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Blick ins Studium: Design & Leadership

»Das Studium hat mir geholfen, Gestaltung nicht nur als formale Disziplin zu begreifen, sondern als reflektierte Praxis zwischen Konzept, Technologie und gesellschaftlicher Verantwortung«, sagt Marcel Bouillon, Senior Art Director. Wir geben Infos zum einzigartigen Masterstudiengang Design & Leadership.

Marcel Bouillon, Senior Art Director. Zuvor hatte er einen Bachelor in Visueller Kommunikation an der FH Nordwestschweiz gemacht und sowohl Freelance als auch in Agenturen als Grafikdesigner geareitet

Marcel Bouillon ist Senior Art Director bei der Agentur La Mina in Darmstadt – und eigentlich längst auf dem Weg zum Creative Director, samt eigenem Kreations-Team und all den Fragen, die mit dem Wechsel in eine Führungsrolle entstehen. Um diese zu beantworten und parallel seine eigene Designpraxis weiterzuentwickeln entschied er sich für ein berufsbegleitendes Fernstudium an der Diploma Hochschule.

»Zu Beginn des Studiums lagen meine Aufgaben noch ganz klassisch in der Gestaltung. Mit wachsender Verantwortung verschob sich aber der Fokus hin zur Entwicklung von Ideen, zur Analyse komplexer Problemstellungen und zur Koordination kreativer Prozesse im Team«, erklärt Marcel. »Der Wechsel in die Führungsrolle lief aber nicht immer reibungslos und hat für mich auch viel Reflexion bedeutet.« Das Masterstudium »Design & Leadership« der Diploma (Interview weiter unten) sollte ihn dabei unterstützen, aus dem klassischen Design-Denken mehr in die strategischen und strukturellen Themen zu wachsen.

Besonders geprägt haben Marcel dabei die Futures Studies im Semester vor dem Abschluss. Darin vermitteln drei Dozenten eng verzahnt Methodik, Theorie und Gestaltungspraxis rund um Spekulatives Design und liefern Impulse, Denkanstöße und Fallbeispiele. Ziel ist es, dass die Studierenden das Erlernte in einer praktischen Arbeit erproben, die oft auch schon die Recherche für ihre Masterarbeiten vorbereiten kann. Sechs kleine Teams widmeten sich im Wintersemester verschiedenen Zukunfts-Themen – etwa »Wohnen«, »Technologie und Arbeit« oder »Mobilität«. »Im Zentrum stand dabei aber nicht die Entwicklung einer einzigen, vermeintlich richtigen Zukunftsvision, sondern die Auseinandersetzung mit der Pluralität von Zukünften.« erklärt Marcel.

Seine Gruppe näherte sich dem Thema Landleben im Jahr 2055 aus verschiedenen Perspektiven um zu zeigen, wie soziale Hintergründe die Wahrnehmung einer Zukunft verschieben können. »Was für eine Gruppe als Utopie und Fortschritt scheint, kann für eine andere die Dystopie bedeuten. Diese Ambiguität wollten wir nicht auflösen, sondern sichtbar machen«, so Marcel. »So entstand dann unser Konzept für den Futures Feed.«

Projekt Futures Feed, technische Struktur
Die Struktur hinter Futures Feed

 

Projekt Futures Feed, zwei iPhone Mochups
Social Feed: Eingebunden in ein klassisches Social-Interface mit Scroll-Funktion entsteht eine Storyline rund um die sechs Charaktere

 

Im Zentrum des Projekts stehen sechs verschiedene Charaktere, die alle parallel die Zukunft erleben und darüber berichten sollen. Die Visualisierung dieser pluralen Welten betteten die Studierenden in eine bekannte Umgebung ein: einen Videofeed mit kurzen Clips, wie wir ihn von Instagram oder TikTok kennen. Die Stärke, so Marcel, liegt dabei in der Kuratierung und Gesamtheit der Inhalte, die durch verschiedene kleine Impulse ein glaubhaftes Bild der Zukunft schaffen.

Für die Umsetzung der dystopischen und utopischen Kurzclips nutzte das Team verschiedene KI-Tools, die es ihnen ermöglichten, ihre Ideen schnell zu visualisieren. Das Interface für ihren Futures Feed entwickelten sie anschließend in Figma. Ein Prototyp mit über 40 verschiedenen, verknüpften Screens lässt sich jetzt über den QR-Code auf jedem Smartphone einsehen und durchscrollen. Der Effekt ist gleichzeitig emotionalisierend und etwas uncanny: Die Kurz-Videos sind zwar sofort als KI-generiert erkennbar, aber dennoch wirkt die Zukunft, wie sie die verschiedenen Charaktere zeigen, deswegen nicht weniger real. Das bekannte Social-Interface verleitet dazu, den abgebildeten Szenen schnell Glauben zu schenken und sich im Scrollen zu verlieren. So entsteht der Gesamteindruck einer Welt, die genauso komplex ist wie unsere eigene und – ganz ohne sie auszusprechen – stellt das Projekt den Betrachter:innen die Frage, welche Zukunft sie sich selbst vorstellen können.

Blick ins Studium: Design & Leadership

Prof. Dr. Bärbel Kühne hat schon viele Studierende in verschiedensten Stadien ihres Berufslebens begleitet. Sie ist an der privaten, staatlich anerkannten Diploma-Hochschule Studiendekanin für den Bereich Design & Medien und leitet den einzigartigen Masterstudiengang Design & Leadership, den sie 2016 mitbegründete. Wir sprachen mit der Designwissenschaftlerin über den Aufbau des Studiengangs, die Entwicklung von authentischen Führungspersönlichkeiten im Design und die Bedeutung von Design und Leadership in Zeiten von KI.

PAGE: Die Diploma bietet einen der wenigen staatlich anerkannten Master für Design und Leadership. Was lernen die Studierenden bei euch?

Dr. Bärbel Kühne: Der Studiengang bereitet seit der Erstakkreditierung 2016 Studierende auf Führungspositionen in der Kreativwirtschaft vor. Wir bauen dabei auf zwei Säulen auf: Zum einen konzentrieren wir uns auf die Gestaltung – also alles, was mit Designkompetenz im weitesten Sinne zu tun hat – zum anderen geht es um den Schwerpunkt Management und Leadership. Wir vermitteln ein umfassendes Gestaltungsverständnis, dazu gehören immer auch Theorie und Methodik, also ein Fächerspektrum, das der Gestaltung ein gutes Fundament bietet. Wichtig ist uns dabei, dass Theorie und Praxis im Design nicht getrennt laufen, sondern Hand in Hand gehen. All unsere Designprojekte sind gleichzeitig methodisch und praktisch angelegt und werden meist von zwei Dozierenden begleitet. Wir wollen den Studierenden damit ermöglichen, die Methodenkompetenz in ihr berufliches Handeln zu übertragen.

»Wichtig ist uns, dass Theorie und Praxis im Design nicht getrennt laufen, sondern Hand in Hand gehen.« (Dr. Bärbel Kühne, Dekanin Bereich Design & Medien)

Was genau bedeutet für euch Design Leadership?

Dr. Bärbel Kühne: Das ist die elementare Frage, nicht wahr? Darüber diskutieren wir auch häufig mit den Studierenden. Vielleicht lässt es sich gut durch Abgrenzung erklären – zum Beispiel zum Management oder zu spezifischen Fachkulturen. Unter Leadership verstehen wir ein Führungskonzept, das sich aus Theorie, Vorwissen und eigener Erfahrung speist, jedoch für alle unterschiedlich funktioniert. Denn in erster Linie geht es dabei um Authentizität, Souveränität und Glaubwürdigkeit. Wir stellen natürlich verschiedene Leadershipmodelle vor, diskutieren Fallbeispiele und Vorbilder, aber am Ende ist unser Ziel, dass unsere Studierenden ihr eigenes Verständnis von Führung und ihren eigenen Stil entwickeln. Wir bieten dafür vor allem den Raum und liefern Impulse sowie einen Leitgedanken: dass man als Designer:in immer Verantwortung trägt – besonders in einer Führungsposition. Leadership im Design bedeutet nicht, Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft zu sein, oder etwas hübsch zu machen, sondern im besten Sinne die Welt zu verändern, Design über die Grenzen der Branche hinaus zu denken und dazu zu nutzen, Strukturen zu hinterfragen und durch Gestaltung neue Lösungen zu entwickeln.

»Leadership im Design bedeutet nicht, Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft zu sein, oder etwas hübsch zu machen, sondern im besten Sinne die Welt zu verändern.« (Dr. Bärbel Kühne, Dekanin Bereich Design & Medien)

Wer studiert bei euch?

Dr. Bärbel Kühne: Zulassungsvoraussetzung ist ein Bachelorabschluss in einem gestaltungsrelevanten Studiengang. Das sind in erster Linie Gestalter:innen aus dem Kommunikationsdesign, aber auch Absolvent:innen aus den Kommunikationswissenschaften, der Architektur oder der Kunst. Einige der Studierenden haben ihren Bachelor bereits bei uns gemacht, da reicht die fachliche Herkunft von Craft Design über UX bis zum Produktdesign. Die meisten unserer Absolvent:innen sind in leitenden Positionen tätig oder auf dem Weg dorthin und wollen sich mit dem Masterstudium berufsbegleitend weiterqualifizieren. Andere streben eine Promotion oder Stelle in der Designlehre an. Und manche erfüllen sich auch den Traum, ihre eigenen gestalterischen Projekte zu verwirklichen oder den Weg in die Existenzgründung zu wagen.

Wie sehen die Designprojekte im Studium aus?

Dr. Bärbel Kühne: Wir starten im ersten Semester sehr explorativ, experimentell und frei. Im zweiten Semester geht es dann um Markenführung und Projektmanagement. Methodisch weiterführend sind die Projekte im dritten und vierten Semester. Da gibt es neben den Futures Studies, in denen die Studierenden Entwürfe für die Zukunft entwickeln und visualisieren, auch Teilhabe-Projekte, wo partizipative Prozesse eine große Rolle spielen. Wir haben im Sinne eines Social Design aber auch schon Kampagnen für Brot für die Welt entwickelt und mit der deutschen Umwelthilfe zusammengearbeitet. Dabei arbeiten wir semester- oder auch studiengangsübergreifend und bringen unterschiedliche Studierende mit ihren verschiedenen Perspektiven zusammen. Unsere Bachelorstudierenden, die oft noch am Anfang stehen und sehr idealistisch motiviert sind, treffen auf fachlich und geschäftlich erfahrene Masterstudierende, die die Realität der Branche bereits kennen. Dabei zeigt sich dann immer wieder, wie gut auch digital diskutiert werden kann und kommunikative Nähe entsteht.

Wie funktioniert das mit dem berufsbegleitenden Remote-Studium?

Dr. Bärbel Kühne: Die meisten unserer Studierenden investieren pro Woche zwischen 15 und 25 Stunden, je nach Projektphase. Insgesamt binden wir Leistung aber selten an Zeit, sondern vielmehr an die Qualität der Projektentwicklung mit anderen Studierenden und Lehrenden in unserem virtuellen Atelier. Wir arbeiten komplett dezentral und ermutigen die Studierenden, sich auszutauschen, zusammenzuarbeiten und so auch mit anderen Bereichen in Berührung zu kommen. Wichtig sind uns dabei die Selbstorganisation und Flexibilität, die ein berufsbegleitendes Studium bieten können. Denn unsere Studierenden sind oft schon mitten im Leben, haben Familie, sind angestellt oder haben ihr eigenes Business. Ich habe immer großen Respekt davor, wie sie das alles unter einen Hut bringen. Aber wenn eben doch mal etwas dazwischenkommt, können sie bei uns auch ein Semester aussetzen und gebührenfrei bis zu vier Semester verlängern.

Hat sich euer Curriculum mit KI verändert?

Dr. Bärbel Kühne: Natürlich gibt es Veränderungen in der Umsetzung und in den Tools, mit denen wir arbeiten. Gleichzeitig hat uns die Entwicklung rund um KI aber auch noch einmal bestärkt, dass der an Methoden orientierte Ansatz des Studiengangs richtig ist. Ein stabiles Methoden-Gerüst ist für unsere Absolvent:innen aktuell wichtiger denn je. Damit können sie in der Regel mit allen Situationen und Veränderungen gut umgehen und haben außerdem gelernt, sich bei allem, was politisch, sozial und wirtschaftlich gerade geschieht, auch zu positionieren. Denn als Führungsperson ist man ja auch dafür zuständig, ein geschütztes Arbeitsumfeld zu schaffen. Sicherheit der Mitarbeitenden, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, all das spielt eine große Rolle. KI stellt uns vor große ethische und identitäre Fragen… aber auch vor ganz berufspraktische, manche Bewerbende fragen sogar, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, Design zu studieren. Die Antwort darauf kann und darf nicht in einer ausschließlichen zu engen Fokussierung auf den Umgang mit KI-Tools liegen, sondern muss sich stark auf die Persönlichkeitsentwicklung konzentrieren: Wir wollen Gestalter:innen ausbilden, die wohldurchdachte und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, hinter denen sie auch später noch stehen können.

 

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in PAGE 1.2026:

PAGE N° 01 2026

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