Das Geheimnis des Peter Breul

Ein Interview mit Peter Breul, Art-Direktor der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die 2012 zum fünften Mal als »World’s Best-Designed Newspaper« ausgezeichnet wurde.



Bild F.A.S

Ein Interview mit Peter Breul, Art-Direktor der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die 2012 zum fünften Mal als »World’s Best-Designed Newspaper« ausgezeichnet wurde.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung wurde in diesem Jahr von der Society for News Design zum fünften Mal als »World’s Best-Designed Newspaper« ausgezeichnet. Damit gehört die F.A.S. zu den Zeitungen, die in der Welt des internationalen News Design immer wieder höchste Anerkennung finden. Gestaltet wird die F.A.S. von Peter BreulArt-Direktor und Chef eines Teams aus fünf fest angestellten Designern und 18 freien Illustratoren.

Bild: Peter Breul © FAZ

Peter Breul (Jahrgang 1954) steht in der Tradition herausragender Art Direktoren und Designer in Deutschland. 1986 begann Peter Breul als Grafik-Designer bei dem in Deutschland legendären »F.A.Z.-Magazin«, dessen gestalterische Leitung er ab 1994 als Art-Direktor übernahm. Bei der F.A.S. ist er seit ihrem ersten Erscheinungstag im Jahr 2001 als Art Direktor für das gleichbleibend hohe gestalterische Niveau verantwortlich.

Was ist das Geheimnis von Peter Breul? Wie kann es sein, dass ein Art-Direktor so konsequent und konstant auf einem so hohen Level arbeitet?

Peter Breul empfängt mich für unser Interview in seinem Büro im Redaktionsgebäude der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das hereinfallende Sonnenlicht lässt die SND-Trophäen der vergangenen Jahre funkeln. Es stehen dort übrigens nicht nur SND-Awards – man honoriert Peter Breuls Arbeit auch anderenorts. Seine Arbeit ist außerordentlich geschätzt.


Stefan Knapp: Herr Breul, Sie haben sehr viele Designpreise gewonnen – in diesem Jahr wurde die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bereits zum fünften Mal als »World’s Best-Designed Newspaper« ausgezeichnet. Verraten Sie mir Ihr Erfolgsgeheimnis?

Peter Breul: Ich weiß gar nicht, ob das ein so großes Geheimnis ist. Wir gehen einfach mit der nötigen Ernsthaftigkeit an die Sache heran und haben gleichzeitig großen Spaß an unserer Arbeit. Wichtig ist es, in einem Team zu arbeiten, in dem gegenseitiges Vertrauen herrscht. Die schreibenden Kolleginnen und Kollegen wissen genau, dass sie bei uns in guten Händen sind.

SK: Und wie würde Sie Ihren gestalterischen Anspruch oder Ihre Vision bei der täglichen Arbeit formulieren?

PB: Eine Vision? Ich halte mich offen gestanden nicht für visionär und wenn, dann nur auf gewissen Gebieten. Ich habe natürlich einen sehr hohen gestalterischen Anspruch an mich selbst, an meine Kollegen und stelle diesen auch immer wieder in Frage. Dazu muss man auch immer wieder die eigene Arbeit und die der anderen kritisch beurteilen, aber nur so verbessert man sich und kommt schließlich zu einem akzeptablen Ergebnis.

SK: Haben Sie dabei schon den Leser im Blick?

PB: Wir respektieren den Leser. Und wir wissen genau, dass wir ihm Qualität schulden – inhaltlich und gestalterisch – bei den Fotos, den Illustrationen und den Texten. Dazu haben wir uns verpflichtet. Aber wir machen keine Zeitung mit der Überlegung, was der Leser wohl haben möchte, sondern wir spielen Sonntag für Sonntag ein Spiel, von dem wir hoffen, dass der Leser es mitspielt, dass er sich darauf einlässt und Freude daran hat. Und ich glaube, das ist uns in den zehn Jahren recht gut gelungen. Das ist in Wirklichkeit das Erfolgsgeheimnis der F.A.S..

SK: Das heißt, Sie machen ein Angebot, das interessierte Menschen annehmen und versuchen nicht, irgendwelchen Trends nachzueifern?

PB: Genau. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Es ist schon erstaunlich, wie viele Zeitungen und Magazine in etwa zeitgleich über das Burn-out-Syndrom berichtet haben. Manche Kollegen fragen sich, was liegt in der Luft und was könnten unsere Leser von uns wollen. Das finde ich in der Tat eine falsche Herangehensweise.

SK: Sie möchten Trends vorgeben? 

PB: Das Wort »Trends« trifft es nicht. Wir möchten Themen setzen!

Bild Peter Breul

Bild: F.A.S


SK: Um nochmals auf den Anspruchsaspekt zurückzukommen: Was ist denn Ihr gestalterischer Anspruch bei diesen Themen?

PB: Mein gestalterischer Anspruch ist es, dem Thema gerecht zu werden. Mit der Art und Weise der Visualisierung, der Gestaltung, der Bebilderung. Ich habe zunächst nicht nur die ästhetische Gestaltung im Sinn, sondern zunächst ist mein Anspruch an mich, das Thema zu verstehen. Dann erst entsteht das Layout. Und das immer dem Thema angemessen. Ich kann kein witziges Layout machen zu einer bierernsten Geschichte oder umgekehrt. Das Thema und die Bilder geben die Gestaltung vor. Die Bilder sagen mir, wie sie auf der Seite stehen wollen und müssen – ob klein, ob groß und so weiter. Nicht ich bestimme den Bildern, wie sie auf die Seite müssen, sondern die Bilder müssen es mir sagen.

SK: Wie bitte?

PB: Und wenn die das nicht tun, dann sind es schlechte Bilder! (Peter Breul schmunzelt).

SK: Heißt das, man kann aus schlechtem Material nichts machen?

PB: Ich kann auch aus schlechtem Material ein flottes Layout machen, aber das wird nicht wirklich überzeugend sein. Wir haben natürlich auch Pflichtmaterial – Fotos, bei denen die aktuelle Nachricht im Vordergrund steht. Es ist aber schon richtig, dass man höchsten Wert auf die Visualisierung legen muss:  welche Fotos nehme ich – welche Illustratoren setze ich ein – welche Illustrationen wähle ich letztendlich aus? Lass ich Studioaufnahmen machen? All das muss genau durchdacht werden, um das beste Bildmaterial zu bekommen.

SK: Das führt auch schon zum kreativen Prozess Ihrer Arbeit? Sie haben das Thema und dann geht’s los?

PB: Die Umsetzung entsteht nicht nur aus mir. Wir haben ja eine sehr gute Bildredaktion mit einem hohen Verständnis für die Materie. Die Illustratoren erhalten erst einmal völlige Freiheit von mir. Manchmal, bei schwierigen Themen – zum Beispiel Finanzthemen – hole ich das Feedback der schreibenden Kollegen ein.

SK: Wer entscheidet dann über das Layout? Wird es noch jemand präsentiert oder ist das, was Sie sagen, gestalterisches Gesetz?

PB: Es kommt darauf an. Wenn ich mir sicher bin, dass das Thema zur Gänze verstanden ist, dann kann ich auch beurteilen, ob die Bebilderung und die Gestaltung die richtige ist. Das liegt in meiner Entscheidung. Wenn ich das Thema nicht ganz verstanden habe oder es um komplizierte Sachverhalte geht, dann brauche ich die Hilfe der Ressorts und der schreibenden Kollegen und dann geht es wieder los mit Fragen, Diskutieren und Perspektivenwechsel.

SK: Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Was inspiriert Sie?

PB: Was mich inspiriert, weiß ich manchmal auch nicht so genau. Ich denke viel über die Themen nach. Es dauert schon eine Weile. Ich nehme mir soviel Zeit wie nötig und möglich, um mich mit dem Thema vertraut zu machen. Ich glaube, ich erarbeite mir diese Inspiration. Sie fällt nicht vom Himmel. Sondern sie kommt durch intensives Nachdenken, Querdenken, Ausprobieren. Ich muss vieles auch einfach mal machen, um sehen zu können, ob es stimmig ist. Und immer wieder erneut die Frage: Ist es gut oder ist es schlecht, was ich da mache? Würdigt die Kreation das Thema?

SK: Heißt das, Ihre Kreativität hat viel mit dem Verstehen und Durchdringen des Themas zu tun? Würden Sie sagen, dass das ein Tipp oder eine Anregung für Berufsanfänger und für Studenten sein kann: Dinge zu verstehen und – vielleicht etwas provokanter formuliert – gegen die Oberflächlichkeit zu sein? Erst durch das Verständnis der Welt entsteht gutes Design …

PB: Verständnis der Welt würde ich nicht unbedingt behaupten wollen, aber Verständnis der Themen in jedem Fall. Es reicht nicht, nur drumherum eine schicke Gestaltung zu machen. Kann sein, dass man Glück hat und alles gut aussieht, aber ich glaube, im Laufe der Jahre spürt man, ob jemand sich mit den Themen wirklich auseinandersetzt.

Bild F.A.S

Bild: F.A.S.

SK: Wie sehen Sie den Beruf des Zeitungsdesigners? Muss ein Zeitungsdesigner politisch sein? Sind Sie ein politischer Mensch?

PB: Ich bin durchaus ein politischer Mensch. Aber ich glaube nicht, dass ein Zeitungsdesigner politisch sein muss. Er muss sich für Politik, Wirtschaft und die Dinge in unserer Gesellschaft interessieren. Er muss ein tiefes Einfühlungsvermögen für die Themen mitbringen, die wir am Sonntag drucken wollen.

SK: Die SND-Jury ist in ihrem Statement voll des Lobes: »Excellent portrait photography, superb photo editing, brilliantly crafted illustrations«. Kurzum: eine der »world’s most high-end newspapers«. Der F.A.S. wird sogar Humor bescheinigt. Es sieht so aus, als würden Sie eine perfekte Zeitung machen. Gibt es da eigentlich noch irgendetwas zu verbessern?


PB: Ja, eigentlich in jeder Ausgabe. Ich meine das weniger grundsätzlich, sondern vielmehr gibt es in jeder Ausgabe Seiten, bei denen ich im Nachhinein sagen würde, das hätten wir besser machen können – besser machen müssen. Das ist wohl der Preis des Umfangs der Zeitung und der Geschwindigkeit, in der wir sie produzieren. Ich habe Spaß an unserem Produkt und freue mich, wenn sie am Sonntag ausgeliefert wird und im Briefkasten liegt. Es lässt sich natürlich alles verbessern. Das versuche ich auch auf meinem Gebiet. Ich versuche, den Kreis der Fotografen und der Illustratoren zu vergrößern – einen anderen Strich, einen anderen Blick auf die Dinge zu haben, um noch mehr Abwechslung reinzubringen. Vielleicht auch mal etwas Provokanteres darzustellen.

SK: Stichwort Ausbildung: Welche Talente sollte ein Mitarbeiter in Ihrem Team mitbringen?

PB: Was alle im Team mitbringen, ist ein besonderer Blick und die Sensibilität für Typografie. Obwohl unsere Typografie natürlich eingeschränkt ist, da wir nur zwei Schriften verwenden, aber mit Typografie meine ich ganz konkret: Wie läuft diese Überschrift – ist der Zeilenfall gut – bei dem Flattersatz – bei dem Vorspann – bei den Bildzeilen – uns so weiter. Nicht der Textrahmen gibt den Zeilenfall vor, sondern der Gestalter. Wichtig ist die Sorgfalt und die Wahrnehmung, das Sehen.

SK: Wie verändert sich das alles mit iPad und Web?

PB: Das iPad finde ich einerseits total faszinierend, weil es ja eigentlich eine Form des Printlayouts ist. Es wird mit den gleichen Layoutprogrammen erstellt wie Magazine, nur dass man die interaktiven Möglichkeiten hat. Zu Anfang habe ich nur die Vorteile des iPads gesehen, doch im Moment sehe ich die Vorteile bei der gedruckten Zeitung. Sie ist deutlich überlegen.

SK: Inwiefern?

PB: Man kann mit dem iPad nicht hierarchisieren. Das Display ist viel zu klein. Man kann einfach keine Dramaturgie in Größen erzeugen. Die neuen Technologien erfordern eine andere Rezeption der Dinge. Darum ist das Konzept der gedruckten Zeitung auch nicht ohne weiteres auf das iPad übertragbar.

SK: Wie sehen Sie überhaupt die Zukunft der Zeitung?

PB: Ich habe keine Vorstellung davon, wie sich die Technologie in den kommenden fünf bis zehn Jahren weiterentwickeln wird. Das iPad ist ja gerade mal zwei Jahre auf dem Markt. Und das ist erst der Anfang zu dem, was in den nächsten Jahren kommen wird. Im Vergleich dazu wird das heutige iPad eine ziemliche Krücke sein. Im Moment halte ich die iPad-Versionen der Zeitungen nicht für besser als die gedruckten Version. Ich weiß aber nicht, ob sich das nicht einmal ändern wird. Deswegen ist es für uns auch wichtig, dass wir uns ein Know-how aufbauen, dass wir die Infrastruktur haben, dass wir elektronische Produkte selbst erzeugen können, und nehmen dabei aber in Kauf, dass wir noch keine großen Erlöse erzielen. Wir glauben, dass sich durch den Wandel der Technologie im Laufe der Zeit auch ein Wandel in der Akzeptanz der elektronischen Zeitung einstellen wird. Vielleicht kann man das »Zukunfts-iPad« dann zusammenfalten und wenn man irgendwo draufdrückt, ist es wieder so groß wie die Sonntagszeitung.

SK: Wie sehen Sie das persönlich mit den Formaten? Je kleiner, desto begrenzter?

PB: Ja, natürlich. Für mich als Gestalter ist das große, das Nordische Format ein unglaublicher Vorteil. Dass ich diese riesigen »Plakate« gestalten kann, ist wunderbar. Ich kann wirkliche gestalterische Kontraste schaffen.  Je kleiner das Format ist, desto eingeschränkter sind meine Möglichkeiten.

SK: Sind nur die Möglichkeiten eingeschränkt oder hat das auch etwas mit Kreativität zu tun?

PB: Man muss umdenken – es nutzt alles nicht – Zeitungen werden immer magazinartiger. Ein klassisches, spaltiges Zeitungslayout ist da kaum noch durchzuführen. Fürs iPad gilt das noch viel extremer.

SK: Dann wäre es doch an der Zeit, das F.A.Z.-Magazin neu aufzulegen …

PB: Auf dem iPad? (Peter Breul lacht.) Vielleicht! Das Know-how haben wir ja jetzt.

SK: Herr Breul, noch eine abschließende Frage: Ihr Traum von einer Zeitung. Oder besser formuliert: Was würden Sie gerne einmal gestalten?

PB: Das wissen Sie doch! Die Sonntagszeitung, aber eine ganz spezielle. Mein Traumprojekt ist eine Ausgabe der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die vollständig aus Illustrationen besteht. Aber mehr verrate ich nicht.

SK: Das klingt nach einem typischen Peter Breul. Ich bedanke mich sehr für das Gespräch.


Das Interview mit Peter Breul führte Stefan Knapp, Regionaldirektor der Society for News Design


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