Produktdesignerin Tina Bobbe über Fräser mit Radius, Espressomaschinen aus dem Prompt und warum »AI Slop« vor allem ein Handwerksproblem ist.
Bild: Tim Sonntag
KI, Kreativität und »AI Slop«
Jana Reske: Wie siehst du das Verhältnis zwischen menschlicher Idee und KI-Werkzeug in deiner eigenen Arbeit? Würdest du sagen, dass sich »echte« Kreativität im Ergebnis von reinem KI-Rumprobieren unterscheiden lässt, und woran erkennt man das?
Tina Bobbe: Ich finde den Begriff »Kreativität« an dieser Stelle gar nicht so passend. Die KI kann durchaus kreativ sein. Sie kann neue Perspektiven aufzeigen, Assoziationen liefern oder Denkanstöße geben, auf die man allein vielleicht nicht gekommen wäre.
Arbeiten im Kommunikationsdesign, die hauptsächlich durch kurzes KI-Rumprobieren entstehen, wirken möglicherweise weniger konzeptionell durchdacht, sind handwerklich oder gestalterisch nicht bis ins Detail ausgearbeitet und können beliebig erscheinen. Es fehlt eine klare gestalterische Haltung oder eine übergeordnete Idee, die das Projekt zusammenhält.
Im Produktdesign sehe ich deutlich weniger das Phänomen des sogenannten »AI Slop«, denn es entsteht kein reales Objekt allein durch einen Prompt. Zwischen einer ersten Idee und einem fertigen Produkt liegen unzählige Entscheidungen, Skizzen, 3D-Modelle, Prototypen, Materialtests und Abstimmungen.
Für mich ist KI deshalb vor allem ein Werkzeug in den frühen Phasen des Designprozesses. Ich nutze sie als Sparringspartner zum Brainstorming, um Richtungen zu erkunden, Varianten zu entwickeln, Ideen zu hinterfragen oder unterschiedliche Ansätze miteinander zu vergleichen. Das passiert aber sehr gezielt und nicht zufällig. Ich entscheide, wann KI sinnvoll ist und wann nicht. Es ist ein Werkzeug von vielen.
Aktuell wird ja viel über so genannte »AI Slop« gesprochen, also beliebig wirkende, massenhaft erzeugte KI-Inhalte. Wie gehst du persönlich mit dieser Kritik um, gerade weil dein Prozess auch mit KI-Bildern beginnt? Und wie war der Weg von den ersten Experimenten am Bildschirm bis zu einem tatsächlich verkauften, physischen Objekt wie deiner Kaffeemaschine, war dir von Anfang an klar, dass daraus reale Produkte werden?
Als die ersten Arbeiten mit KI auf Instagram viral gegangen sind, gab es natürlich auch viel Kritik. (Es ist ein Hauptmerkmal von viral gehen, dass Hater in die Kommentare kommen.) Inzwischen kommt das aber kaum noch vor. KI ist einfach nicht mehr so neu, dass sie allein schon große Diskussionen auslöst, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. People got used to it.
Als ich damals die Kaffeemaschinen-Serie gemacht habe, war ich wirklich sehr weit von dem Gedanken entfernt, sie in die Realität zu bringen. Ich hatte einfach Spaß an dem digitalen Experiment. Der Wendepunkt kam, als ich einige Monate später die Einladung bekommen habe, die Arbeiten während der Fashion Week in Kopenhagen auszustellen. Da überlegte ich zum ersten Mal, ob ich wirklich nur Bilder ausstellen möchte oder nicht doch Objekte. Und ich beschloss, die ersten Kaffeemaschinen umzusetzen.
Bild: Alexander Fischer
Wie schon beschrieben, der Weg vom KI-Sketch bis zum Objekt ist lang, aber ich liebe ihn.
MidJourney, ChatGPT, Gemini
In früheren Interviews hast du erzählt, dass MidJourney dein wichtigstes Werkzeug ist. Das ist inzwischen etwa ein Jahr her und seitdem haben sich vor allem ChatGPT und Gemini stark weiterentwickelt und wirken inzwischen oft deutlich realistischer als MidJourney. Arbeitest du heute immer noch hauptsächlich mit MidJourney, oder hat sich da etwas verändert?
Ich nutze MidJourney immer noch, vor allem für das explorative Testen von Ideen. Wenn ich Bilder gezielt weiterentwickeln oder verfeinern möchte, arbeite ich meistens mit Gemini.
Grundsätzlich sind diese Tools aber gar nicht mehr so zentral für meine Arbeit wie noch vor ein paar Jahren. Sie sind einfach ein Teil meines Werkzeugkastens geworden. Je nach Aufgabe entscheide ich, ob und welches KI-Tool sinnvoll ist.
Jedes Modell hat ja einen erkennbaren eigenen »House Style«, man sieht ein Bild und ahnt oft schon, mit welchem Tool es entstanden ist.
Promptest du aktiv gegen diesen typischen Look eines Modells an, oder gefällt dir dieser wiedererkennbare Stil eher und du lässt ihn bewusst stehen?
Nein, ich prompte nicht gegen einen typischen Look an. Ich sehe diese verschiedenen Looks auch gar nicht. 😉 Wenn ein Bild mir hilft, ein Konzept zu verstehen, eine Richtung zu testen oder eine gestalterische Möglichkeit zu erkunden, hat es seinen Zweck erfüllt. Der Look ist zweitrangig.
Prozess und Material
Was ist die größte Überraschung, wenn ein KI-generiertes Bild auf die physikalische Realität von Stein, Harz oder Stahl trifft, gibt es Formen, die einfach nicht baubar sind?
Natürlich gibt es Herausforderungen bei der Umsetzung. Sie sind ein spannender Teil des Prozesses. Ein KI-Bild kennt keine Materialeigenschaften, keine Fertigungsprozesse und keine physikalischen Grenzen.
Zum Beispiel hat der pinke Pipe Frame 30 kg gewogen, weil ich ihn aus Stahl und nicht 3D-Druck umsetzen wollte. Das war viel! Für ein anderes Projekt wollte ich unbedingt ausgefräste quadratische Fächer haben. Das ist maschinell aber nicht machbar, weil Fräser haben immer einen kleinen Radius. Also habe ich per Hand die Ecken gefeilt.
Bild: Alexander Fischer
(Ehrlicherweise muss man sagen, dass es egal ist, ob man vorher KI-Tools benutzt oder nicht. In der Umsetzung trifft die Idealvorstellung immer auf die Realität der Fertigung.)
Wie oft scheitert die Übersetzung eines KI-Konzepts in ein produktionsreifes 3D-Modell komplett, und was passiert dann mit der Idee, landet sie in der Schublade oder kommt sie später in anderer Form zurück?
Bisher musste ich so ein Projekt noch nie aufgeben.
Du fertigst deine Objekte konsequent in Deutschland. Wie wichtig ist dir dieses »Made in Germany« als Gegengewicht zum digitalen Ursprung deiner Entwürfe, auch als Statement in einer Zeit, in der Produktion oft ausgelagert wird?
Ich versuche, alle meine Objekte so nah wie möglich produzieren zu lassen, meistens in Dresden und Umgebung. So supporte ich lokale Tischler, Schweißer oder Steinmetze und kann Dinge direkt vor Ort abstimmen. Das ist gerade bei meinen Objekten unglaublich wertvoll.
Außerdem werden fast alle meine Arbeiten made-to-order gefertigt. Das heißt, sie werden erst produziert, wenn tatsächlich eine Bestellung eingeht. So wird nur hergestellt, was wirklich gebraucht wird.
Diese Art der lokalen Fertigung hat allerdings auch einen Nachteil: Sie ist teuer. Dadurch sind meine Objekte für viele Menschen nicht erschwinglich, was ich selbst schade finde.
Deshalb möchte ich in Zukunft auch stärker mit größeren Marken zusammenarbeiten. So kann ich meine Ideen in Objekte übersetzen, die deutlich mehr Menschen erreichen und zu einem günstigeren Preis erhältlich sind.
Manche Designer:innen zeigen inzwischen auch die KI-Bilder selbst als eigenständige Werke, losgelöst vom physischen Objekt. Verkaufst oder zeigst du deine reinen KI-Bilder auch unabhängig vom physischen Objekt, oder sind sie für dich immer nur Zwischenschritt?
Ab und zu experimentiere ich gern und entwickle Bildserien, die gar nicht dafür gedacht sind, später als physische Objekte umgesetzt zu werden. Zum Beispiel bei meiner Serie rund um Autos. Und was die Kaffeemaschinen angeht, wird es auf jeden Fall wieder den Espresso Fantasia-Kalender geben mit zwölf neuen Motiven.
Kinder und kindliche Kreativität
Du hast in mehreren Interviews erwähnt, dass du Mutter zweier kleiner Kinder bist und dein Alltag stark um sie herum strukturiert ist. Kinder gestalten und spielen oft völlig frei, ohne über Machbarkeit, Regeln oder »wie es sein sollte« nachzudenken, sie kennen diese Grenzen einfach noch nicht. Inspirieren dich deine Kinder in ihrer Art, unbefangen und ohne Erwartungen zu gestalten? Nimmst du aus dieser kindlichen Freiheit etwas mit in deinen eigenen kreativen Prozess?
Auf jeden Fall. Kinder gehen unglaublich unvoreingenommen an Dinge heran. Sie überlegen nicht, ob etwas realistisch ist oder ob man etwas »so macht«. Diese Offenheit finde ich total inspirierend und ich versuche, mir davon etwas zu bewahren.
Und beobachtest du bei ihnen manchmal Ansätze von Kreativität, die dich überraschen oder die du in deiner eigenen Arbeit gar nicht mehr für möglich gehalten hättest?
Ja, ständig. Kinder kommen auf Ideen oder Kombinationen, auf die ich selbst nie gekommen wäre oder von denen ich nie gedacht hätte, dass sie gut aussehen. Das ist total faszinierend. Ich versuche diese Offenheit und Spielfreude auch in meiner eigenen Arbeit zu leben.
Forschung und Zukunft
Aus deiner Promotion kennst du die Wissenschaftskommunikation durch Objekte sehr genau. Siehst du KI selbst inzwischen als ein Thema, über das du gestalterisch »kommunizieren« willst, ähnlich wie früher andere Technologien in deiner Forschung?
Ehrlicherweise nein. Meine wissenschaftliche Arbeit und meine heutige Designpraxis sind sehr unterschiedlich und das ist auch völlig in Ordnung.
Ich bin beiden Welten sehr dankbar. Ich war sehr gerne Wissenschaftlerin und die Zeit hat mich geprägt. Gleichzeitig liebe ich meine jetzige Arbeit als Designerin und die Freiheit, die sie mit sich bringt. Im Moment habe ich nicht das Bedürfnis, diese beiden Bereiche inhaltlich miteinander zu verknüpfen.
Denkst du inzwischen auch über KI-generierte Räume oder Umgebungen nach, statt nur einzelne Objekte, also einen Schritt von der Skulptur zur Installation?
Noch nicht. 😉
Du hast promoviert und mehrere Jahre in der wissenschaftlichen Designforschung gearbeitet, bevor du deine eigene Praxis gestartet hast. Könntest du dir vorstellen, noch einmal in die Forschung zurückzukehren, vielleicht sogar mit einem Fokus auf KI und Design? Gibt es eine Frage aus deiner heutigen Praxis, die du gerne wissenschaftlich vertiefen würdest?
Aktuell ist das nicht mein Plan, aber wer weiß was das Leben noch bringt. Aktuell genieße ich es sehr, diese neue Phase meiner Arbeit zu leben und mich ganz auf das Gestalten und Umsetzen von Objekten zu konzentrieren.
Rezeption und Diskurs
Wie reagieren andere Designer:innen oder die Designszene auf die Tatsache, dass ein Teil deines Prozesses mit KI beginnt, gibt es Vorbehalte, denen du regelmäßig begegnest?
Ich würde sagen, dass es inzwischen sehr weit verbreitet ist, das ein oder andere KI-Tool im Designprozess zu nutzen. Selbst vor einigen Jahren habe ich persönlich ausschließlich Offenheit und Neugier erlebt. Außer in der Kommentarspalte bei Instagram.
Was antwortest du Kritiker:innen, die sagen, KI-generierte Ästhetik sei letztlich beliebig oder »nicht wirklich entworfen«?
Ich kann diese Kritik durchaus nachvollziehen. Es ist wirklich beeindruckend, was mit KI-Tools heute möglich ist. Dinge, die früher sehr viel Zeit und spezielle Skills erfordert haben, können plötzlich viel schneller ausprobiert werden.
Gleichzeitig würde ich kritische Designer ermutigen, sich die Zeit zu nehmen, diese Tools kennenzulernen und für sich zu nutzen. Es werden immer neue Werkzeuge auf den Markt kommen, und ich glaube, es ist wichtig, offen zu bleiben und sich damit auseinanderzusetzen.
Über Tina
Tina Bobbe ist eine deutsche Produktdesignerin. Sie ist dafür bekannt, KI-generierte Bilder mit handwerklicher Arbeit zu verbinden, um neue Objekte zu schaffen – insbesondere rund um Espressomaschinen. Inspiriert von den Designströmungen der 80er Jahre in Italien verwandelt Tina Bobbe Alltagsgegenstände in kreative und skulpturale Einzelstücke.
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