»Bilder zwingen einen dazu, konkret zu werden«

Graphic Recording ist die große Schwester der Sketchnotes. Hier werden live und in Farbe Konferenzen oder Unternehmensevents gescribbelt. Im Interview erzählt Graphic Recorderin Anna Lena Schiller aus Hamburg, wie sie beim Zeichnen vorgeht und worin die größten Schwierigkeiten bestehen.



Graphic Recording hat Anna Lena Schiller zum Beruf gemacht. Erst in Berlin, heute in Hamburg mit dem Büro Riesenspatz. Das vierköpfige Team übernimmt visuelle Live-Dokumentationen von Konferenzen oder Unternehmensevents, veranstaltet Workshops und realisiert Erklärfilme und handgezeichnete Infografiken im Kundenauftrag. Mal großflächig mit Papier und Stift, mal mit Sketch oder Draw auf dem iPad. Wir sprachen mit Anna Lena Schiller über die Technik des Graphic Recording, die Vorteile des visuellen Denkens – und darüber, ob das wirklich jeder lernen kann.

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Simultanübersetzer hatten schon immer meine größte Hochachtung. Zuhören, dann schnell übersetzen und dabei schon dem nächsten Satz konzentriert folgen. Ist dein Job damit vergleichbar?

Anna Lena Schiller: Schon. Wir übersetzen Sprache in Bilder und Text. Manchmal kann man Formulierungen eins zu eins nehmen, ein tolles Zitat zum Beispiel. Oder ich transferiere Sätze wie »Diesen Berg müssen wir jetzt besteigen« in eine Skizze von zwei Bergsteigern, die sich unterhalten. Dabei muss ich natürlich die ganze Zeit voll konzentriert sein und erst einmal herausfinden, um was für einen Typ von Sprecher es sich handelt.

Welche gibt es denn?

Hauptsächlich zwei: denjenigen, der seine Listen oder seinen Text runterrattert – da muss man einfach versuchen hinterherzukommen –, dann den Geschichtenerzähler, dessen Vortrag einen Spannungsbogen, vielleicht auch schöne Metaphern hat. Allerdings muss man bei ihm manchmal minutenlang warten, bis die Auflösung kommt. Im Laufe der Zeit lernt man jedoch, verschiedene Hörmuster zu etablieren – zum Beispiel ein inhaltliches oder eher strukturelles – und entsprechend zu visualisieren.

Wie detailliert dürfen die Zeichnungen sein?

Man entwickelt ein Gefühl dafür, was man mitnehmen kann. Für den Notfall habe ich immer einen Stapel Post-its neben mir liegen. Bei Sprechern, die sehr schnell oder sehr umständlich reden, notiere ich mir ein Wort oder zwei für später. Wenn man die Notfall-Post-its aber dauernd nutzt und zwei Stunden nach dem Event noch zeichnet, waren es zu viele Details.

Übergibst du den Firmen und Konferenzveranstaltern am Ende dann einfach ein paar Quadratmeter Skizzen?

Manchmal ist das Graphic Recording so auf den Punkt, dass ich es eins zu eins übergeben kann. Dann wieder ist es nur ein Zwischenstand, den ich weiter ausarbeite, indem ich zum Beispiel noch eine Botschaft herauskristallisiere oder etwas umstelle. Es kann sehr spannend sein, wenn man nicht nur zeichnerisch übersetzt, sondern Prozesse begleitet. Das geht dann oft schon in Richtung Beratung. Ich denke, speziell dieser Bereich wird noch wachsen. Weil Bilder einfach dazu zwingen, konkret zu werden. Dieses ganze Bla und Blubb aus der durchschnittlichen PowerPoint-Präsentation können viele Menschen nicht mehr hören.

Zeichnest du beim Graphic Recording immer mit Stiften auf Papier?

Wir machen alles. Klassisch großformatig mit Papier und Stiften; sind die Flächen richtig riesig, sprühen wir auch schon mal. Genau so gut kann das Graphic Recording auf dem iPad mit Sketch und Draw stattfinden.

Was machst du lieber?

Das ist mir völlig egal, ich wechsle ganz gerne mal. Das iPad klickt immer noch so, das ist kein wirklich natürliches Zeichnen. Die Technik ist aber die gleiche, auch wenn man bei der Visualisierung etwas anders vorgeht: Digital kann ich zum Beispiel einfacher mit Flächen arbeiten oder Dinge überlagern. Dafür sieht man, wenn man hineinzoomt, nicht mehr das ganze Bild.

Ist Graphic Recording nicht auch gerade ein schöner Bruch zum allgegenwärtigen Digitalen? Finden es Auftraggeber nicht besser, wenn tatsächlich jemand ein paar Stifte in die Hand nimmt und loslegt?

Einerseits schon. Andererseits macht es auch einfach Spaß, mal etwas Neues auszuprobieren, wie kürzlich das VR Graphic Recording. Da haben wir zusammen mit der Programmiererin Stefanie Doll ein Graphic Recording mit WebVR in den Browser eingebaut, sodass man es mit einer VR-Brille mehrdimensional erleben konnte (siehe hier). Das war ein cooles Erlebnis und spannend zu sehen, wie sich mit der Virtual Reality noch eine Schicht über das Graphic Recording legen lässt. Wenn man sich dieses etwa nach einer Konferenz anschaut und dann sagen kann: In den Vortrag möchte ich noch mal reingucken oder zu dem Begriff hätte ich gerne den Wikipedia-Artikel.

Widerspricht das nicht der Aufgabe des Graphic Recording, komplexe Inhalte herunterzubrechen?

Tatsächlich führen solche Experimente von der Reduzierung weg, das Ergebnis wird komplexer. Das muss man natürlich wollen.

Du selbst hast an der Kaospilot Universität im dänischen Aarhus Unternehmertum und Design studiert. Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Wir haben sehr viel mit Kreativitätstechniken gearbeitet und wurden stets aufgefordert, sorgfältig Notizen zu machen. Gerne auch visuell. Ich bin also eher zufällig hineingestolpert. Das Gute an dem Thema Graphic Recording oder Sketchnotes ist, dass es sich in sämtliche Bereiche transferieren lässt. Es ist nicht ausschließlich für Designer und Illustratoren gemacht, sondern für alle Menschen, die Lust haben, visuell zu denken und das in ihren (Arbeits-) Alltag einzubauen.

Kann wirklich jeder visuelles Denken und Graphic Recording lernen?

Ich denke, ja, aber es braucht etwas Übung. Auf jeden Fall sollte man zunächst mit Sketchnotes beginnen, die ja aus ganz reduzierten Formen bestehen. Das ist schnell zu lernen.

Aber was ist mit der Übersetzung von Sprache in Bilder?

Das sind im Grunde zwei getrennte Disziplinen. Einerseits geht es darum: Wie zeichne ich das Gehörte, und zwar so schnell, dass ich es live machen kann? Und andererseits: Wie höre ich eigentlich, wie hole ich das Wesentliche aus einem Vortrag? Man kann inhaltlich zuhören oder strukturell, man kann die Metaphern heraushören oder Stimmungen aufnehmen, zum Beispiel wenn jemand im Publikum lacht. Das Wichtigste: Es gibt keine objektive Wahrheit, was unbedingt ins Graphic Recording hineinmuss. Was bei einem selbst Resonanz erzeugt, ist das Richtige. Und dann kommt noch die eigentliche Übersetzungsleistung, für Gehörtes und Gefiltertes Bilder zu finden. Das funktioniert ähnlich wie das Erlernen einer Sprache.

Du konntest anfangs gar nicht zeichnen?

Nee, wirklich nicht. Strukturiert denken konnte ich schon immer ganz gut, und strukturiertes Zuhören habe ich in meinem ersten Studium – Musikwissenschaften – gelernt. Für mich war es anfangs super hilfreich, dass Sketchnotes auch nur aus Text bestehen können. Jeder sollte sich anfangs auf das konzentrieren, was ihm leichtfällt, und seinen eigenen Einstieg in das Thema finden.

Ist »Graphic Recorder« ein neues Berufsbild?

Es ist einfach nur eine Erweiterung des Illustratorenberufs, aber der visuelle Denker ist schon ein neues Berufsbild. Es braucht Leute, die in Bildern, Konzepten und Strukturen denken können, das ist schon eine wahnsinnig tolle Fähigkeit, die man überall anwenden kann.

Welche Ausbildung ist da zu empfehlen?

Viel wichtiger als ein spezielles Studium ist ein Verständnis dafür, wie ich Informationen herunterbrechen und visualisieren kann. Und die Schnelligkeit. Die fehlt vielen klassischen Illustratoren. Dann bleibt eigentlich nur noch die Frage: Ist es leichter zu lernen, schneller zu werden, oder, wenn man schon schnell denken kann, sich das Zeichnen beizubringen? Das muss jeder für sich beantworten.

 

 

Für SRF (Schweizer Radio und Fernsehen ) zeichnete Anna Lena Schiller ein großformatiges Graphic Recording zum Thema »Neue Märkte«, hier ein kleiner Ausschnitt.


Noch viel mehr zum Thema Scribbeln können Sie in der Titelgeschichte der PAGE 12.2017 lesen.


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