Usability Testing – ja bitte!

In vielen digitalen Projekten wird zu wenig oder nicht richtig getestet. Dabei müssen effiziente Usability-Tests weder zeitraubend noch teuer sein



UX-Design

Insbesondere in agilen Design- und Entwicklungsprozessen sollte Usability Testing nicht außen vor bleiben – schon weil der Grundsatz effizienter, kostengünstiger und fortlaufender Nutzerbefragungen eigentlich ein agiler ist. Ein groß angelegtes Testing zwei Wochen vor dem Go-live ist ohnehin meist unsinnig, weil der Zug zu diesem Zeitpunkt längst abgefahren ist.
Günstiger ist es, Probleme frühzeitig zu identifizieren, um zu verhindern, dass man kurz vor Abschluss des Projekts große Teile davon wieder umschmeißen muss. Frühes Testing kann somit die Produktionskosten niedrig halten. Und man verhindert so auch, dass am Ende die Programmierer kurz vor der in Stein gemeißelten Deadline einige Nächte durcharbeiten müssen. Im Zweifelsfall wird das Projekt dann nicht rechtzeitig fertig, oder man muss nachbessern. Oft geht dann auch die ursprüngliche Kalkulation nicht mehr auf.
Im Folgenden stellen wir die beliebtesten Testmethoden vor. In der Regel sind diese nicht isoliert zu betrachten, meist kommt ein Methodenmix zum Einsatz.

A/B-Tests
Sie gehören zu den gängigsten Testformen und bieten sich für jede Projektphase an: Mit A/B-Tests erfasst man die User-Reaktionen auf eine Webseite und auf ihre Variante. Die besten Ergebnisse liefern sie, wenn man nur minimale Än-derungen vornimmt, beispielsweise an der Platzierung oder der Button-Anmutung.

Card Sorting
Bei dieser Methode lässt man Nutzer mit beschrifteten Kärtchen eine Navigationsstruktur überprüfen oder selbst entwickeln – etwa indem sie Begriffe in Unterrubriken und übergeordnete Kategorien einordnen. Beim offenen Card Sorting definieren die Testpersonen auch neue Hauptkategorien, um etwa zu klären, wie Sie vorhandene und neue Inhalte im Sinne des Kunden strukturieren können und wie Haupt- und Unterrubriken benannt werden sollten. Card-Sorting-Tests sollten zu Beginn der Konzept-, spätestens aber am Ende der Analysephase durchgeführt werden, wenn Klarheit darüber besteht, welche Inhalte und Services die Website bereitstellen soll.

Eye Tracking
Beim Eye Tracking erfasst eine im oder vor dem Monitor platzierte Infrarotkamera Blickverläufe, Augen- und Maus-bewegungen sowie Klicks, um das Suchverhalten oder die Aufmerksamkeitsdauer einer Testperson zu ermitteln. In Kombination mit Beobachtungs- und Befragungsdaten unterstützen die Messungen die Interpretation des Nutzerverhaltens und liefern Hinweise auf inhaltliche und gestalterische Optimierungsansätze. Beispielsweise lässt sich feststellen, ob die gesuchten Informationen schnell zugänglich und erwartungsgerecht platziert sind, ob wichtige Navigations- und Menüoptionen (Links oder Buttons) wahrgenommen werden, welche Informationen nur betrachtet und welche tatsächlich gelesen werden und auch ob die visuelle Führung gelingt.
Eye Tracking kann sein Potenzial in mehreren Projektphasen entfalten: In der Konzeptphase helfen grafisch aus-ge-ar-beitete Designs, früh die ideale Variante zu identifizieren. In der Umsetzungsphase kann man Optimierungen testen und im laufenden Betrieb beispielsweise analysieren, warum die Daten der Seite nicht den Erwartungen entsprechen.

Mouse Tracking
Mit diesem Ansatz testet man auch aus der Ferne, während sich der Nutzer in gewohnter Umgebung durch die Seite klickt. So entstehen zum einen Videos, die das Nutzerverhalten abbilden, zum anderen bieten viele Dienstleister mittlerweile auch quantitative Zusammenfassungen an. Sogenannte Movement oder Motion Maps geben Auskunft darüber, worauf die Aufmerksamkeit des Anwenders liegt, und Visibility oder Scrolling Maps decken auf, wie weit er auf der Seite abwärtsscrollt. So lässt sich feststellen, ob der User versucht, Elemente zu klicken, die gar nicht anwählbar sind, ob er bestimmte Bereiche überhaupt nicht wahrnimmt, ob er sich nervös suchend auf der Seite hin und her bewegt oder ob er sehr lange in einem Bereich verweilt, weil er etwas nicht versteht.
Darüber hinaus gibt es Formularanalysen für klassische Check-out-Prozesse oder Registrierungen, die zeigen, wie lange ein Nutzer benötigt, um ein Feld auszufüllen, wie oft Fehlermeldungen erscheinen, wie häufig er seine Eingaben korrigiert oder dabei sogar abbricht. Meist wird Mouse Tracking auf kompletten Webseiten eingesetzt, aber auch bei einem Klickdummy lohnt es sich, nachzuvollziehen, wo der Nutzer mit seiner Maus entlanggefahren ist und geklickt hat.

Statistische Analysen
Sie dienen der Spezifizierung der Ergebnisse aus anderen Test-ansätzen. Wenn Sie die Testergebnisse nach ver-schie-de-nen Zielgruppeneigenschaften wie Alter, Geschlecht, digitale Erfahrung et cetera dokumentieren, können Sie Verhaltensunterschiede und spezifische Präferenzen genauer bestimmen.

Strukturiertes Tiefeninterview
Nicht standardisierte, aber mittels Fragebogen teil-struk-turier-te mündliche Interviews führt man durch, nachdem die Testperson eine Aufgabe bewältigt hat. Der Testleiter stellt Fragen zur Nutzung und Bewertung durch den User, um Motive und Bedürfnisse ans Licht zu bringen (»An welcher Stelle hatten Sie Probleme mit der Anwendung?«, »Inwiefern wurden Ihre Erwartungen nicht erfüllt?« et cetera).

Thinking Aloud
Egal, was und wie Sie testen: Lassen Sie die Probanden ihre Gedanken, Eindrücke und Fragen während der Nutzung spontan in Worte fassen und schneiden Sie alles per Webcam mit. Der Testleiter kann Äußerungen aufgreifen und hinterfragen.

Den kompletten Artikel über effizientes Usability Testing mit noch mehr praktischen Tipps finden sie in PAGE 08.2015.





Ein Kommentar


  1. Johannes Müller

    Spannender Artikel!

    Was ich vermisse ist die Methode der unmoderierten Usability Tests, die zuletzt stark an Bedeutung gewonnen hat.

    Diese Testart ist meist über Plattformen buchbar und liefert gegen ein kleines Budget sehr gute Einblicke in die User Experience der eigenen Webseite oder App.

    Der Vorteil ist die komplett automatische Abwicklung über die Plattform. Die zeitaufwändige Rekrutierung der Teilnehmer und Testmoderation übernimmt die Software. Als Auftraggeber wählt man einfach Zielgruppe, Testgegenstand und Aufgeben. Man erhält nach wenigen Stunden die Videos vom Test mitsamt den lauten Gedanken der Tester auf der Tonspur.

    Auf https://www.nutzerbrille.de kann man z.B, einen solchen Usability Test kostenfrei und risikolos ausprobieren.


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