PAGE online

Fotografie für klassische Musik – neues Bild der Klassik?

Ein Interview mit der britischen Porträtfotografin Eva Vermandel, die mit den üblichen biederen Fotos klassischer Musiker hart ins Gericht geht.

© Chiaroscuro Quartet, Foto Eva Vermandel

Bieder im Bühnenoutfit, meist (auch mit Kunstlicht) überinszeniert und viel zu stark geschminkt – so kommen klassische Musiker in der Regel auf Fotos daher, sei es auf CD-Covern oder in Programmheften. Eva Vermandel hält nicht viel von diesen einfallslosen, langweiligen Looks. Die in London lebende Fotografin ist für einfühlsame, an Gemälde erinnernde Porträtbilder zahlreicher prominenter Künstler aller Genres bekannt. Ihre Aufnahmen werden in Museen wie dem V&A oder der Londoner National Portrait Gallery ausgestellt.

In PAGE 3.2021 gibt es einen großen Artikel übers Design für klassische Musik, übrigens ein Bereich, der dringend einer visuellen Auffrischung durch gute Gestalter bedarf. In unserem Heft sind auch Eva Vermandels Fotos des gefeierten jungen Streichquartetts Chiaoscuro zu sehen. Hier gibt es das ganze Interview, in dem die Fotografin über ihre Erfahrungen in der Welt der Klassik berichtet.

Eva Vermandel, fotografiert von Rob Ball/Obsolet Studios

Sie haben Schauspieler wie Willem Defoe oder Matt Damom, Künstler wie Peter Blake oder Peter Doig, Musiker wie Steve Reich oder Tricky fotografiert. Was läuft anders in der Klassik?

Die Welt der klassischen Musik kann tatsächlich ziemlich konventionell sein, um es höflich auszudrücken. Mit einigen Musikern versuche ich Grenzen zu überschreiben. Etwa mit dem Pianisten Pavel Kolesnikov, den ich schon mehrfach fotografiert habe. Aber es ist nicht einfach. Letzthin hatten wir ein großartiges Shooting in einem alten Londoner Hafengebäude für die Titelgeschichte eines Klassikmagazins. Aber sie wussten nicht, was sie mit den Bildern anstellen sollten, und verwendeten nur eines davon. Das kann sehr frustrierend sein. Wenn es nach uns ginge, würden wir gern viel weiter gehen.

Arbeiten Sie häufiger mit Musikern?

In den letzten Jahren hat sich eine enge Arbeitsbeziehung mit Pavel Kolesnikov aufgebaut, der ein tiefes Kunstverständnis hat. Ich habe ihn auch mit seinem Partner fotografiert, dem Pianisten Samson Tsoy. Außerdem arbeite ich regelmäßig mit Künstlern aus zeitgenössischer und elektronischer Musik wie Plaid, Brian Eno, Chris Clark, Max de Wardener oder Squarepusher.

© Pianist Pavel Kolesnikov, Foto Eva Vermandel

 

Wann und wie kam der Kontakt mit dem Chiaroscuro Quartet zustande?

Der damalige Agent der Geigerin Alina Ibragimova kannte meine Arbeit vom Musikmagazin »The Wire« und beauftragte mich, Solobilder von ihr zu machen. In den letzten zehn Jahren habe ich sie häufig fotografiert, allein, mit dem Pianisten Cédric Thiberghien, mit dem sie oft zusammenarbeitet, oder seit 2015 mit dem Quartett. Unser letztes Shooting hatten wir in einem wunderschönen, sehr inspirierenden alten Haus in Suffolk. Wir blieben über Nacht, bekochten uns gegenseitig. Mir ist vor allem immer die Location wichtig, der Rest ist improvisiert. Meistens nutze ich Tageslicht, manchmal ein wenig ergänzt durch ein LED-Licht oder einen Reflektor.

 

Foto Eva Vermandel

 

Foto: Eva Vermandel

Wie entstand das Coverfoto für die bei BIS Records entstandene Schubert-Platte?

Mit der Unterwasser-Kompaktkamera Canon SureShot. Die Linsenqualität dieser Kameras ist ziemlicher Schrott, aber sie sind großartig für Experimente, vor allem natürlich bei Nässe. Ich habe bei diesem Bild Wasser auf die Linse gebracht.

Was unterscheidet ihr Konzept von der üblichen Art, klassische Musiker zu fotografieren?

Es ist schön, zu diesem Thema einmal etwas zu sagen können. Denn es verblüfft mich immer wieder, wieviel schlechte Fotografie und schlechtes Design man rund um klassische Musik findet. Ich verstehe nicht, wie Musiker, die so hart an sich arbeiten und auf höchsten Niveau spielen, so mittelmäßige Visuals für ihre Kommunikation nutzen.

Häufig wirken die Fotos für die Klassik wie die Bilder auf Packungen für Fertiggerichte: Man sieht, was drin ist, man weiß, dass manipuliert wurde, damit es attraktiver aussieht. Aber tatsächlich macht es in keiner Weise Appetit.

Wenn ich Menschen fotografiere, will ich ihren Gesamteindruck vermitteln, ihren Charakter, in einem Setting, das sie umschmeichelt, sowohl was die Location als auch das Licht angeht. Ich möchte ein Porträt schaffen, zu dem der Betrachter in Beziehung treten kann und das ihm das Gefühl gibt, in einem Raum mit dem Abgebildeten zu sein. Meine Arbeit zeigt vielleicht, dass ich mich viel stärker durch Malerei als durch Fotografie inspirieren lasse.

Letzteres lässt sich auf Eva Vermandels sehenswerter neuer Website überprüfen. Gestaltet wurde sie von Systems Studio aus London, Designer war Giorgio del Buono. 

 

© Alina Ibragimova and Cédric Tiberghien, Foto Eva Vermandel

 

© Alina Ibragimova, Foto Eva Vermandel

 

© Chiaroscuro Quartet, Foto Eva Vermandel
PDF-Download: PAGE 03.2021

Kreativ in der Krise ++ SPECIAL: Music + Graphic Design ++ Mehr Diversität in den Branchenverbänden ++ Fonts: Types That Matter ++ Was die Krea-tivszene bewegt ++ Praxisreport: Interdisziplinäre Prozesse ++ No Ranking: Show Your Work!

8,80 €
10,80 €
Lieferzeit: 2-3 Werktage
AGB
Produkt: eDossier: »Weißraum in Print, Web & Mobile«
eDossier: »Weißraum in Print, Web & Mobile«
Inspirierende Beispiele & Cases aus den Bereichen Verpackungsdesign, Geschäftsausstattung, Buch- und Kataloggestaltung sowie Rauminstallation

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren