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Produkt: eDossier »iBeacon – Grundlagen und Anwendungen«
eDossier »iBeacon – Grundlagen und Anwendungen«
Navigation und Lokalisierung mit iBeacon auf dem iPhone

Wie funktioniert Trauer in digitalen Zeiten?

Wir alle hinterlassen im Laufe unseres Lebens Unmengen Spuren im Netz. Was passiert mit diesem digitalen Nachlass, wenn wir sterben? Und wie verändert die Digitalisierung unsere Art zu trauern? 
Warum sich Designer mit diesen Fragen beschäftigen sollten.

Debra Bassett
Debra Bassett

Die britische Soziologin Debra Bassett hat in ihrer Doktorarbeit an der University of Warwick erforscht, wie digitale Medien unsere Art zu trauern verändern. Sie appelliert an De­signer, der Bedeutung von digitalen Nachlässen mehr Beachtung zu schen­ken. Wir sprachen mit ihr über versehentliche und intentionale Gedenkplattfor­men, verlorengegangene Er­in­ne­rungs­stücke und digitale Zombies.

Mehr über digitalen Nachlass, Chatbots aus dem Jenseits und digitale Trauerbegleitung – und die Rolle von Gestaltern dabei – gibt es in PAGE 4.20 hier in unserem Online-Shop.

»Wir tragen die Toten in unserer Hosentasche«

 

Wie beeinflussen digitale Medien unsere Art zu trauern?

Debra Bassett: Sie verändern vor allem die Bedeutung, die wir digitalen Besitztümern zuweisen. Zum Zeitpunkt ihrer Erzeugung mögen WhatsApp-Nach­richten, Facebook- oder LinkedIn-Profile selbstverständlich oder bedeutungslos erscheinen, aber sobald ein Mensch stirbt, bekommen sie für die Hinterbliebenen einen ganz neuen Wert. Ich bezeichne sie als unbeabsichtigten Nachlass, im Gegensatz zu einem bewussten Erbe. Plattformen, die eigentlich für den Austausch zwischen Lebenden konzipiert sind, werden so plötzlich von Verstorbenen bevölkert. In meiner Forschung unterscheide ich zwischen diesen versehentlichen Gedenkplattformen und sol­chen, die explizit für diesen Zweck ins Leben gerufen wurden. Letztere geben Nutzern die Möglichkeit, ihr digitales Leben nach dem Tod bewusst zu gestalten beziehungsweise intentionale Botschaf­ten zu hinterlassen. Zu diesen Anbietern gehören etwa SafeBeyond und Eternime.

Die sogenannte Digital Afterlife Industry.

Genau. Einige Tech-Konzerne glauben, dass man diesen Bereich monetarisieren kann. Ich bin mir da nicht so sicher. Im Laufe meiner Forschung habe ich einige dieser Plattformen untergehen sehen. Die­se Firmen versprechen, einen für alle Ewigkeit im Internet lebendig zu halten – und gehen selbst nach zwei Jahren pleite. Ich frage mich: Was passiert dann mit den Daten, mit all diesen wertvollen Erinnerun­gen, die Menschen kreiert haben? Die versehentli­chen Gedenkplattformen haben zwar den Nachteil, dass sie gewissermaßen hinterherhinken – aber vie­le von ihnen gehen mit der Problematik wesentlich besser beziehungsweise sensibler um. Facebook hat zum Beispiel die Möglichkeit eingeführt, die Profile Verstorbener in einen Gedenkzustand versetzen zu können. Dadurch werden sie zu digitalen Anlaufstellen für Trauernde.

Plattformen, die eigentlich für den Austausch zwischen Lebenden konzipiert sind, werden plötzlich von Verstorbenen bevölkert.

Sowohl die Gestaltung von unabsichtlichen als auch von intentionalen Trauerplattformen verlangt eine besondere Vorsicht von Designern, denn es geht hier um weit mehr als Nullen und Einsen. Es sind nicht nur die Daten von Verstorbenen, sondern es sind Erinnerungsstücke, die für Hinterbliebene einen immensen Wert haben, der sich von denen physischer Hinterlassenschaften wesentlich unterscheidet. Für Trauernde enthalten sie nichts weniger als das Wesen der Toten.

Haben Sie einen Vorschlag, wie man die angemessene Vorsicht gewährleisten kann?

Ich plädiere in meiner Arbeit für freiwillige Verfahrensregeln für die Digital Afterlife Industry. Manche Wissenschaftler fordern gesetzliche Regelun­gen, aber das dauert meines Erachtens zu lange. Ich möchte, dass Hinterbliebene, die einen digitalen Nachlass erben, sensibel behandelt werden. Dazu gehört unter anderem eine transparente Aufklärung darüber, was mit den Daten passiert, wenn ein solches Unternehmen verschwindet. Es betrifft aber vor allem das Angebot selbst. In meiner Forschung habe ich zum Beispiel festgestellt, dass viele Menschen Bedenken gegenüber terminierten Nachrichten hatten – also Botschaften von Verstorbenen, die zu besonderen Anlässen wie Geburts- oder Jahrestagen überliefert werden. Anbieter wie SafeBeyond gehen davon aus, dass es wunderbar ist, zum 21. Geburtstag einen Gruß von dem verstorbenen Vater zu bekommen. Diese Vorstellung verursacht bei den meisten Hinterbliebenen jedoch keine Freude, sondern vielmehr Grauen. Hier muss im Vorfeld unbedingt mehr User Research betrieben werden! Eine Lösung wäre etwa die Möglichkeit, alle Botschaften in dem Moment abrufen zu können, an dem man selbst dafür bereit ist.

Die Hinterbliebenen sollten also die Kontrolle behalten.

Unbedingt. Kontrolle war ein sehr wichtiges Thema für alle Trauernden, die ich befragt habe. Damit hängt auch die Sorge zusammen, das digitale Erbe zu verlieren – ich nenne dies »die Angst vor dem zweiten Verlust«. Die Toten leben heute in unseren Smartphones weiter, wir tragen sie in unseren Hosentaschen mit uns herum. Die Bindung zu ihnen ist stärker als jemals zuvor. Das gibt den Hinterbliebenen einerseits Halt und führt andererseits zu einer neuen Form der Angst – nämlich der, die digitalen Erbstücke zu verlieren, wie durch Softwareupdates oder Ähnliches …

Das komplette Interview findet ihr in PAGE 4.20.

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