Typografie ohne Grenzen

Vive l'expérience! Der wagemutige Pierre di Sciullo in der Galerie Anatome.



Für Pierre di Sciullo müssen sich Buchstaben nicht brav aneinanderreihen. Manchmal müssen es noch nicht einmal Buchstaben sein. Der französische Typograf und Grafikdesigner experimentiert in seinem Studio Qui Résiste (Wer kann wiederstehen) mit den Grenzen der Disziplinen, mit Formen, Farben und Sprachen.

Das bringt ihm glühende Bewunderung ein, aber auch Ablehnung, wie er sie vom Amsterdamer Stedelijk Museum erfuhr, das sich für die CI, die er gestaltete, noch nicht bereit fand.

Wie seine Projekte zustande kommen, wie die Ideen entstehen und von welchen verschiedenen Eckpunkten aus er sich ganz unkonventionell annähert, ist jetzt in der Galerie Anatome in Paris zu sehen. Prototypen, Skizzen, Anmerkungen und Entwürfe zu drei seiner großen urbanen Projekte sind ausgestellt: das »T«, das er für das Straßenbahnsystem in Nizza entwickelte, ein Buchstabe wie eine Skulptur, ein Totem, wie di Sciullo selbst sagt, das, aus einem Rechteck ausgestanzt, jedes Mal anders erscheint.

Dann die Wegweiser für die French National Library, die 2010 renoviert wurde und den Gästen zeigen sollten, wo jetzt der Eingang ist und wo die verschiedenen Abteilungen sind. Dafür montierte di Sciullo über fotografierte Innenansichten der Bibliothek bunte Plexiglas-Schilder, die, mit Schrift bedeckt, zeigen, wo es jetzt langgeht.

Das dritte Projekt ist noch in Entstehung: Die komplette Restaurierung des riesigen Wohnkomplexes The Serpentin von 1957, das die Architekten RVA betreuen und zu dem di Sciullo eine spektakuläre Fassade beisteuert: Als work in progress wird sie nach und nach mit 32 Millionen bunten Keramiksteinen verziert …

Wer di Sciullo schon einmal live erlebt hat, kennt seine Performances aus Gurgeln, Schnalzen, Glucksen und Schnarren, in denen seine Experimente mit Stimme und Typografie, sein »phonetic-typographic« vorführt. Diese sind dort ebenso zu sehen wie seine digital entwickelte Schrift »Microméga«, die für die Publikation »Thank you for your understanding« entstand und aus seinem Ärger über diesen Satz, der immer durchgesagt wird, wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat.

Pierre di Sciullo. En esthète de gondole, bis 24. März, Galerie Anatome, Paris


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