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Neid unter Kreativen

Statt einander kritisch zu beäugen, sollten Designer mehr Sportsgeist zeigen, meint unser Kolumnist Jürgen Siebert

Kleiner Test: Du hast dich auf eine Stelle beworben und wurdest mit drei weiteren Kandidaten angenommen . . . gleicher Job, gleiche Qualifikation. Nun legt man dir zwei Gehaltsmodelle vor: Entweder du bekommst 100 000 Euro und die drei anderen je 150 000 Euro . . . oder du bekommst 70 000 Euro, die anderen je 50 000 Euro. Wie entscheidest du dich? Ich hoffe, du nimmst das höhere Gehalt. Ein Großteil von Studierenden an der Harvard-Universität entschied sich vor zwanzig Jahren in diesem Test dafür, mehr als die anderen zu verdienen. Beide Optionen klingen weder logisch noch gerecht. Darum ging es aber auch nicht. Es ging um Neid im Job, um Fremd- und um Selbstsabotage. Vertraute Mechanismen, gerade auch in den Kreativberufen.

Wer kennt nicht die Reflexe auf ein neu vorgestelltes Rebranding oder Marketingkonzept für eine Region, wenn die Medien titeln: »250 000 Euro für neues Logo«. Ohne Hintergrundwissen über das Briefing und die geleistete Arbeit greifen Berufskollegen die Vorlage gerne auf und knöpfen sich das i-Tüpfelchen des Pro­jekts vor, das Logo. Eine Handvoll ästhetischer Argumente sind schnell an den Haaren herbeigezogen. Der unausgesprochene Subtext und Auslöser der Kritik geht aber eher in Richtung: »Schei. . ., warum kriegen wir nicht so einen Auftrag?!«

Soziologen unterscheiden zwei Ausprägungen von Neid: zum einen das Bestreben, die gleichen Güter oder den gleichen Status zu erlangen wie die beneidete Person (konstruktiver Neid = Sportsgeist), zum anderen den Wunsch, dass die beneidete Person die Güter, um die sie beneidet wird, verliert; alternativ gibt sich der/die Neidende auch mit irgendeinem Schaden zufrieden, der den anderen ereilt (destruktiver Neid = Missgunst).

Weil missgünstige Gefühle gesellschaftlich verpönt sind, wer­den sie gerne in rationale Argumente verpackt – wie bei obi­gem Logo-Beispiel. Tatsächlich sollten sich Designer aus an­de­ren Büros freuen, wenn die Arbeit von Gestaltern in der Öffentlichkeit verfolgt wird. Ein Kommentar der Art »Am Logo ließe sich vielleicht noch etwas verbessern, aber wir freuen uns über dies . . . und unterstützen das . . .« würde der gesamten Branche dienen. Stammtischargumente lesen sich gut, schaden aber den kreativen Berufen, die es sowieso schon schwer haben, den Wert ihrer Arbeit zu vermitteln.

»Neidisch werden wir, wenn wir uns mit einer anderen Person vergleichen und dabei ahnen: Sie ist uns überlegen«, erklärt der Sozialpsychologe Jan Crusius von der Uni Köln jüngst gegenüber dem Magazin »Spektrum«. Besonders schmerzhaft werde es, wenn die betreffende Person uns irgendwie ähnlich ist und deren Ziele auch für uns relevant sind. Dies erklärt, warum wir in der eigenen Berufswelt immer wieder Missgunst wahrnehmen. Die sozialen Netze sind ein Verstärker für solche Emotionen. Aus eigener Erfahrung – Blogger seit 2004, auf Twitter seit 2007 – rate ich dazu, den eigenen Neid in Schach zu halten und seine Emotionen gelegentlich zu hinterfragen. Wer selbst draufzahlt, damit andere Geld einbüßen, wie beim eingangs erwähnten Test, marschiert in die falsche Richtung.

Was mich besonders irritiert: Wenn die rational vorgetrage­nen (Design-)Argumente, mit denen Missgunst getarnt wird, sich irgendwann aus dem eigenen Bewertungskoordinatensys­tem lösen. Spätestens dann unterwandern Designer ihre Fachkompetenz. Wer nur noch die Hackordnung im Kopf hat, verschwendet seine kreative Kraft in einer Metadebatte, statt sie im Job einzusetzen und sich weiterzuentwickeln. Negative Emotionen schaden der Kreativität.

Beginnen wir noch heute damit, nicht auf andere zu schielen, sondern uns selbst anzuspornen, unsere fachlichen Wertmaßstäbe ins Zentrum zu rücken und über uns hinauszuwachsen.

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