Was ist Elementare Typographie? Jan Tschichold hatte da ganz klare Antworten

Was die Design-Revolutionäre der 1920er Jahre für die sogenannte Neue Typographie forderten.



Nieder mit dem symmetrischen Mittelachsensatz! Doppelseite aus »Die Neue Typographie«, Neuauflage von Brinkmann & Bose

Jan Tschicholds berühmtes Manifest stellte 1925 in einem Sonderheft des Magazins »typographische mitteilungen« die Regeln für die Elementare Typographie auf – und löste damit ein mittleres gestalterisches Erdbeben aus.

PAGE erzählt von jener aufregenden Phase der deutschen Designgeschichte in der gerade erschienenen PAGE-Ausgabe 07.2018. Es enthält den dritten Teil unserer alle zwei Monate fortgesetzten Serie »TYPOstoria« zur Geschichte der Typografie (erster Teil zu »Typo um 1900« in Ausgabe 03.2018, zweiter Teil zu den Anfängen der Werbetypografie in Heft 05.2018).

In PAGE 07.2018 berichten wir nun von den Pionieren wirklich moderner Schriftgestaltung und -Nutzung – und von dem missionarischen Eifer, mit dem sie sich für diese Modernisierung einsetzten.

Die kämpferische Grundstimmung, mit der man sich gegen die altmodische Gestaltung der Vorkriegszeit stellte, schlug sich auch darin nieder, dass diverse Design-Manifeste verfasst wurden. Das wohl berühmteste stammt von dem in Leipzig geborenen Jan Tschichold, der sich 1925 noch aus Sympathie für die neuen, aus Russland kommenden politischen und künstlerischen Strömungen (vor allem Konstruktivismus) Iwan Tschichold nannte.

 

Werbedrucksachen für die Leipziger Firma Geraschdruck von Jan Tschichold. Aus »Die Neue Typographie«, Neuauflage von Brinkmann & Bose

 

Unter diesem Namen schrieb er auch den Aufsatz »elementare typographie« für das Magazin »typographische Mitteilungen«, den man hier nachlesen kann.

1. Die neue Typographie ist zweckbetont.

2. Zweck jeder Typographie ist Mitteilung (deren Mittel sie darstellt). Die Mitteilung muss in kürzester, einfachster, eindringlichster Form erscheinen.

3. Um Typographie sozialen Zwecken dienstbar zu machen, bedarf es der inneren (den Inhalt anordnenden) und äußeren (die Mittel der Typographie in Beziehung zueinander setzenden) Organisation des verwendeten Materials.

4. Innere Organisation ist Beschränkung auf die elementaren Mittel der Typographie: Schrift, Zahlen, Zeichen. Linien des Setzkastens und der Setzmaschine. Zu den elementaren Mitteln neuer Typographie gehört in der heutigen, auf Optik eingestellten Welt auch das exakte Bild: die Photographie.

Elementare Schriftform ist die Groteskschrift aller Variationen: mager – halbfett – fett – schmal bis breit.

Schriften, die bestimmten Stilarten angehören oder beschränkt-nationalen Charakter tragen (Gotisch, Fraktur, Kirchenslavisch) sind nicht elementar gestaltet und beschränken zum Teil die internationale Verständigungsmöglichkeit. Die Mediäval-Antiqua ist die der Mehrzahl der heute Lebenden geläufigste Form der Druckschrift. Im (fortlaufenden) Werksatz besitzt sie heute noch, ohne eigentlich elementar gestaltet zu sein, vor vielen Groteskschriften den Vorzug besserer Lesbarkeit.

Solange noch keine, auch im Werksatz gut lesbare elementare Form geschaffen ist, ist zweckmässig eine unpersönliche, sachliche, möglichst wenig aufdringliche Form der Mediäval-Antiqua (also eine solche, in der ein zeitlicher oder persönlicher Charakter möglichst wenig zum Ausdruck kommt) der Grotesk vorzuziehen.

Eine ausserordentliche Ersparnis würde durch die ausschliessliche Verwendung des kleinen Alphabets unter Ausschaltung aller Grossbuchstaben erreicht, eine Schreibweise, die von allen Neuerern der Schrift als unsre Zukunftsschrift empfohlen wird. durch kleinschreibung verliert unsre schrift nichts, wird aber leichter lesbar, leichter lernbar, wesentlich wirtschaftlicher, warum für einen laut, z. b. a zwei zeichen A und a? ein laut ein zeichen. warum zwei alfabete für ein wort, warum die doppelte menge zeichen, wenn die hälfte dasselbe erreicht?

Die logische Gliederung des Druckwerks wird durch Anwendung stark unterschiedlicher Grade und Formen ohne Rücksicht auf die bisherigen ästhetischen Gesichtspunkte optisch wahrnehmbar gestaltet.

Auch die unbedruckten Teile des Papiers sind ebenso wie die gedruckten Formen Mittel der Gestaltung.

5. Äussere Organisation ist die Gestaltung stärkster Gegensätze (Simultanität) durch Anwendung gegensätzlicher Formen, Grade und Stärken (die im Werte ihrer Inhalte begründet sein müssen) und die Schaffung der Beziehung dieser positiven (farbigen) Formwerte zu den negativen (weissen) Formwerten des unbedruckten Papiers.

6. Elementare typographische Gestaltung ist die Schaffung der logischen und optischen Beziehung der durch die Aufgabe gegebenen Buchstaben, Wörter, Satzteile.

7. Um die Eindringlichkeit, das Sensationelle neuer Typographie zu steigern, können, zugleich als Mittel innerer Organisation, auch vertikale und schräge Zeilenrichtungen angewendet werden.

8. Elementare Gestaltung schliesst die Anwendung jedes Ornaments (auch der ornamentalen Linie, z.B. der fettfeinen) aus. Die Anwendung von Linien und an sich elementaren Formen (Quadraten, Kreisen, Dreiecken) muss zwingend in der Gesamtkonstruktion begründet sein.

Die dekorativ-kunstgewerblich-spekulative Verwendung an sich elementarer Formen ist nicht gleichbedeutend mit elementarer Gestaltung.

9. Die Anordnung neuer Typographie sollten in Zukunft die normierten (DIN-)Papierformate des Normenausschusses der Deutschen Industrie (NDI) zugrunde gelegt werden, die allein eine alle typographischen Gestaltungen umfassende Organisation des Druckwesens ermöglichen.

Insbesondere sollte das Format DIN A 4 (210:297 mm) allen Geschäfts- und andern Briefen zugrunde gelegt werden.

10. Elementare Gestaltung ist auch in der Typographie nie absolut oder endgültig, da sich der Begriff elementarer gestaltung mit der Wandlung der Elemente (durch Erfindungen, die neue Elemente typographischer Gestaltung schaffen – wie z. B. die Photographie) notwendig ebenfalls ständig wandelt.

 

 

Tschichold hatte sehr feste Vorstellungen über »falsch« und »richtig« … Oben ein von ihm entworfener Normbriefbogen mit – wie er schreibt – »übersichtlicher Anordnung der vielen Namen und Titel«. Der Kunde gab aber dem Entwurf darunter den Vorzug. Dazu wettert Tschichold es in der Bildunterschrift: »Beispiel eines ungenormten und unübersichtlich gesetzten (unzweckmäßigen) Geschäftsbriefbogens. Jedermann scheut sich, den Roman unter dem roten Balken zu lesen. Dieser Entwruf wurde gedruckt, obwohl der Entwurf der nebenstehenden Seite dem Besteller vorgelegen hatte!«

 

Von Tschichold nach den Regeln der Neuen Typgraphie gestaltete, »vorbildliche« Postkarten

 

Links ein von Tschichold gestaltetes Konzertplakat, rechts ein Beispiel »pseudomoderner Typographie«. Der Setzer sei von einer »vorgefaßten äußerlichen Formidee« ausgegangen und habe ihr die Wörter des Textes »eingepressst«, kritisiert er. »Die typgraphische Form musß aber organisch, aus dem Wesen des Textes, entwickelt werden.

 

Die Bilder im Artikel stammen aus dem Buch »Die Neue Typographie. Ein Handbuch für zeitgemäß Schaffende« von 1928, in dem Jan Tschichold seine Regeln und Ansichten dann detailliert und praxisbezogen ausführte. Ein Standardwerk für Gestalter!

Ein wunderschöner Faksimile-Druck des Buches erschien 1987 beim Brinkmann und Bose Verlag. Noch sind einige Exemplare zu haben, zum erschwinglichen Preis von 42 Euro und mit der ISBN-Nummer 978-3-922660-23-1. Schnell zugreifen, denn auch dieser Nachdruck von »Die Neue Typographie« wird teilweise schon zu schwindelerregenden Preisen gehandelt.

 


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