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Siebert-Kolumne: Sprachassistenten sind keine Gamechanger

Auch Corona hat den Voice Interfaces nicht zum großen Durchbruch verholfen – unseren Kolumnisten Jürgen Siebert wundert das nicht

Jürgen siebert, Sieberts FundstückeBild: Norman Posselt

Noch fühlt sich die Coronakrise endlos an. Doch wenn bald das neue Normal beginnt, werden wir in Deutschland sagen: Ging eigentlich ganz flott. Vergessen sind das Warten auf eine Impfung und die Rückkehr ins Büro. Wir staunen einfach nur über den Riesensprung, den die deutsche Wirtschaft in den letzten zwölf Monaten gemacht hat.

Schon Ende 2020 war zu hören, dass Corona die Transformation stark beschleunige. So wurde die Digitalisierung von einer Option zum Muss. Ein kurzer Videocall fühlt sich heute effizienter an als das klassische Meeting im Konferenzraum. Auch das Homeoffice hat sich eingespielt – nach wochenlangem Fremdeln. Chris Herd, Gründer der Remote-Team-Management-Plattform Firstbase, fasste die Lehren der Industrie aus Corona Mitte Februar auf Twitter so zusammen: »Die HQs haben entschieden: Firmen werden ihre gewerblichen Büroflächen um 50 bis 70 Prozent reduzieren, sodass die Mitarbeiter 2 bis 4 Tage in der Woche von zu Hause arbeiten und 1 oder 2 Tage ins Büro kommen.«

Corona ist auch ein strenger Richter über wackelige Geschäfts­modelle, nicht nur in den Fußgängerzonen des Landes, auch bei Start-ups und sogar den großen Tech-Konzernen.

Stichwort: Sprachassistenten. Noch im Januar 2020 hieß es auf der Weiterbildungsplattform ManagementCircle: »Alexa und andere Sprach­assistenten werden bald ein völlig selbstverständlicher Teil im Leben der Konsumenten sein. Kein Unternehmen wird diese Entwicklung im Marketing ignorieren können.« Agenturen und Developer hatten bis dahin schon Tausende von Stunden in Kommunikationskonzepte investiert, bei denen es keinen Platz mehr für Bild, Text, Icons oder Schrift gab . . . nur das gesprochene Wort. Die ersten Designerinnen und Designer machten sich bereits Sorgen um ihre Zukunft.

Im September legte dann die Berliner Digitalagentur Beyto den Report »Alexa Skills 2020« vor. Um das Ergebnis gleich vorwegzunehmen: alles nur heiße Luft – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Während viele erwarteten, dass vereinsamte Menschen, denen im Lockdown die Decke auf den Kopf fällt, ihr Leben mit den Skills von Alexa neu und kontaktlos organisieren – es ist nicht passiert. Amazon tritt mit seinem Smart-Home-Flaggschiff auf der Stelle. Die Marktdaten zeigten, dass die darüber generierten Umsätze auch im Coronajahr 2020 gering blieben. Stattdessen rangiert in der Beliebtheitsskala der Pups-Generator mit 98 400 Bewertungen auf Platz 1, vor dem Fernsehprogramm (28 900 Bewertungen) und Hundegebell; es folgen der Pups-Generator-Konkurrent Megafurz und ein Skill, der Katzengeräusche imitiert. Mit diesem Alexa-Nutzungsprofil steht Deutschland nicht alleine da. Furzkissen-Skills nehmen auch in den USA, in Kanada und Großbritannien die Poleposition ein. Visionär ist das nicht.

Im September 2018 hatte ich an dieser Stelle erstmals Zweifel an der Business-Relevanz der Sprachassistenten geäußert. Meine Argumente:

  • Eine Textsuche liefert bereits nach der Eingabe von 3 bis 5 Wörtern Superergebnisse.
  • Suchmaschinen spielen Anbieter, Preise oder Versandkosten parallel aus . . . linear gesprochen wird das niemals schneller und übersichtlicher.
  • Der Dialog mit Maschinen hat schon am Telefon genervt, ­warum soll man sich das freiwillig antun?
  • Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Ja, es gibt Wünsche und Suchen, die mit einer gesprochenen Ansage schnell erledigt sind: Navigiere mich zum nächsten McDonald’s! Da ist die Kaufentscheidung aber bereits getroffen und der Raum für Werbebotschaften praktisch null. Fragen, die mit »Welches« oder »Wie viel« beginnen, werden weiterhin visuell beantwortet, weil die Verbraucher den Vergleich, das Nebeneinander brauchen. Daher wird die visuelle Kommunikation weiterhin das Geschäftsleben begleiten.

 

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