Cannes-Nachwuchs: Interview mit Hanna Maria Heidrich

Mit ihrem Film »We miss you« gewann die Regisseurin beim Young Director Award in Cannes gleich drei Mal. Wir sprachen mit ihr über den Produktionsprozess, internationalen Regienachwuchs und ihre Zukunftsprojekte.



Bild Anna Maria Heidrich

Hanna Maria Heidrich ist die eindeutige Siegerin beim Young Director Award 2011, der im Rahmen des Cannes Lions Festivals verliehen wurde. Mit ihrem Film »We miss you« gewannen sie und ihr Team den ersten Platz in den Kategorien »European Filmschool«, »European Branded Short« und wurden zudem mit dem »Special Jury Award YDA 2011« ausgezeichnet.

Außerdem ist der Film Gewinner des »New German Directors Award« 2011 und des »Caligari Award« 2010.

Für frühere Projekte erhielt Hanna Maria Heidrich unter anderem Auszeichnungen vom ADC, beim »First Steps Award«, dem »Spotlights Festival«, dem »NY Film & Television Festival« und sie schaffte es in die Auswahl des »Saatchi & Saatchi New Director’s Showcase« in Cannes.

PAGE Online sprach mit der Regiestudentin der Filmakademie Baden-Württemberg über ihren Film »We miss you« und ihre Projekte als preisgekrönte Nachwuchs-Regisseurin.

PAGE: Warum ein Werbefilm für die Natur?

Hanna Maria Heidrich: Umweltkampagnen werben meist damit, uns zu sagen, was wir konkret tun sollen um unser Verhalten zugunsten der Natur zu verändern. Das ist gut und wichtig. Ich glaube jedoch, dass man nur dann für Umweltschutz aktiv werden kann, wenn man sich in irgendeiner Weise mit der Natur in Bezug setzt. Das Zitat »Man schützt nur was man liebt« bringt das ganz gut auf den Punkt. Kein Mensch wird sein Verhalten zugunsten der Natur verädern und bereit sein, Einschräkungen auf sich zu nehmen, wenn ihn die Natur nicht berührt. Hier wollte ich mit mit »We miss you« ansetzen. Es sollte darum gehen, Menschen anzusprechen, die bisherige Umweltkampagnen kalt ließen. So entstand also die Idee einen Film zu machen, in dem die Natur zu uns kommt und uns zu sich zurück ruft.

Wie ist der Film entstanden?

Zunächst stand für mich die Idee im Raum. Diese habe ich dann mit meinem Kreativpartner Alex Eslam zusammen weiter entwickelt und gemeinsam das Treatment geschrieben. 
Mit dem Treatment konnte ich die Produzenten Sebastian Bandel und Steffen Wilhelm begeistern, die fortan zu echten Partnern wurden. Zu diesem Zeitpunkt war noch geplant, zwei weitere »We miss you« Filme für die Kampagne umzusetzen. Einen Film mit einem Gorilla in einem Büro und einen weiteren mit einem Elefanten auf einer Party. Leider ließ es unser geringes Budget von 20.000 Euro nicht zu, die zwei weiteren Filme zu realisieren. Herzstück des Projektes ist nun die Webseite www.wemissyou.de, auf der man die Möglichkeit hat, die Nachricht einer uns vermissenden Natur, zu verbreiten.

Bild We miss you

Ein Screenshot der Webseite zum Film

Warum spielt der Film in New York City und nicht in Deutschland?

In den Köpfen vieler Menschen stellt NYC so etwas wie die Metropole der westlichen Welt dar. Daher haben wir uns für diese Stadt als Sinnbild entschieden.

War der Film eine Semesterarbeit für die Filmakademie Baden-Württemberg?

Der Film ist eines meiner drei Diplomprojekte.

Haben Sie mit den Produzenten des Films, Sebastian Bandel und Steffen Wilhelm, zuvor schon bei anderen Projekten zusammengearbeitet?

Mit Sebastian Bandel hatte ich bereits bei »Celebrate Sensuality« zusammen gearbeitet und seine kreative Haltung als Produzent schätzen gelernt. 
Die Zusammenarbeit mit ihm und Steffen Wilhelm bei »We miss you« war sehr fruchtbar. Es ist ein großes Glück, wenn man als Regisseur auf Produzenten trifft, denen der kreative Inhalt und die Sache genauso wichtig sind, wie einem selbst. Viele Andere hätten bei der Idee, im Rahmen eines Studentendrehs Frankfurt mal eben in New York zu verwandeln, eine der Hauptstraßen für zwei Tage zu sperren und 40 Autos, plus 50 Komparsen für umsonst zu organisieren, die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Sebastian und Steffen hatten jedoch immer die Haltung »Irgendwie kriegen wir das schon hin«.

Bild We miss you

Was bedeuten die Auszeichnung mit dem »Special Jury Award« und die beiden Erstplatzierungen beim »Young Director Award« für Sie?

Solche internationalen Auszeichnungen öffnen einem definitiv Türen. Menschen werden plötzlich auf dich aufmerksam und interessieren sich für deine Arbeit. Ich selbst freue mich dabei vor allem darüber, dass die immense Energie und Leidenschaft, die das Team in den Film gesteckt hat, honoriert wird. 
Am Ende sind Preise jedoch auch schnell vergessen und sollten einem daher nicht so wichtig sein. Letztlich geht es um die Liebe für die Sache und darum, kontinuierlich gute Filme, auch auf dem Markt, zu machen.

Haben Sie sich andere Gewinnerarbeiten angesehen? Wie steht es um die internationalen Nachwuchs-Regisseure?

Ich war dieses Jahr von der Qualität der anderen Filme echt begeistert. Besonders die neue Musikvideo Kategorie hat mir gefallen.

Gibt es Preisträger, die Sie besonders beeindruckt haben?

Das Musikvideo »Control« von Pieter Hugo und Michael Cleary für den südafrikanischen Künstler Spoek Mathambo hat mich echt umgehauen. 
Was für ungewöhnliche Bildwelten, mit zum Teil sehr aufrüttelnden Motiven.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Momentan schreibe ich an meinem letzten Diplomprojekt. Es ist ein Serienpilot, der in Kooperation mit Pro 7/Sat 1 an der Filmakademie umgesetzt wird.
 Ich hatte zuvor noch keine Erfahrung damit, eine Serie zu entwickeln. Die Herausforderung, ein Setting anzulegen, dass es zulässt »unendlich lang« zu erzählen, begeistert mich jedoch total. Der Pilot soll im Herbst gedreht werden.

Was dient für Sie als Inspiration für Ihr kreatives Arbeiten?

Die größte Rolle spielen hierbei für mich Fotografie und Musik. Bilder hatten schon immer eine sehr starke Wirkung auf mich. So sammle ich seit Jahren täglich Fotos, Schnappschüsse oder Zeichnungen im Netz. Manche der Bilder berühren mich einfach, andere wecken Ideen für Geschichten. Wenn ich an einer Idee arbeite, höre ich sehr viel Musik. Oft kann man Dinge ja nur schwer in Worte fassen. Aber plötzlich hört man einen Song und denkt: Ja, genau so muss es sich anfühlen.

Sie haben im Laufe Ihres Regie-Studiums sowohl Werbespots als auch Spielfilme gemacht. Wo liegt für Sie der größere Reiz?

Das Schöne an Werbefilmen sind die kurzen Zeitspannen. Man setzt ein Projekt um und ein par Monate später direkt das nächste. Dadurch macht man immer etwas Neues und hat viel Abwechslung. Doch die Art, wie wir Werbefilme an der Filmakademie angehen, mit der Freiheit aller Entscheidungen, hat wenig mit der Realität zu tun. Am Ende des Tages ist die kreative Herausforderung auf dem Markt ja nicht, den bestmöglichen Film nach dem eigenen Gusto zu machen, sondern einen Film, der dem Kunden auch was bringt. Hier lässt Spielfilm natürlich mehr Freiheit zu. In beiden Formaten ging es mir bisher jedoch einfach darum, Geschichten zu erzählen und den Zuschauer auf irgendeine Weise zu fesseln und zu berühren. Und das will ich gerne in der Zukunft, sowohl im Werbe-, als auch im Spielfilmbereich, weiter verfolgen.

Was sind Ihre Projekte für die Zukunft? Wo sind Sie in einem Jahr?

Am Ende des Jahres werde ich erstmal mein Studium beenden und hoffe dann darauf, im nächsten Jahr zunächst spannende Werbeprojekte anzugehen, mit dem Ziel bald auf einem internationalem Level arbeiten zu dürfen. Ansonsten habe ich für 2012 geplant, die Idee für meinen ersten Spielfilm voran zu treiben und bin zudem in Gesprächen eventuell ein Theaterprojekt umzusetzen (ein heimlicher Traum).


Weiterer Kreativ-Nachwuchs im Gespräch:

Interview mit den ADC-NY-Gewinnern Joschka Wolf und Peer Dräger

Interview mit dem »ADC Talent des Jahres« Christian Rolfes


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2 Kommentare


  1. Nantjen Küsel

    Ähnlicher Ansatz, anderer Ausgang: Bachelor-Absolventen des Animation Workshops inszenieren ebenfalls die Begegnung eines Menschen mit einem Wild, allerdings geht es für diesen nicht so harmlos aus: http://vimeo.com/18008261


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