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Siebert-Kolumne: Der Sinn von Design-Awards

Sollten Designer überhaupt an Awards teilnehmen, fragt unser Kolumnist Jürgen Siebert.

Jürgen siebert, Sieberts Fundstücke
© Foto: Norman Posselt

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen« ist wohl das bekannteste Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno, unter dem Eindruck des faschistischen Terrors in Europa zwischen 1944 und 1947 im US-Exil verfasst. »Für bare Münze genommen, wäre das ein rein zynischer Satz«, schreibt Martin Seel, denn: »Er liefe auf die Ausrede hinaus, da die Möglichkeit eines richtigen Lebens nun einmal verstellt sei, sei es ganz gleichgültig, wie man sein Leben gestalte. Adorno aber meint das Gegenteil. (. . .) Auch wenn ein im Ganzen richtiges Leben unmöglich ist, so ist es für ein unverblendetes Dasein äußerst wichtig, sich den Sinn für das Richtige nicht abkaufen zu lassen.«

Diese Denkfigur Adornos lässt sich auch auf ganz andere Themenfelder übertragen, etwa auf Designwettbewerbe. Sie sind ein schmutziges Geschäft. Der große Kommunikationsdesigner und Hochschullehrer Olaf Leu bezeichnete sie noch im Sommer 2016 als »Bluff« und »Trickserei«. Die Awards seien zur Geschäftemacherei mutiert, und das Ausgezeichnete habe in der Regel nichts mit Qualität zu tun. Doch wie be­lastbar sind die Argumente gegen die Designpreise?

Wenn es um Gerechtigkeit geht, stehen sie anderen Ehrun­gen wahrscheinlich in nichts nach, vom Architektur- bis zum Filmpreis. Dass solche Initiativen Geld benötigen, um ins Laufen zu kommen und zu überleben, hat nicht zuletzt der von Juli Gudehus initiierte Ehrenpreis für Gestaltung gezeigt, dem es an Finanzmitteln mangelte. Bleibt die Frage der Moral. Keiner der Design­wettbewerbe, die ich kenne, behauptet von sich, sein Geschäft mit einem höheren ethischen Anspruch zu betreiben als andere Unternehmen. Ja, das (falsche) Wirtschaftsleben ist ungerecht, teuer, kapitalistisch. Da sich professionelle Designer und De­signbüros in diesem Leben eingerichtet haben, können sie es selbstverständlich kritisieren, aber nicht ignorieren.

Designwettbewerbe liefern etwas, das der Designbranche selbst noch nicht gelungen ist: Orientierung für die Auftraggeber von Designleistungen

Gestaltungswettbewerbe liefern etwas, das der Designbranche selbst noch nicht gelungen ist, trotz der Interessenverbände: Orientierung für die Auftraggeber von Designleistungen. Welches Designbüro ist das richtige für mich? Vor einer solchen Frage stehen wir auch im Privaten, wenn es um Dienstleistungen geht … vom Schlüsseldienst bis zum Friseur. Oft folgen wir Empfehlun­gen von Freunden. Oder es gibt Testberichte, die uns bei der Ent­scheidung helfen. Während uns allen, die in der Kreativbranche arbeiten, die Landschaft der Designindustrie vertraut ist – wir kennen die großen und die kleinen Agenturen, die teuren, die preiswerten, die spezialisierten, die Alleskönner und die Hid­den Champions – fehlt den Außenstehenden jede Orientierung auf diesem Gelände. Also verlassen sie sich auf Emp­fehlungen und Be­wertun­gen. Die goldenen Medaillen, Nägel und Stifte der Awards funktionieren wie die Note »sehr gut« der Stiftung Warentest.

Gemäß Adornos Leitsatz liegt es letztlich an jedem einzelnen Designer oder Designbüro, für sich selbst das Richtige in diesem falschen Wettbewerbsleben zu tun. Es zu ignorieren oder zu boy­kottieren ist vielleicht die schlechteste aller Optionen.

Wie sich die Designbranche unabhängig vom Award-Business machen könnte, hat der Designberater Joachim Kobuss in seiner »Kritik der wirkungsunscharfen Vernunft« dargelegt: weg von der »Verarsche«, hin zur Kommunikation der eigenen Stärken: »Wenn sich (die Branche) differenzierter als Architektur-, Produkt-, Kommunikations-, Service- und Sozio-Designer klassi­fiziert, die volkswirtschaftlich relevanten Übertragungseffekte (Spillover) definiert, die Innovationsrelevanz von De­sign beweist und professionell kooperiert – dann kämen wir wei­ter.« Sein positives Fazit: Politisch gesehen seien die Chancen zurzeit gut, weil einiges in Bewegung ist. Klingt nach: Es gibt ein richtiges Designleben im falschen.

Produkt: Mustervertrag: Geschäftsführervertrag
Mustervertrag: Geschäftsführervertrag
Mustervertrag von Kolonko Rechtsanwälte (Frankfurt) aus GWA-Ausgabe des Buches »Verträge mit Kommunikationsagenturen«

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Lieber Herr Posselt,

    Herzlichen Dank für diesen Artikel, der das moralische Dilemma von Designwettbewerben in einigen Facetten beleuchtet. Wenn ich Ihnen nun berichte, dass es tatsächlich einen internationalen Designverband gibt, der einen beitragsfreien Design Wettbewerb auslobt, klingt das nach ihrem Artikel fast schon dubios. Daher nutze ich hier die Gelegenheit, um Sie und alle Kommentar-Leser*innen mit diesem einzigartigen und professionell aufgezogenen Preis bekannt zu machen. Natürlich in der Hoffnung auf einen erfolgreichen „Spillover“ und als Beweis der Innovationskompetenz, sogar im Bereich der Design Preise;-)

    Der „iphiGenia Gender Design Award“ zeichnet seit 2017 weltweit hervorragende Design-Projekte, Initiativen und Unternehmen aus, die in innovativer Weise Genderfragen in ihrer Gestaltung berücksichtigen. Der Preis belohnt Design-Arbeiten, die Stereotype hinterfragen, Gender-Perspektiven neu denken und die Tabus thematisieren, und das alles in hervorragender gestalterischer Herzlichst, Ina von Rumohr, Designunternehmerin und Vorstandsmitglied des international Gender Design Network e.V.

    Ausgelobt vom internationalen Gender Design Network e.V. wird der Preis jährlich im Museum für angewandte Kunst in Köln MAKK verliehen. Ausschließlich mit der finanziellen Unterstützung durch Vereins Mitglieder und lokale Sponsor*innen organisieren die Kölner Aktivistinnen des Vereins ausnahmslos ehrenamtlich, also unbezahlt und in ihrer Freizeit, diese Preisverleihung.

    Die Teilnahme ist für die Bewerber*innen kostenfrei, inhaltliche Kriterien sichern die Qualität der Einreichungen. Zudem unterstützt ein ehrenamtliches Empfehlungskomitee aus internationalen renommierten Gender- und Design Expert*innen den Award mit Einreichungen. Die fünfköpfige personell wechselnde Jury besteht aus Vereinsmitgliedern und einem Gast.

    Die Gewinner*innen erhalten ihren Preis, eine handgefertigte Porzellantrophäe mit hochwertigem Objekt-Charakter samt Zertifikat bei der jährlichen Preisverleihungsferiet mit Gästen im Museum für angewandte Kunst in Köln. Sie haben dort Gelegenheit, ihre Arbeit auf großer Bühne dem Publikum vorzustellen. Die Organisator*innen sorgen zudem für die Erwähnung in der internationalen Presse und Öffentlichkeit, Die Verwendung des Logos als Referenz ist für die Preisträger kostenfrei. Der Aufenthalt der Gewinner*innen in Köln beinhaltet zudem ein Dinner mit allen Organisator*innen, der Jury, Sponsor*innen, Hotelunterkunft und bei Bedarf Unterstützung bei flankierenden Veranstaltungen in Köln und Deutschland. Einzig die An- und Abreise müssen die Preisträgerinnen selbst bewerkstelligen.

    Von seinen Initiator*innen wird der Award liebevoll „iphi“ genannt, allein dies dürfte nun spätestens verdeutlichen, wie sehr er den Initiator*innen eine Herzensangelegenheit ist.

    Sie wollen mit ihrem Engagement erreichen, dass möglichst viele Designschaffende die relevanten Gender-Themen in ihren Designprozessen berücksichtigen. Das große Ziel: Gleichheit und Gerechtigkeit in Bezug auf das soziale Geschlecht kann durch die Design-Artefakte und -Leistungen, die wir Designer in die Welt bringen, vorangetrieben werden. Wenn nicht dies, was dann würden Sie einen höheren ethischen Anspruch nennen?

    Möchten Sie mehr zu diesem Award erfahren?
    https://iphi-award.org/

    Zum international Gender Design Network finden Sie hier mehr Informationen:
    http://genderdesign.org/

  2. Gehts noch komplizierter und verkopfter?

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