Normen und ihre Grenzen

Unser Kolumnist Jürgen Siebert hat wenig Hoffnung auf ein Ende des Kabelsalats.



Foto: Norman Posselt

Seit Jahren versucht die Europäische Union, die Ladekabel für Mobilgeräte zu vereinheitlichen. 2014 wurde eine Richtlinie verabschiedet, nach der bis Ende 2017 all unsere Tablets und Smartphones mit den gleichen Steckern aufladbar sein sollen: Das spare 51 000 Tonnen Müll, viele Geräte könn­ten ohne Netzteil ausgeliefert werden.

Heute steht fest, dass dieses Re­form­vorhaben gescheitert ist. Stattdes­sen kämpfen wir mit mehr Kabelty­pen als je zuvor, denn inzwischen begleiten uns Smartwatches, Wearables und Bluetooth-Geräte, deren Akkus meist über individuelle Verbindungen geladen werden. Selbst wenn es der EU gelänge, die Kabelvielfalt einzudämmen . . . wir müssten uns mit einer Palette von Adaptern herumschlagen.

Warum funktioniert nicht, was die Politik mit guten Absichten für uns Ver­braucher richten wollte? Es funk­tioniert aus technischen und aus wirtschaftlichen Gründen nicht. Die Lade­buchse ist häufig zugleich die Daten­schnitt­stelle und damit die Pforte ins Hoheitsgebiet eines jeden Geräteentwicklers. Apple wird nie auf Lightning-Buchse und -Kabel verzichten, weil da­rauf die gesamte Mobilwelt des Her­stellers und seiner Zulieferer fußt.

Inkompatibilitäten sind kein Versehen, sondern Programm.

Solche Inkompatibilitäten sind kein Versehen, sondern Programm. Aus der Staubsaugerwelt kennen wir das. Wer Beutel nachkaufen möchte, hat ein Pro­blem. Laut staubbeutel.de gibt es rund 1600 unterschiedliche Tüten für 50 000 Modelle. Die Wahrscheinlichkeit, im Laden zufällig zum richtigen Beutel zu greifen, ist nahe null. Ende der 1990er bemühte sich das Deutsche Institut für Normung (DIN) um eine Standardisierung, die aber rasch schei­terte. Die Sauger- und Beutelbauer hat­ten keinerlei Interesse an einer Norm, weil ihr Geschäftsmodell darauf baut, dass der Gewinn aus den Beuteln den durch das Gerät nach drei Jahren über­trifft. Einheitliche Beutel würden diese Ertragsschiene unterlaufen.

Andere Industriezweige setzen unverhohlen auf wiederkehrende Umsät­ze durch Verbrauchsmaterial, wobei das Trägergerät fast verschenkt wird: Nassrasierer, Drucker, Sprudelwasser­maschinen oder elektrische Zahn­bürs­ten. Automatische Folgeumsätze sind ei­ne der erfolgreichsten Produktstrategien der kapitalistischen Wirtschaft, dicht gefolgt von Abonnements und Nutzungslizenzen.

Jüngstes Beispiel: die Kaffeekapseln. Nestlé hat sie zwar schon 1970 erfunden – doch erst zwanzig Jahre spä­ter hatte das Schweizer Unternehmen die zündende Geschäftsidee: den Nespresso-Club. Wettbe­wer­ber schauen sich solche Erfolgsgeschichten ein paar Jahre an, bevor sie eine von zwei möglichen Strategien fah­ren: Entweder Nachfüllprodukte für den Marktführer in Umlauf bringen oder ein eigenes System etablieren. Ersteres frisst eine Menge Anwaltskos­ten, der zweite Weg schluckt Entwick­lungs- und Marketinggelder. Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend Kapsel- und Pad-Systeme, seit Ende 2011 auch zahlrei­che Alternativen zum Original . . . der Patentschutz lief ab.

Es geht noch verrückter, und damit sind wir wieder bei den Kabeln. Seit zwei Jahren bauen viele Hersteller die vielversprechende USB-C-Buchse in ihre Geräte ein, auch Apple. Die neue, schlanke Steckverbindung ist punkt­symmetrisch, kann also in beiden Ori­entierungen eingesteckt werden und unterstützt die bisherigen Spezifikationen, darunter DisplayPort, Thunderbolt 3, USB 3.1 sowie die Stromversorgung. Klingt nach rosiger Zukunft.

Doch USB-C entwickelt sich gerade zur größten Kabelkatastrophe der Industriegeschichte, weil die Spezifikationen manchmal unterstützt werden, manchmal nicht. Der junge Stan­dard bricht mit einem Grundgesetz des Industriedesigns, dass Dinge, die gleich aussehen, auch gleich funktionieren. Apple stiftet dabei die weitaus größte Verwirrung. Das 12-Zoll-MacBook hat einen USB-C-Anschluss, der Thunder­bolt nicht unterstützt. Die MacBook-Pro-Modelle wiederum unterstützen Thunderbolt, der 13-Zöller mit Touch Bar allerdings nicht an der linken Buchse.

Greift man zu einem USB-C-Kabel, ist völlig offen, welche Schnittstellen es bedient und ob es nun den Akku im Schneckentempo oder via Fast Charging lädt. USB-C-Hubs und -Adapter, mit unzuverlässigen Chips bestückt, multiplizieren das Chaos zwischen Buchsen und Kabeln.

Wer glaubt, dass wir nur ein paar Monate warten müssen, bis sich die ba­bylonische Sprachverwirrung »einspielt«, irrt. Das nächste, schnellere Übertragungsprotokoll kommt ganz be­stimmt, etwa USB 4.0, und es wird sich in den flatterhaften USB-C-Misch­masch einreihen, der uns noch ein paar Jährchen begleiten wird.


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