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Siebert-Kolumne: Erkenne deine Rolle

Unser Koluminist Jürgen Siebert spricht diesmal über Rollenbilder in der Arbeitswelt und welche Möglichkeiten wir haben, um eine ganz andere Seite von uns zu zeigen.

Illustration von Karin Kraemer zum Unterschied von Rolle und Position in Unternehmen
© Karin Kraemer, www.karin-kraemer.net | www.instagram.com/karin__kraemer

Unsere Arbeitswelt befindet sich im Umbruch. Nach der Etablierung von Homeoffice und Videoconferencing geht es nun an Grundfesten der Wirtschaft, zum Beispiel die geregelte Arbeitszeit und die Hierarchie im Unternehmen. Die Redaktion von »Neue Narrative. Das Magazin für neues Arbeiten« wähnt sich bereits in der Zukunft: »Wir haben keine*n CEO, unser Team keine*n Chefredakteur*in. Wir arbeiten selbstorganisiert, alle Macht liegt bei uns in Rollen und Prozessen.« Rollen statt Posi­tionen, Prozesse statt Schichten . . . das klingt nach einer besseren, freundlichen Arbeitswelt.

Werfen wir mal einen Blick auf das Zauberwort »Rolle«. Diese begleitet unsere Leben wie ein Schatten. Schon im Studium und in der Schule nahmen wir eine Rolle ein: Klassenclown, Stre­be­rin, Angeber, Lackaffe . . . sie ist unsere Bestimmung in der zwi­schen­menschlichen Interaktion. Sobald wir wissen, dass andere uns wahrnehmen, richten wir unser Verhalten entsprechend aus. Ob Bushaltestelle, Büro oder Strand – jeder dieser Orte ist eine Spielfläche, auf die wir uns einstellen, mit passender Kleidung und ei­nem Verhalten, das wir unserem Ausdrucksfundus entnehmen.

Es gibt Menschen, die das gesellschaftliche Rollenspiel für sich annehmen und perfekt beherrschen. Viele nehmen mehr oder weniger reflektiert teil, indem sie die Kontrolle über die eigene Erscheinung bewahren. Ein noch größerer Teil ist sich der Außenwahrnehmung, die uns taxiert, wahrscheinlich gar nicht bewusst. Dabei gilt auch hier das 1. Axiom von Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren. Die meisten glauben, dass ihre Kompetenz und ihre Persönlichkeit die Rolle im Privaten oder im Büro definieren. Dem ist aber nicht so. Würden Nachbarn, Bekannte oder Kolleg:innen uns den Spitznamen ver­ra­ten, den sie hinter unserem Rücken für uns verwenden, wir kä­men dem Kern unserer Rolle einen großen Schritt näher: »Wie können die mich nur deswegen in diese Schublade stecken?«

Die Gestaltung unserer Rolle spielt sich auf zwei Ebenen ab: Da ist der Stil, den wir uns selbst geben (Wissen, Sprache, Kleidung et cetera), und der, den wir ausstrahlen (zum Beispiel das Verhalten oder die Körpersprache). Letzteres ist deutlich schwie­riger zu kon­trol­lieren, was unseren Gegenübern die Chance gibt, Manipu­la­tions­versuche zu entlarven. Die Asymmetrie des Rollenbilds ist die Ursache dafür, dass wir manchmal in Meetings partout nicht verstanden werden oder die Bewerbung für eine Stelle überraschend scheitert.

Glücklicherweise sind wir der äußeren Wahrnehmung nicht hilflos ausgeliefert. Wie der Soziologe Erving Goffman 1959 in seinem Buch »Wir alle spielen Theater« beschreibt, ist der Verlauf von Interaktionen nicht planbar. Immer wieder kommt es zu Störungen, in denen auf beiden Seiten Schutz- und Verteidigungsmanöver eine überraschende Wendung einleiten können. Je mehr wir uns unserer Rolle bewusst sind, um so eher können wir sie ausspielen oder auch verlassen. Um die eigene Rolle besser zu verstehen, zu korrigieren oder zu stärken, solle man immer das Ensemble im Blick haben, so Goffman, also die Firma oder das Team. Arbeit ist eine Gruppeninszenierung von mehre­ren Darsteller:innen. Meist gibt es einen Regisseur, der den Mitwirkenden eine Rolle zuweist oder diese kritisiert, wenn eine Performance nicht dem Ensemble dient.

Der wichtigste Ort im beruflichen Rollenspiel ist ganz sicher nicht die Vorder-, sondern die Hinterbühne. Wer sich Kaffeepau­sen verschließt, gemeinsame Mittagessen meidet oder die Weih­nachtsfeier schwänzt, überlässt nicht nur die Definition seiner Rolle komplett den anderen: Er oder sie ist auch von Backstage-Informationen abgeschnitten, in denen wichtige Weichen für das Selbstverständnis eines Teams gestellt werden.

Wenn du dir also demnächst wieder mal die Frage stellst: »Was geht hier eigentlich vor?«, bist du schon auf dem richtigen Pfad: weg von der eigenen Rolle hin zur Deutung des gesamten Theaterstücks.

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