Simon Graff übernimmt als Director Creative Technologies bei SHAPE eine neu geschaffene Rolle. Im Interview spricht er über KI jenseits des Hypes, warum Unternehmen vor allem Orientierung brauchen und weshalb menschliche Kreativität der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt.
Wenn Simon Graff über Technologie spricht, geht es selten um den Hype allein, sondern darum, was am Ende trägt. Seit über zehn Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle von Kreativität, Strategie und neuen Technologien – als Gründer der Beratung FOR REAL?!, als Vorsitzender von nextReality.Hamburg e.V. und als gefragter Speaker zu generativer KI und Spatial Computing. Jetzt übernimmt er als Director Creative Technologies bei SHAPE eine neu geschaffene Rolle, in der er Unternehmen dabei helfen soll, KI, Spatial Computing und Emerging Technologies nicht nur zu verstehen, sondern konkret umzusetzen. Wir haben mit ihm über seine neue Position gesprochen, die größten Missverständnisse rund um KI und darüber, warum Technologie für ihn nie Selbstzweck sein darf.
Simon, du warst in den letzten Jahren in ganz unterschiedlichen Rollen unterwegs – als Gründer der Beratung FOR REAL?!, danach als selbstständiger Berater, Speaker und Educator. Jetzt übernimmst du eine neu geschaffene Rolle bei SHAPE. Was hat dich an dieser Position gereizt?
Was mich antreibt, ist Begeisterung für den Fortschritt. Neues verstehen, damit rumspielen und es dann für andere greifbar machen. Das zog sich durch alle meine Stationen, egal in welcher Rolle. Mit SHAPE arbeite ich seit Jahren immer wieder zusammen, und dass daraus jetzt nach zwei Jahren Selbstständigkeit wieder etwas Festes wird, fühlt sich einfach richtig an. Dazu kommt: Die Rolle ist neu geschaffen, ich darf sie von Anfang an prägen.
Deine neue Rolle heißt Director Creative Technologies. Was bedeutet das konkret – wo hört Beratung auf, wo beginnt bei dir Umsetzung?
Diese Grenze löst sich gerade auf, und genau deshalb gibt es die Rolle. Ich bin sehr hands-on unterwegs: Ich spiele selbst mit den Technologien, berate auf Basis dieser Erfahrung und übersetze dann in das Format, das gerade hilft, mal im Gespräch mal auf der Bühne, mal mit Prototypen. Idealerweise im Zusammenspiel mit anderen, denn multiple Perspektiven machen Ergebnisse besser. Das ist für mich die eigentliche Power von KI in der Umsetzung: Ideen lassen sich so schnell anfassbar machen wie nie.
»Alles ist im konstanten Wandel, bei unfassbarer Geschwindigkeit.«
Du beobachtest den Markt seit Jahren aus der Rolle des unabhängigen Beraters. Was hat sich in den letzten zwölf Monaten am stärksten verändert – bei den Technologien selbst oder eher bei der Art, wie Unternehmen damit umgehen?
Aktuell ist es weniger die Technologie selbst als vielmehr der Umgang damit. Ja, der Fortschritt ist beeindruckend, ja, die absurde Dynamik ist einer neuen Normalität gewichen: Alles ist im konstanten Wandel, bei unfassbarer Geschwindigkeit. Verändert hat sich aber vor allem der Umgang von Unternehmen damit, viele sind raus aus der reinen Experimentierphase, und die Superlative der Tech-Welt werden kritischer hinterfragt. AGI steht kurz bevor, alles ändere sich über Nacht und ähnliches Bla-Bla – da schauen viele inzwischen genauer hin, wo tatsächlich Mehrwert entsteht. Der initiale Zauber ist real, aber die One-Click-Lösung existiert nunmal nicht, und sinnvolle KI-Integration ist dann doch echte Arbeit.
Viele Unternehmen tun sich schwer, KI-Initiativen zu priorisieren. Woran scheitert es aus deiner Erfahrung am häufigsten – an der Technologie, an der Strategie oder an der Organisation?
Selten an der Technologie. Meistens fehlen Ressourcen, Ownership und Priorisierung: Wer ist eigentlich verantwortlich? KI-Transformation geht man nicht mal eben in der Mittagspause an. Es braucht klares Commitment von oben und Strukturen, die dieses tragen. Dazu gehört Zugang zu Tools, nicht sofort für die große Integration, sondern erst mal für Experimente, die das Mindset schärfen. Ein Business Reality Check auf Basis eigener, menschlicher Expertise: Was geht überhaupt, was davon ist für uns relevant?
Mit dem AI Supercharger Programm bringt SHAPE Unternehmen von der Standortbestimmung bis zur Umsetzungsroadmap. Wie sieht so ein Prozess in der Praxis aus – und wo hakt es meistens?
Drei Schritte: ein AI Quick Check als Standortbestimmung, ein AI Deep Dive Workshop und daraus eine priorisierte Roadmap. Klingt simpel, ist aber genau der Punkt: Die meisten Unternehmen brauchen keine weitere Tool-Demo, sondern Orientierung und Struktur – Klarheit, wo sie stehen und was als Nächstes dran ist. Wo es hakt? Oft bei der ehrlichen Bestandsaufnahme. »Wir brauchen KI« ist schnell gesagt, »wofür eigentlich?« ist die eigentliche Arbeit.
Du bist seit Jahren tief im Thema Spatial Computing unterwegs. Wo siehst du das größte ungenutzte Potenzial für die Kreativbranche – jenseits von Metaverse-Hype und Filtern?
Im Raum als Gestaltungsfläche, die endlich alltagstauglich wird. Die spannende Bewegung geht weg vom Headset-Nischenprodukt hin zu Smart Glasses und kontextueller Assistenz. Technologie, die in den Alltag passt, statt Menschen zu isolieren. Für Kreative entsteht ein neues Medium mit eigenen Regeln, und die können wir gemeinsam schreiben. Meine Messlatte bleibt trotz aller Leidenschaft pragmatisch: Neue Technologien müssen den aktuellen Gold-Standard, z. B. Smartphones, schlagen, sonst bleiben sie Spielerei.
Generative KI und Spatial Computing werden oft getrennt diskutiert, du sprichst gern von ihrer Verzahnung. Wo verschmelzen beide Bereiche schon heute konkret?
Am sichtbarsten bei KI-gestützten Smart Glasses: Kamera, Assistent und Kontext wachsen zu einer neuen Form der Interaktion zusammen. Der VR-Plastikklumpen im Gesicht weicht in nicht allzu ferner Zukunft einer stylischen Brille. Erste Modelle mit Display sind am Markt und werden schnell schlanker, schöner, besser. Dahinter liegt die eigentliche Verzahnung: KI-Modelle lernen, die physische Welt zu verstehen, und werden damit zum Zugang für räumliche Anwendungen. Auch in der Produktion verschmilzt beides: 3D-Content, der früher in der Erstellung Wochen gedauert hat, entsteht KI-gestützt in Tagen. Diese Konvergenz ist keine Zukunftsthese, sie passiert genau jetzt.
»Trotz aller Technologie geht es am Ende um Menschen, darum, Bühnen und Lösungen für Menschen zu bauen.«
Als Vorsitzender von nextReality.Hamburg bringst du auch eine Community- und Netzwerkperspektive mit. Wie fließt das in deine Arbeit bei SHAPE ein?
Erst mal wichtig: nextReality.Hamburg ist mein Ehrenamt und hat mit meinem Daily-Biz erst mal nichts zu tun, auch wenn es thematische Überschneidungen gibt. Was neben Leidenschaft einfließt, sind Perspektiven: In der Community erlebe ich seit Jahren, wie Menschen mit ganz realen Herausforderungen aufeinandertreffen und sich gegenseitig helfen, Dinge zu lösen. Das hat meinen Blick geprägt: Trotz aller Technologie geht es am Ende um Menschen, darum, Bühnen und Lösungen für Menschen zu bauen. Diese Haltung nehme ich natürlich mit zu SHAPE.
Wenn du mit Kreativ- und Designteams sprichst, die von KI eher verunsichert als begeistert sind – was sagst du ihnen?
Probiert es aus, hands-On, denn Ausprobieren ist der beste Weg, die Grenzen von Technologie selbst zu finden: sich von KI verzaubern zu lassen, aber gleichzeitig auch zu entzaubern. Ich nehme mich selbst als Beispiel: Als Kreativer und Wissensarbeiter bin ich genau die berufliche Spezies, die KI angeblich überflüssig macht. Ich fühle mich aber nicht bedroht, sondern befähigt. Ich strukturiere Thesen schneller, gleiche sie mit eigener Recherche ab, fordere meine Ideen heraus und bringe sie auf ein anderes Level. Der Weg dahin war anstrengend, weil ich diese Arbeitsweise erst für mich lernen musste. Meine Erkenntnis: KI kommt nicht von allein auf spektakuläre Ideen, vielleicht auf Fragmente spektakulärer Ideen, aber da ist kein intrinsischer Spark. Im Zusammenspiel entstehen dagegen Ideen, die es so vielleicht nicht gegeben hätte. Und darin steckt enorm viel Potenzial.
PAGE feiert dieses Jahr 40. Geburtstag – seit vier Jahrzehnten also die Frage, wie sich Gestaltung und Kreativbranche mit neuen Technologien weiterentwickeln. Wie ordnest du diesen Moment ein: Ist die aktuelle KI-Welle eine Zäsur wie frühere technologische Umbrüche, oder etwas grundsätzlich anderes?
Beides. Das Muster haben wir immer wieder gesehen: Die Fotografie »tötet« die Malerei, schuf aber eine neue Kunstform und Berufswelt; der Tonfilm vertrieb Live-Orchester aus den Kinos, dafür entstanden Filmmusik und Sounddesign. CGI drängte den Modellbau an den Rand und die Handwerker von damals wurden zu den Effekt-Künstlern von heute. Jedes Mal hieß es, das Handwerk stirbt. Und jedes Mal ist es woanders hingewandert: neue Werkzeuge, verschobene Rollen, neu definierte Arbeitsweisen. Insofern: klassische Zäsur. Zwei Dinge sind diesmal anders. Die Geschwindigkeit, zwischen KI-Forschungspaper und -Produkt liegen Monate, manchmal Wochen, nicht Jahre. Und die Bündelung von Infrastruktur und damit Macht: Die Wertschöpfung zentralisiert sich bei wenigen großen Tech-Konzernen. Aber genau hier können wir als Branche mitgestalten, statt nur zuzuschauen. Bewusst entscheiden, welche Werkzeuge und Anbieter wir stark machen. Alternativen wie Open-Source-Modelle ernsthaft prüfen. Und die eigene Wertschöpfung so aufbauen, dass sie uns gehört – nicht nur einigen wenigen Plattformen. Die Abhängigkeit ist real, aber sie ist kein Naturgesetz.
Speziell für Gestalter:innen und Kreative: Wie müssen die sich in den nächsten Jahren aufstellen, um mit dieser Entwicklung nicht nur mitzuhalten, sondern sie aktiv mitzugestalten?
Neugierig und vor allem dynamisch im Kopf bleiben: Die Entwicklung steht nicht still, also sollte es der eigene Kopf auch nicht. Nicht jede:r muss Technolog:in werden, aber ein Grundverständnis dafür, was geht und was nicht, ist eine neue Basiskompetenz. Darauf aufbauend braucht es eigene Routinen, um mit dieser Dynamik bewusst umzugehen, ohne jedem Release hinterherzurennen. Am Ende bleiben unsere Ideen und unsere Kreativität das, was den Unterschied macht.
Über Simon Graff
Simon Graff ist Director Creative Technologies bei SHAPE, der hybriden Digitalagentur für strategische Beratung und KI-gestützte Lösungen mit über 140 Spezialist:innen an sechs Standorten in Deutschland, der Schweiz und Kroatien. Zuvor gründete er die Beratung FOR REAL?! und begleitete als Präsident von nextReality.Hamburg e.V. seit vielen Jahren die deutsche Spatial-Computing- und Innovationsszene. Bei uns ist Simon als KI-Experte fester Bestandteil der Community: Er gibt Masterclasses und nimmt unsere Leser:innen und Mitglieder mit auf dem Weg durch generative KI, Spatial Computing und digitale Transformation – praxisnah, pragmatisch und immer mit dem Blick auf das, was wirklich trägt.
