PAGE online

Wie mit Dall-E2 ein ziemlich derbes Musikvideo entstand

Autos (und Autofahrer) kommen in Tobias Wüstefelds KI-generiertem Clip gar nicht gut weg. Hier erzählt er, wie das Video entstand.

KI generierter Musikclip
© Song »Auto?« von Kaput Krauts, Video Tobias Wüstefeld

Song-»Lyrics« wie diese muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Klingen stumpf und sinnlos … genau wie das Verhalten, das sie deshalb perfekt beschreiben:

»glitzer glitzer, werbung werbung, waschanlage, auto
auto auto, haben haben. ich ich ich ich auto«

 

Vor über zehn Jahren schon hat Tobias Wüstefeld den Titel »Auto?« von Kaput Krauts gehört. Jetzt hat der renommierte Hamburger 3D-Artist und Motion Director mit KI-generierten, nicht eben schmeichelhaften Bildern von Autofahrern ein Musikvideo zu dem Song gemacht. Wir wollten mehr über die Entstehung des Clips wissen. Hier seine Antworten. 

Tobias Wüstefeld
Tobias Wüstefeld kreiert beeindruckende Arbeiten für große Werbeagenturen wie Jung von Matt und Co, dabei ist er immer für neue Technologien offen – ob für AI oder wie hier auf dem Foto für die Arbeit mit VR-Tools.

Das Musikvideo zu dem Song kommt mit einiger Verspätung. Warum? 

Tobias: Schon beim ersten Hören des Songs 2008 hatte ich wirklich Lust, ein Musikvideo dazu zu machen. Über die Jahre kamen mir auch diverse Ideen. Aber erst jetzt, durch die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, hatte ich das Gefühl, die richtige Form gefunden zu haben.

Was für eine Idee steckt hinter dem Clip? Fährst du selbst eigentlich Auto???

Insgesamt empfinde ich das Musikvideo sowie den Song als sehr subjektiv. Ich versuche, mit Hilfe der KI ein paar der Bilder zu erstellen, die sichtbar machen, was ich im Straßenverkehr als Fußgänger oder Radfahrer wahrnehme. Vor Jahren habe ich selbst in der Kleinstadt auch ein Auto besessen, in der Großstadt bin ich allerdings mit Fahrrad oder Öffis schneller unterwegs, allein weil ich mir die Parkplatzsuche spare. Auch Christian von Kaput Krauts, der den Song geschrieben hat, besitzt kein Auto. Ausser halt den Bandbus 🙂

Wie lief die Arbeit mit Dall-E2 ab?

Aktuelle künstliche Intelligenzen zur Bildgenerierung basieren auf dem prompt-Prinzip. Das heißt, man gibt einfach einen Text ein und die KI versucht, ein Bild daraus zu generieren. Das fühlt sich manchmal wie bei der Beziehung von Kunde/Agentur zum Künstler. Oft versteht die KI eine Eingabe falsch beziehungsweise man hat das Gefühl, sie will einfach nicht verstehen. Dann muß man umformulieren oder eben eine Masse an Bildern kreieren, bei der durch Zufall ein Richtiges dabei ist.

Sind die Typen im Video eigentlich noch irgendwie erkennbare echte Personen oder wurden sie komplett künstlich generiert?

Es könnte sein, dass die KI eine Person mit extremer Ähnlichkeit zu einer existierenden Person generiert – auch echte, einander fremde Menschen sehen sich ja manchmal sehr ähnlich. Aber so wie die AI aufgebaut ist, kann sie kein von ihr gelerntes Bild exakt wiedergeben. Es ist auch nicht möglich, nach expliziten Personen wie Prominenten oder Politikern zu fragen.

OpenAI – die Macher von Dall-E2 – legen großen Wert auf ethische Fragen. Es gibt permanent die Möglichkeit, Voreingenommenheiten zu melden. Aktuell befindet sich die KI noch im Betastadium, stellenweise merkt man täglich Änderungen. Beim Generieren der Bilder für das Musikvideo hat die KI mir zum Beispiel zu einem sehr großen Prozentsatz weiße Männer generiert. Dieses Vorurteil habe ich dann in das Video mit einfließen lassen. Die KI gibt schließlich das gesellschaftliche Bild wieder, welches sie gelernt hat. Bei dem Versuch »gierige Menschen« zu kreieren, sind allerdings unschöne, teils rassistische Klischeebilder entstanden, die ich nicht ins Video übernommen habe.

Wobei sich die Ereignisse bei OpenAI gerade überstürzen. So hat die Firma jüngst bekanntgegeben, dass DALL-E inzwischen so überarbeitet wurde, dass es jetzt diversere Bilder ausspuckt. Außerdem kostet die Nutzung seit dem 20. Juli Geld. Ein Spaßprojekt wie dieses Video, für das mir die KI Hunderte Bilder zur Auswahl generierte, wäre vielleicht nicht entstanden.

Hast du im Allgemeinen was gegen Autos oder bestimmte Autofahrertypen?

Natürlich nicht. Auf dem Land oder für den Lieferverkehr sind Autos unverzichtbar. Mich persönlich stört, dass wir heute eigentlich über die Gestaltung eines umweltfreundlichen oder effizienteren Straßenverkehr diskutieren sollten, sich aber in der Realität immer mehr Leute Geländewagen und SUVs für die Innenstadt holen. Autonamen wie wie Grand Commander, Patriot oder Defender weisen schon auf ein bestimmtes Selbstbild im Straßenverkehr hin.

Das Argument ist dann ja meistens, dass große Fahrzeuge bequemer oder sicherer sind. Dabei ist das Todesrisiko für Fußgänger bei einem Unfall an der Kreuzung immerhin doppelt so hoch, wie sich zum Beispiel hier nachlesen lässt.

 

Und das sagte uns Komponist und Textautor Christian von Kaput Krauts dazu

 

© Foto: Lukas Joachim

»Der Text ist einfach spontan aus mir raus gesprudelt, Berlin inspiriert. Letztens war ich auf der Karl-Marx-Straße mitten in der Nacht, mitten in Neukölln – und da war Stau … Da ist irgendwie immer Stau. In Innenstädten nehmen einfach so viele Autos so dominant und brutal so viel Raum ein und schrotten die Lebensqualität und clashen mit den vielen Menschen.

Als Kind fand ich Autos toll. Und ich mag Autos auch immer noch irgendwie ein bisschen (hab aber keins). Sind halt auch einfach manchmal praktisch. So, wie es viele Sachen gibt, zu denen ich ein schwieriges Verhältnis habe. Und am Ende soll das dann wohl alles einfach ein Bild sein für menschliche Blödheit. Für Ellenbogen. Für Männlichkeit? Für Eindimensionalität. Für Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Der Titel enthält ja auch Fragezeichen 😉 Ist am Ende einfach ein sehr impulsives (Zwei-Akkorde-)Abarbeiten an dem, was mich umgibt, was auf mich einprasselt und was mich geprägt hat. Wäre ich am Meer aufgewachsen, würde ich Surf-Punk machen – in Berlin passiert mir halt so ein Song.«

Den ganzen Songtext kann man hier nachlesen

Produkt: eDossier: »Animierte Illustrationen im Trend«
eDossier: »Animierte Illustrationen im Trend«
Animation ist unverzichtbarer Teil des Designalltags

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Das könnte Sie auch interessieren