen. Und der Boden bot als einzige freie Fläche Platz und ist jederzeit gut sichtbar. Bei der gestalterischen Auseinandersetzung sollte immer die Zielgruppe im Fokus stehen. Wie sehen die räumlichen und finanziellen Möglichkeiten aus? Wie viel Information ist überhaupt notwenig? Generell gilt: Weniger ist mehr. Zudem ist wichtig, in Modularität zu denken; etwa zu beachten, dass Piktogramme in ihrem Aufbau oder der Höhe zusammenpassen. Und die Lesbarkeit muss kontrolliert werden, damit Bildzeichen und Typo auch aus der Fernsicht oder bei Verkleinerung erkennbar sind.

Worin bestehen die Unterschiede bei der Gestaltung von Orientierungssystemen im Innen- und im Außenraum?
Innen gibt es größere Spielräume. Unser Leitsystem fürs Düsseldorfer Museum Kunstpalast, in dem 450 Kunstwerke vom Mittelalter bis zur Gegenwart auf etwa 5500 Quadratmetern gezeigt werden, ist eng mit den Inhalten verknüpft. Die zurückhaltende, aber gut lesbare Typo lässt den Werken den nötigen Raum, ein Farbleitsys­tem gliedert die Ausstellung chronologisch. Das liefert eine zusätzliche Ebene: Die Gemälde – hauptsächlich aus der Zeit zwischen dem 11. und 19. Jahrhundert – hingen ja auch selten vor weißem Hintergrund, sondern an farbigen und gemustert tapezier­ten Wänden. Die Farbigkeit der Wände sorgt also nicht nur für die kuratorische Struktur, sondern führt die Arbeiten in ihren ursprünglichen Kontext zurück. In einer Schule hingegen kennen sich etwa 90 Prozent der Nutzer, Schüler und Lehrer, gut aus. Das Leitsystem darf plakativer sein, da sich die Beschilderung vor allem an seltene Gäste wendet, etwa aus der Verwaltung. Bei unserem Orientierungssystem für das Stadtteilzentrum Lübeck beispielsweise halten wir uns zugunsten unbeschwerter Elemente zurück.

Und worauf ist bei Systemen für Außenbereiche zu achten?
Hier muss die Haltbarkeit, auch bei schlechtem Wetter und Vandalismus, bedacht werden. Vor allem gilt es zu vermeiden, zur Vergrößerung des Schilderwalds beizutragen. Ein wichtiges Thema ist hier die Verbindung von Übersicht, Wegweiser und Zielbeschriftung. Häufig fordern Ausschreibun­gen Konzepte mit dieser tradierten Aufteilung, dabei kann es sinnvoll sein, die Elemente zusammenzubringen.

Wie lassen sich denn Übersicht und Wegweiser auf zeitgemäße Weise verbinden?
In der Stadtinformation für Düsseldorf haben wir die Informationsebenen auf weithin sichtbaren Stelen zusammengeführt, um das Problem klassischer Leitsysteme zu umgehen: Wenn ich als Nutzer eine Übersicht über das Gelände benötige, fehlt mir meist die Angabe der Laufrichtung, und vice versa fehlt vor einem klassischen Pfeilwegweiser ohne Übersichtskarte der Kontext, in dem ich mich bewege.

Wie schafft man in der aktuellen Informationsflut spannungsreiche Orientierungssysteme, ohne zu überfordern?
Information muss entsprechend den Anforderungen auf verschiedene Ebenen gestaffelt werden, um ihre Dichte für den Nutzer auf den ersten Blick auf den Punkt zu bringen. Vorab gilt es festzulegen, welche Inhalte großformatig visu­alisiert werden sollen, um sie auch aus der Entfernung erschließen zu können. Wichtig ist dies zum Beispiel bei Leitsystemen für Archive, deren Systematik über Jahrhunderte hinweg gewachsen ist. Es gibt einen Wust an Signaturen, die kommuniziert werden müssen.

Was heißt das konkret?
Bei der Unibibliothek Münster etwa, in der Studenten möglichst schnell zur gesuchten Literatur finden wollen, haben wir für geübte Bibliotheksgänger große, direkte Wegweiser über den Türen angebracht, für Neulinge gibt es gleich daneben Übersichtstafeln. Indem wir alle Informationen bau­seitig angebracht haben, fallen zusätzliche Elemente wie Schilder weg. Spannung liefert das Spiel mit den wechselnden Größen der Module, wir inszenieren Information mal lauter, mal leiser. Für Überraschung sorgt die traditionelle Renaissanceschrift in Kombination mit modernen Piktogrammen. Einen emotionalen Aspekt erhält das System zudem durch die Analogie zum Buch: Die weiße Wand wird zur weißen Seite, beschrieben mit dem Buchfont Garamond. Mich würde es reizen, ein Orientierungssystem für ein Krankenhaus zu entwerfen: Wie emotional darf ein Design wirken, wenn es um Leben und Tod geht?

Was können digitale Devices in diesem Kontext leisten?
Mobile Geräte können helfen, einen Kontext herzustellen und Hintergrundinformationen zu liefern, mit denen man den realen Raum nicht überfrachten möchte. Die Kombina­tion aus analogen und digitalen Leitsystemen ist optimal, da sie viele Möglichkeiten für eine individuelle Dramaturgie und Überraschungen bietet. Inhalte lassen sich so staffeln, dass sie abrufbar sind für diejenigen, die sich dafür interessieren, und für die anderen verborgen bleiben. Manche Leitsysteme müssen schnell zum Ziel führen, während andere, etwa touristische Routen, zum Flanieren einladen. Dass Menschen auch mal in Ruhe gelassen werden wollen, ist eine Erkenntnis, die sich erst langsam durchsetzt.

Architektur als Buch: Das Leitsystem für die Unibibliothek Münster gliedert massenweise Informationen wie Raumkategorien oder Signaturen mit einer intelligenten Metapher und einer eleganten Visualisierung. Da kommt der Verzicht auf zusätzliche Schilder durch die Anbringung der Informationen auf bauseitigen Flächen gerade recht:


Information plus Atmosphäre: Durch seine inhaltlich passende Farbgebung ist das Leitsystem im Düsseldorfer Museum Kunstpalast gleichermaßen informativ, zurückhaltend und emotional:

© nowakteufelknyrim, Stefan Nowak, Julia Kaltenbach

 

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