Was es mit der ästhetischen Verschiebung durch KI auf sich hat: Eine Annäherung an dieses komplexe Thema zeigt, dass man schneller unbewusst beeinflusst wird, als man denkt. Aber wer widerständig bleibt, kann der KI-Kriecherei entgehen – und einer sich angleichenden KI-Ästhetik.

Im April hat die TU Berlin vor Meinungsbeeinflussung durch KI-Nutzung gewarnt. Das nennt man auch Kommunikationsbias. Der Effekt hat strukturelle Wurzeln, denn generative KI ordnet die Inhalte, bevor sie Antworten herausgibt. Forscher:innen meinen, dass diese Art von Vorsortierung dazu führen kann, dass User in ihrer Meinung unbewusst beeinflusst werden.
Zum einen sind es die Trainingsdaten von KI, zum anderen gibt die KI je nach Kontext abhängige Antworten heraus. Das kann dazu führen, dass ein Interpretationsraum entsteht, den wir gar nicht wirklich sehen. Fundiert nachweisen (technisch, wissenschaftlich) lässt sich das Ganze jedoch aktuell nicht, was es zu einer sehr komplexen Thematik macht. (Die Studie der Technischen Universität Berlin)
Und das betrifft Gestaltungsaspekte sowie ästhetische Wahrnehmung genauso stark, was verschiedene Studien bereits gezeigt haben. Denn auch bei der Gestaltung mithilfe von Künstlicher Intelligenz kann es zu ästhetischen, unbewussten Verschiebungen kommen. Jana Reske nennt es eine Verschiebung dessen, was wir unter »Creative Agency« verstehen.
Der »Midjourney«-Stil
Beispielsweise hat die Studie »The impact of Midjourney on students’ design and design process: an exploratory study« der DRS Digital Library (2024), Teil der DRS2024 Konferenz (Design Research Society) in Boston, untersucht, wie Designer:innen generative Tools für ihren Ideenprozess nutzen. Es kam dabei heraus, dass die Gefahr besteht, dass alles irgendwann ähnlich – wie ein »Midjourney-Stil« aussehen könnte, weil die KI-Modelle nach dem Durchschnitt des Internets trainiert werden. Und User sind dazu geneigt, unbewusst ihre Ideen an die KI-generierten Bilder anzupassen, also den geringsten Weg des Widerstands zu wählen, anstatt sich etwas komplett Neues auszudenken. Das führe, so die Studie, zu sogenannten Prompt Bias.
Künstliche Intelligenz und die Kriecherei
Eine andere Problematik ist der Sycophancy-Effekt, auch im Design. Das bedeutet: Wenn Designer:innen Tools wie DALL-E oder Adobe Firefly oder andere KI-gestützte Tools nutzen, kommt es schnell zur sogenannten Kriecherei. Also die KI liefert Ergebnisse, die einem selber potenziell gefallen. Das gilt übrigens auch für Text, die KI spricht einem gerne mal nach dem Mund und lobt so ziemlich alles, was man fragt, produziert, infrage stellt. Manchmal kommt auch eine Entschuldigung, wenn man die KI kritisiert.
Wenn aber generative KI nur noch Bilder ausspuckt, die sich nach gängigen Ästhetik-Klischees richten, dann fehlt am Ende doch der innovative Ansatz. Und kann man sich als User eigentlich während der Nutzung davon gänzlich freimachen? Kann man den Widerstand, den es für Innovation braucht, beibehalten oder trotzdem ausleben?
Alle User sollten immer im Kopf behalten, dass »KI-Systeme keine eigene Intention, keine ästhetische Subjektivität haben«, meint Jana Reske.
Klischees & Vorurteile vs. individuelle Kreativität
Es gibt auch Studien zu Bildgeneratoren, die herausgearbeitet haben, dass KI kulturelle Klischees und Vorurteile verstärkt. Hier gibt es wieder das Problem mit den Trainingsdaten. Was ist, wenn wir uns, teils ohne uns dessen bewusst zu sein, an eine Art KI-Ästhetik gewöhnen? Und das, weil die Algorithmen diese oder jene Bilder gehäuft produzieren?
Am Ende würden sich dann ja Ideen, Prozesse und Gestaltung angleichen, an eine Ästhetik, die weniger individuelle Nuancen hervorbringt. Was ist dann mit individueller Kreativität?
Man kann dem zumindest so entgegenwirken, indem man Ergebnisse stets kritisch beäugt. Oder indem man sich auch mal ohne KI auf die Suche nach Ideen macht. Jede kreative Person weiß nur zu gut, dass die widerständigsten, innovativsten Ideen häufig unbewusst bei einem Spaziergang, einer Unterhaltung oder einfach beim in die Luft starren entstehen, nicht bei der Arbeit am Computer.
Übrigens wird auch das eigene kognitive Potenzial bei der Nutzung von KI-Assistenten im Allgemeinen abgeschwächt, was eine Studie (»AI Assistance Reduces Persistence and Hurts Independent Performance«) aus GB und den USA erarbeitet hat.
Bleibt widerständig!
Aus der Studienlage kann man zumindest schon mal eines mitnehmen. Die Nutzung von KI-Tools kann bei vielen Aufgaben unterstützend helfen, aber ersetzt nicht das kreative menschliche Denken. Und sie ersetzt auch nicht die verschiedenen menschlichen Perspektiven sowie die Reibungen im Miteinander, ebenso wenig das Fühlen und den Austausch in realen Gesprächen.
All diese Dinge sind so wichtig, weil sonst der eigene kreative Widerstand irgendwann gewissermaßen verkümmern wird.