Politik, zerpflückt

 



Typografie und Macht: Zwei Mainzer Studenten bringen im eigenen Verlag ein tolles Buch-Duo heraus.


Das Projekt entstand während eines Symposiums »Typografie und Macht« an der Fachhochschule Mainz. Dort studieren Philipp Lehr und Robin Scholz Kommunikationsdesign – und begannen sich auch auf ihre eigene Weise mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und auf diese sind die Publikationen Voices und Things America said … entstanden, die inhaltlich und gestalterisch eine Freude sind und ganz nah am Puls der Zeit weltumspannender Proteste und flammender Reden.

Was ein Plakat typografisch wie kann, beleuchtet Philipp Lehrs Voices weltweit und seit Entstehung des Internets. Dort recherchierte er nach einem Kanon interessanter Protestplakate, entfernte von ihnen alles, was nicht Schrift ist, konzentrierte sich auf die Typografie als politische Plattform, auf die starken Sprüche – und ergänzte den jeweiligen politischen Hintergrund durch Wikipediatexte. Die Lauftexte in der FF Quadraat von Fred Smeijers gehalten und die Headlines in der Albertus von Berthold Wolpe, lenkt nichts ab von den Kampfansagen, die jenseits von Einheitsdesign durch ihren persönlichen Charakter bestechen. Und so blättert man sich hindurch von Vorwürfen wie »Guilty« und Spötteleien wie »everything is fine. love your goverment! x« zum meistens passenden »Give a shit!«.

Robin Scholz hingegen beschäftigte sich in Things America said … »mit der Rede als politischem Mittel das mit Schrift und mit Sprache zu tun hat«. Immer stärker hat er bei der Recherche das Themenfeld eingegrenzt bis er schließlich beim Irakkrieg gelandet ist und bei zwei Reden von George W. Bush und Barack Obama dazu. Interessiert war er daran, die Reden nicht mit herkömmlichen Mitteln zu analysieren, die teilweise schwer zu dechiffrieren sind, sondern splittete sie nach eigenen Regeln auf – und zensierte sie nach selbst gewählten Vorgaben. Wenn Obama ganze 30 Mal Irak gesagt hat, sieht man das auf einen Blick – und liest man anschließend dessen gesamte Rede, merkt man dass dieser optisch getriebene Eindruck stimmt. Schließlich entfernte Scholz alle Füllwörter, kürzte die Reden immer weiter herunter ohne sie allerdings dabei zu verfremden – auch, wenn sie immer kryptischer wurden.

Erschienen ist das Ergebnis in einem gefalteten Wendeheft auf dessen einer Seite als Cover Obamas Porträt prangt, auf der anderen das von Bush. In der Gestaltung ist es schlicht aufbereitet, sehr modular und ganz auf die Typografie fokussiert, die mit einem kleinen Augenzwinkern gewählt wurde.

Für die Headlines verwendete Scholz die Reglo von Open Source Publishing, auch, weil die Organisation sich gegen das Corporate System wendet – und damit, spinnt man es weiter, gegen das amerikanische System. Für den Lauftext hingegen suchte er eine Schrift seines Freundes Johannes Breyer aus, die Johannes Breyer Schulbuch, die dieser aus einem alten Schulbuch digitalisierte – und die Präsidenten, aber das nur als kleines Bonmot am Rande, zu Oberlehrern macht.

Im Mittelpunkt steht die Typografie selbst, im Protest, als Ordnungssystem, als geschriebenes, gedrucktes, gekritzeltes oder zensiertes Wort.

Herausgebracht – und das unter großem Erfolg – haben Philipp Lehr und Robin Scholz ihre Publikationen im eigenen Verlag Cake, durch den sie auch vertrieben werden.


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