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»Durch Vibe Coding mit KI-Tools verändert sich die Rolle von Entwickler:innen in Unternehmen grundlegend«

Was als Experiment mit KI-gestützter Entwicklung begann, ist bei diesem Team längst Alltag: Vibe Coding beschleunigt nicht nur die Softwareentwicklung, sondern verschiebt den Fokus von klassischem Programmieren hin zu Architektur, Bewertung und Mensch-KI-Kollaboration.

Porträt einer lächelnden Frau mit kurzen, leicht gewellten braunen Haaren. Sie trägt eine schwarze Bluse mit dezenten Rüschen am Kragen und an den Schultern sowie schlichte Creolen. Die Frau blickt direkt in die Kamera und wirkt freundlich, offen und selbstbewusst. Der Hintergrund ist unscharf gehalten und zeigt eine moderne Innenarchitektur mit Glas- und Betonelementen. Die Aufnahme vermittelt Professionalität und Nahbarkeit.Bild: Thomas ReinermannAnja Bornmann-Reske ist Head of IT Services bei einem IT- und Softwareunternehmen und beschäftigt sich täglich mit der Frage, wie sich moderne Entwicklungsteams zwischen steigender Komplexität, Effizienzdruck und neuen KI-Tools neu organisieren können. In diesem Interview mit PAGE geht es um Vibe Coding und die Frage, wie KI-gestützte Entwicklung den Arbeitsalltag von IT-Teams verändert. Dabei werden die Aspekte Effizienz, neue Verantwortung und die Zukunft des Programmierens im Dialog mit KI beleuchtet.

PAGE: Vibe Coding ist ein Begriff, den viele mit Hobby-Entwickler:innen oder No-Code-Tools verbinden. Wie kam es dazu und war das ein bewusster Entschluss oder hat es sich einfach eingeschlichen?

Anja Bornmann-Reske: Bei uns war das tatsächlich ein sehr konkreter Trigger: Salesforce hat in einem Release KI-gestützte Entwicklungsfunktionen bereitgestellt. Unsere Entwickler:innen haben es aus Interesse und Neugier relativ schnell ausprobiert und festgestellt, dass es ihnen im Alltag echten Mehrwert bringt. Vor allem überzeugt hat sie die Geschwindigkeit, mit der erste Lösungsansätze entstehen.

Ab dem Punkt war es dann kein Zufall mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Wir haben gesehen, dass das Potenzial enorm ist, gerade unter unseren Rahmenbedingungen mit steigenden Anforderungen bei gleichzeitig begrenzten Ressourcen, und haben Vibe Coding gezielt in unseren Arbeitsablauf integriert.

Wann habt ihr gemerkt, dass das kein Experiment mehr ist?

Der Punkt war erreicht, als sich das Verhalten im Team verändert hat. Sobald Entwickler:innen bei neuen Anforderungen nicht mehr zuerst selbst »von Null« anfangen, sondern ganz selbstverständlich mit der KI in die Lösungsfindung gehen, verändert sich der Arbeitsmodus fundamental. Spätestens als wir gemerkt haben, dass wir Change Requests schneller einschätzen und priorisieren können, war klar: Das ist kein Experiment mehr, sondern produktiver Alltag.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag mit Vibe Coding aus?

Der Ablauf ist weniger klassisch iterativ, sondern eher agil mit sehr schnellen, direkten Feedbackschleifen zwischen Entwickler:in und KI.

Ein typischer Tag sieht so aus:

  1. Der/die Entwickler:in versteht die fachliche Anforderung und formuliert den Lösungsansatz.
  2. Die KI liefert daraufhin sehr schnell konkrete Vorschläge, Code oder Varianten.
  3. Der/die Entwickler:in bewertet diese direkt im Kontext unserer Systeme (CRM, Customer Service, ERP, ECM) und gibt gezielt Feedback oder präzisiert die Anforderungen.
  4. Die KI reagiert darauf, und es entsteht ein enger Austausch, fast wie ein technischer Dialog.

Diese Kollaboration ermöglicht es uns, in kürzester Zeit zu belastbaren Lösungsansätzen zu kommen. Der größte Mehrwert liegt dabei für uns nicht nur in der Umsetzung, sondern vor allem darin, sehr früh einschätzen zu können, wie komplex ein Change Request ist und ob sich die Umsetzung wirtschaftlich lohnt.

Wie weit geht Vibe Coding – wird Code einfach übernommen?

Nein, Code wird bei uns nicht blind übernommen. Die Arbeitsweise hat sich jedoch verändert, da Entwickler:innen nicht mehr jede einzelne Zeile im Detail prüfen, sondern stärker die Gesamtlösung bewerten. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob der vorgeschlagene Code zur Gesamtarchitektur passt, ob er wartbar und gut integrierbar ist und ob mögliche Risiken, etwa in Bezug auf Sicherheit oder Performance, berücksichtigt sind. Dadurch verschiebt sich der Fokus zunehmend vom reinen Schreiben von Code hin zum Verstehen und kritischen Bewerten von Lösungen.

Wo zieht ihr die Grenze?

Die Grenze ziehen wir immer dort, wo Risiken und Kritikalität besonders hoch sind. Das betrifft insbesondere sicherheitsrelevante Bereiche wie Berechtigungs- und Authentifizierungslogiken, aber auch die Kernarchitektur und das grundlegende Systemdesign. 

Ebenso gilt das für geschäftskritische Integrationen zwischen zentralen Systemen. In diesen Fällen bleibt die Verantwortung vollständig bei dem/der Entwickler:in, während die KI lediglich unterstützend eingesetzt wird und keine direkte Umsetzung übernimmt.

Wie stellt ihr Qualität, Sicherheit und Wartbarkeit sicher?

Qualität, Sicherheit und Wartbarkeit stellen wir bewusst über klassische und bewährte Mechanismen sicher. Dazu gehören verpflichtende Code Reviews, die unabhängig davon stattfinden, ob der Code von Menschen oder KI erstellt wurde, sowie klare Architekturprinzipien, an denen jede Lösung gemessen wird. 

Zusätzlich setzen wir auf automatisierte und manuelle Tests, um Risiken frühzeitig zu erkennen, sowie auf eine strukturierte Dokumentation, die heute eine noch wichtigere Rolle spielt als früher. Insgesamt entsteht Qualität dabei weniger durch manuelles Programmieren, sondern stärker durch konsequente Bewertung und Kontrolle der Ergebnisse.

Wer trägt die Verantwortung bei Fehlern?

Ganz klar: der Mensch. Wir behandeln KI wie jedes andere Werkzeug und die Verantwortung liegt immer bei dem/der Entwickler:in, der den Code prüft, freigibt und produktiv setzt. Das ist für uns auch ein zentraler Punkt in Richtung Governance: Verantwortung ist nicht delegierbar.

Verändert Vibe Coding die Anforderungen an Entwickler:innen?

Ja, deutlich. Wir suchen weniger reine »Coder:innen« und mehr:

  • Menschen mit starkem Architekturverständnis.
  • Menschen, die Lösungen bewerten können.
  • Menschen, die fachliche Anforderungen gut in technische Lösungen übersetzen.

Prompting ist am Ende nichts anderes als präzise Spezifikation und genau diese Fähigkeit wird immer wichtiger.

Verlernen Entwickler:innen das Handwerk vom Programmieren?

Ich sehe die Gefahr, aber ich würde sie anders einordnen.

Für uns ist klar: Vibe Coding funktioniert nicht ohne tiefes Know-how. Es reicht nicht, ein paar Grundlagen zu verstehen. Unsere Entwickler:innen müssen die Systeme, Architekturen und Zusammenhänge wirklich durchdringen.

Beim heutigen Stand sehe ich es so, dass die Herausforderung sich verschiebt:

  • Die KI liefert Vorschläge, aber die Qualität dieser Vorschläge muss fundiert bewertet werden.
  • Fehler, Sicherheitslücken oder schlechte Architektur erkennt man nur mit Erfahrung und Tiefe.
  • Entscheidungen werden komplexer, nicht einfacher.

Wer nur oberflächliches Wissen hat, läuft Gefahr, scheinbar funktionierenden, aber langfristig problematischen Code zu akzeptieren. Deshalb ist meine Sicht: Vibe Coding ersetzt kein tiefes Engineering, es macht es sogar noch wichtiger.

Die Rolle verändert sich von »Umsetzer:in« hin zum »verantwortliche Architekt:in und Prüfer:in«. Und dafür braucht es mehr Erfahrung, nicht weniger.

Was würdest du jemandem sagen, der heute klassisch programmieren lernt?

Unbedingt dranbleiben, aber: Lerne Programmieren und lerne gleichzeitig, mit KI zu arbeiten. Wer beides kombiniert, hat einen klaren Vorteil, denn er oder sie versteht Probleme wirklich und kann gleichzeitig sehr schnell Lösungen entwickeln und einschätzen.

Was wird in drei Jahren wirklich wichtig gewesen sein?

Ich glaube, drei Dinge werden sich klar herauskristallisieren:

  1. Geschwindigkeit wird zum Standard, denn der Unterschied liegt nicht mehr darin, wie schnell man entwickeln kann.
  2. Bewertung wird zur Kernkompetenz und gute Entwickler:innen erkennt man daran, welche Lösungen sie bewusst hinterfragen oder ablehnen.
  3. Die Kollaboration mit KI wird zum entscheidenden Skill, denn der Unterschied wird nicht mehr nur im technischen Know-how liegen, sondern darin, wie effektiv jemand mit KI arbeitet.

Gerade dieser dritte Punkt wird oft unterschätzt, denn Vibe Coding ist keine Einbahnstraße, sondern ein echter Dialog zwischen Mensch und KI. Dabei geht es darum, Anforderungen präzise zu formulieren, Ergebnisse gemeinsam mit der KI weiterzuentwickeln und durch kontinuierliches Feedback die Lösung Schritt für Schritt zu schärfen. 

Wer diese Art der Zusammenarbeit beherrscht, kann die Möglichkeiten von KI deutlich besser ausschöpfen, während diejenigen, die das nicht schaffen, trotz guter Tools vergleichsweise ineffizient bleiben. Für uns als IT bedeutet das, dass der nachhaltige Wettbewerbsvorteil nicht in der Technologie selbst liegt, sondern in der Fähigkeit, sinnvoll mit ihr zu kollaborieren und daraus die richtigen Lösungen abzuleiten. Genau diese Entwicklung wird sich rückblickend als die eigentlich entscheidende Veränderung herausstellen.

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