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»Ich habe gleich gemerkt, dass da Platz für Text ist«

Seit 27 Jahren macht Jo Zimmermann unter dem Pseudonym Schlammpeitziger Musik, zeichnet und erfindet wunderschöne, verwunderliche neue Worte. Heute erscheint sein neustes Album »Ein Weltleck in der Echokammer« beim Hamburger Label Bureau B.

Seit 1986 macht der Kölner Jo Zimmermann Musik und zeichnet – verschnörkelt, minimalistisch, packend – nicht nur für seine Alben-Cover sondern seit zwei Jahren wieder intensiv für verschiedenste Formate. Zum Erscheinen des zehnten Albums von Schlammpeitziger »Ein Weltleck in der Echokammer« – hören sie unten unbedingt mal rein! – sprachen wir mit dem Künstler über Musik und Gestaltung.

Wenn du dich entscheiden müsstest zwischen Zeichnen und Musik, wie würde das ausgehen?

Wenn ich einen Schwerpunkt setzen und überlegen müsste, was mich weiter bringt, dann wäre es auf jeden Fall die Musik – Musikmachen ist viel lebendiger. Zeichnungen sind dann doch irgendwas sehr Starres, aber Video, die Bewegung und Musik dazu, davon würde ich mich nur ungerne trennen.

Aber du hast auch immer gezeichnet, oder?

Das fing 1986 zeitgleich mit der Musik an. Ab 1993 mit der ersten musikalischen Veröffentlichung habe ich das Zeichnen zurück gesetzt und mich auf die Musik konzentriert. Ja gut, es war lange Zeit so, dass ich die Cover und die Label auf den Schallplatten selbst gestaltet habe, aber das waren ja eher kleine Sachen. So richtig wieder angefangen habe ich 2018 mit Erscheinen der letzten Platte, »Damenbartblick auf Pregnant Hill«. Da hat mich Galerie Labor hier aus Köln am Ebertplatz gefragt, ob ich live bei ihnen spielen und eine begleitende Ausstellung machen möchte. Seitdem habe ich wieder richtig Freude am Zeichnen gefunden, und bin wieder voll eingestiegen, das hatte ich davor schon etwas vernachlässigt.

Und wie war dieser Neustart?

Ich habe gemerkt, dass ich genau da weiter mache, wo ich vor zig Jahren aufgehört habe, also ganz unabhängig von der zeitlichen Entwicklung. Das funktioniert, weil meine Bildwelten innerhalb von einem oder zwei Jahren eigentlich da waren und ich das nur abrufen und weiterführen muss. Was ich heute mache, hat viel Ähnlichkeit mit dem von damals, nur dass die Sachen jetzt etwas ausgefuchster sind und sich mehr mit Text beschäftigen. Letztes Jahr kam dann ein kleines Büchlein (Die Pute nascht am Berg der Erkenntnis / vergriffen). So hat sich das entwickelt und es war auch die Zeit dazu da, um wieder mehr zu zeichnen – ich hatte einen wahnsinnigen Output.

Kann man den beziffern?

Ja, ich habe gestern mal geschaut, ich habe dieses Jahr schon an die 40 Zeichnungen gemacht – ne Menge Holz – das wird sich aber demnächst wieder minimieren, wenn ich anfange am neuen Album zu arbeiten. Man schaut halt, wofür man Zeit hat, aber Jan Casagrande von 30 Quadrat fragt auch immer wieder, ob ich etwas Neues habe – es hilft ja, wenn man genötigt wird, etwas zu zeichnen. Ach so, einen Kalender für 2021 habe ich habe für 30 Quadrat auch noch gezeichnet.

Bild: Ulrike Göken

Hast du das Cover deines aktuellen Albums »Ein Weltleck in der Echokammer« wieder selbst gestaltet?

Ja, das ist ein Foto von mir, das wir letztes Jahr auf Tassos gemacht haben. Wir kamen gerade vom Strand als wir da vorbei fuhren und ich auf der rechten Seite diesen Berg von alten Fernsehern und Monitoren sah. Ich habe sofort gesagt: »Uli, halten, Foto!« und es war direkt klar: Drauf auf den Haufen. Aber es war nicht klar, was man damit anstellt. Ich habe das Bild erstmal auf Facebook gepostet und Frau Kraushaar aus Hamburg schrieb dann so etwas drunter wie: »Mindestens Plattencover!« Ich habe damals noch nicht groß darüber nachgedacht, aber als dann die Musik fertig war und es um das Cover ging, bin ich alles durchgegangen, was ich so hatte und da war sofort klar, das Foto ist super, das passt perfekt.

Du hast für das Cover noch etwas dazu gezeichnet, wie hast du das gemacht?

Ja, die Kugel auf dem Hügel und ein paar kleine Pflanzen. Ich habe mir das Bild möglichst groß und im richtigen Format auf dem Bildschirm geöffnet, Pauspapier auf den Monitor geklebt und dann 1:1 darauf gezeichnet. Hinterher kam das in den Scanner und mit meiner Freundin Ulrike Göken, die hier ja der Tech-Head ist, und mit der ich auch alle Videos mache, habe ich das Cover dann zusammen gesetzt, bis alles passte.

Weltleck ist dein erstes Album, auf dem du auch singst, aber du bist ja schon immer für deine Wortspiele bekannt. Wie entstehen deine Texte und Titel?

Es gab schon Sprechgesang auf den beiden vorherigen Alben. Aber auf »Ein Weltleck in der Echokammer« traute ich mich dann auch an richtigen Gesang heran. Ich mache ja seit 1986 Kunst und Musik, ab ’88 hatten wir eine Produzenten-Galerie mit zehn Künstlern. Das war von vornherein da, ich habe keine Ahnung wo das her kommt, meine kleinen Gemälde und Zeichnungen hatten schon damals diese ellenlangen Titel. Die sind entweder schon von vorneherein da oder ich kucke mir hinterher die Zeichnung an, klopfe sie optisch ab, was da drin steckt, was das beschreiben könnte. So ähnlich ist es auch mit den Stücken. Die höre ich auch ab und notiere mir, was ich denke. Bei Weltleck habe ich gleich gemerkt, dass da Platz für Text ist und ein bisschen hatte ich auch schon im Kopf, das habe ich aufgeschrieben. Im Laufe der Produktion haben sich Text und Musik mehr und mehr zusammengefügte und sich gegenseitig befruchtet.

Bei dem Video von Ulrike Göken, habe ich sofort eine visuelle Assoziation, dass die Welt ausläuft – diese Text-Bild-Schere fand ich großartig.

Wir hatten noch eine Menge nicht benutztes Video-Material. Wir sind das durchgegangen und das fanden wir äußerst passend. Wir haben uns überlegt, dass wir das Video mit diesem Blob auf- und wieder zumachen wollen. Eigentlich ganz simpel, aber Uli ist nicht so schnell zufrieden zu stellen. Es hat auch vier Wochen gedauert mit allen Kleinigkeiten, bis wir dann hier saßen und gesagt haben: »Passt, ist gut.«

Wie genau ist das Video am Fenster von Dir entstanden?

Das ist eine alte Aufnahme aus Zürich. Nach einem Party-Konzert-Abend saß ich da am offenen Fenster. Uli sah das und dachte, man könnte das irgendwann für irgendeinen Clip gebrauchen, weil man so schön etwas in das Fenster projizieren oder den Ausblick austauschen kann. Und weil »Weltleck« so ein ruhiger Song ist, passte das. Und das ist wirklich so passiert. Der Typ kam ins Bild zum Stuhl gekrabbelt, hat mit den Armen da drüber gefasst und sich ja dann den Stuhl geschnappt und mich weggetragen.
Am Anfang dachte ich, oh Gott, schon wieder so ein Irrer, aber als ich merkte, dass es eine sehr humorvolle Geschichte wird, musste ich doch lachen und wollte das Material jetzt unbedingt nutzen. Ich habe für das Video auch wieder Zeichnungen gemacht und am Schluss, wo er mich wegträgt, musste im Hintergrund noch etwas passieren. Das was da im Fensterblick erscheint, ist eine Partyglühbirne.

Das neuste Video von Dir stammt ausnahmsweise nicht von Ulrike, wie kam das?

Jan Casagrande hatte schon öfter Videos mit Blender gemacht und als ich das gesehen habe, dachte ich, das wäre doch auch mal super für einen Schlammpeitziger-Track. Er hat dann eine Zeichnung von mir genommen und angefangen sie zu animieren. Der erste Entwurf hat mich direkt angesprochen und die Zusammenarbeit mit Jan lief perfekt. Ich habe nur zwischendurch immer mal wieder drauf geschaut, wir haben besprochen, was man noch raus nehmen kann, oder was man noch anders machen kann, bis das Ding dann nach zwei Wochen stand. Das war das aller erste Mal, dass ich ein Video aus der Hand gegeben habe, aber ich dachte am Schluss, es passt wie Arsch auf Eimer, damit schließt sich der Kreis.

Vielen Dank!

Ein Interview mit Jan Casagrande zur Entstehung des Videos folgt in den nächsten Tagen. Das neue Schlammpeitziger-Album ist beim Mutterlabel von Bureau B Tapete Records auf Vinyl oder digital via Basecamp erhältlich.

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