0100101110101101.org

„0100101110101101.org“. Zwei der umtriebigsten Netzkünstler, die ihren unaussprechlichen Künstlernamen selbst übrigens mündlich als „01org“ abkürzen, halten Rückblick.



„0100101110101101.org“. Zwei der umtriebigsten Netzkünstler, die ihren unaussprechlichen Künstlernamen selbst übrigens mündlich als „01org“ abkürzen, halten Rückblick.

 

Eva und Franco Mattes, die aus Bologna stammen, sich aber 1994 in Madrid trafen, haben wilde Geschichten zu erzählen – von einem Nomadenleben, bei dem sie jahrelang nicht länger als eine Woche am selben Ort verbrachten, von LSD-Trips und Marihuanakeksen und vor allem natürlich von Kunstprojekten, die die Provokation aufs Äusserste treiben. So lancierten sie 1998 unter Vaticano.org eine gefakte Vatikan-Website und setzten im gleichen Jahr Gerüchte um den mysteriösen Darko Maver in Umlauf, angeblich ein auf grausam verstümmelte Kunststoffpuppen spezialisierter serbischer Underground-Künstler, über den 1999 auf der Biennale in Venedig sogar eine Dokumentation zu sehen war. Erst im nächsten Jahr outeten sich 0100101110101101.org als Schöpfer dieses Schwindels – 2001 wurden sie daraufhin ganz offiziell auf die Biennale eingeladen. Wahrheit sei nur ein Mangel an Vorstellungskraft, erklären Eva und Franco Mattes.

Weitere Aktionen waren der Klau von Websites wie jener der Netzkunstgalerie Hell.com, die sie auf ihrer eigenen Site publizierten, oder das Projekt „Life Sharing“, bei dem sie drei Jahre lang ihren Computer online für jedermann zugänglich machten. Einen ihrer bekanntesten Coups landeten sie 2003 mit „Nike Ground“: Auf dem Karlsplatz in Wien bauten sie einen schicken Pavillon auf, der darüber informierte, dass Nike angeblich den Platz gekauft habe, ihn in Nikeplatz umbenennen und mit einem 36 Meter großen Swosh versehen wolle. Natürlich gab das eine Menge Ärger… Es handelt sich also um durchaus unterhaltsame Lektüre, die aber auch zu denken gibt. Nicht wenige Projekte nehmen auf visionäre Weise Entwicklungen vorweg, die wir heute alle erleben – „Life Sharing“ etwa lässt ans Web 2.0 denken, über das wir freiwillig unser Privatleben vor aller Welt entblössen, Fakes sind ein gängiges Mittel viraler Werbung. Übrigens haben Eva und Franco Mattes nichts gegen Ideenklau durchs Marketing – dies sei nur ein weiterer Weg, ihre Konzepte sichtbar zu machen.

 

Bild oben: Darko Maver starb angeblich 1999 im Gefängnis von Podgorica in Montenegro – das Foto schossen die Mattes in ihrer Wohnung in Bologna

 

Der zur Biennale von Venedig lancierte Computervirus Biennale.py und Symantecs Norton AntiVirus liefern sich auf der „Perpetual Self Dis/Infecting Machine“ einen endlosen Kampf

Eva and Franco Mattes: 0100101110101101.org. Mailand (Charta) 2009, 243 Seiten. 29 Euro. 978-88-8158-726-1


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