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»Jeder Tag ohne Excel-Tabelle ist ein guter Tag«

Bernhard Lukas, Managing Director bei Scholz & Friends, macht einen ungewöhnlichen Schritt: Er gibt seinen Geschäftsführer-Posten auf und konzentriert sich wieder auf das, was ihm Spaß macht: die Kreation.

Bernhard Lukas
Bernhard Lukas

Eine Fachkarriere auf der gleichen Stufe mit einer Führungskarriere – das ist nach wie vor selten bis unmöglich in der deutschen Agenturlandschaft. So langsam kommt aber Bewegung in die Thematik. Immer mehr Agenturen wollen ihren Mitarbeitenden maßgeschneiderte Berufswege anbieten. Wer keine Führungsaufgaben übrnehmen möchte, sollte nicht dazu gezwungen sein, um aufzusteigen – so das Ziel.

Auch Scholz & Friends kündigte in einem Aktionsplan 2020 an, ein neues Führungskräfteprinzip zu etablieren, das einen Excellence- und einen Executive Track vorsieht. Dies nahm Managing Director Bernhard Lukas zum Anlass, mit gutem Beispiel voran zu gehen: Er legt seinen Geschäftsführerposten ab, um sich wieder voll und ganz der Kreation zu widmen.

Wir sprachen mit ihm über den (noch) ungewöhnlichen Schritt, der persönlich motiviert ist und doch Strahlkraft für die gesamte Branche hat.

Hast du bereits mit dem Gedanken gespielt, deine Geschäftsführertätigkeit aufzugeben, als ihr Anfang des Jahres mit Lukas Lindemann Rosinski unter das Dach von Scholz & Friends geschlüpft seid?
Nein, meine Entscheidung hat damit nichts zu tun. Dieses Thema beschäftigt mich schon viel länger. Ich habe immer ein bisschen neidisch auf England geschaut, wo honorige Texter mit allen Ehren in Rente geschickt werden, ohne jemals Managementaufgaben übernommen zu haben. Dort wird Fachkompetenz genauso hoch geschätzt wie das Management. Das fand ich schon immer bemerkenswert.

Warum ist das in Deutschland anders?
In Deutschland ist es irgendwie üblich geworden, dass man ab einem gewissen Level Geschäftsführer wird. Mittlerweile habe ich diesen Titel seit 20 Jahren. Angefangen hat es bei Jung von Matt. Die Idee dahinter war, das Standing der Kreation in der Agentur stärken – nicht Kreative zu Manager:innen zu machen. Daraus ist mit der Zeit aber der Automatismus entstanden, dass ambitionierte Kreative quasi gezwungen sind eine Führungskarriere einzuschlagen, wenn sie aufsteigen wollen.

Du hast jetzt diesen Automatismus gebrochen, indem du deinen Titel als Managing Director aufgibst. Was gab den Ausschlag für diese Entscheidung?
Ich habe im Laufe meiner Karriere immer wieder gemerkt, dass ich mich im Maschinenraum wohler fühle als in Geschäftsführungs-Meetings. In den 13 Jahren, in denen ich mit Arno Lindemann und Bent Rosinski meine eigene Agentur hatte, war es aber selbstverständlich, dass ich als Mitinhaber auch mit die Geschäfte führe. Deshalb habe ich das nicht hinterfragt. Mit dem Wechsel zu Scholz & Friends wurden die Karten neu gemischt.

Ich habe im Laufe meiner Karriere immer wieder gemerkt, dass ich mich im Maschinenraum wohler fühle als in Geschäftsführungs-Meetings.

Den Ausschlag gab letztlich ein konkretes Meeting. Dort wurde den Geschäftsführer:innen der Aktionsplan für Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion vorgestellt und wir wurden dazu aufgefordert, unsere Mitarbeitenden dahingehend zu beobachten, ob ihnen eher der Fach- oder der Führungs-Track liegt. Ich habe mir das angehört und dachte: Vielleicht sollte ich mich selbst mal beobachten. Das geht doch auch mich an! Also habe ich Scholz & Friends beim Wort genommen und gesagt: Wenn euch der Fachbereich wirklich genauso wichtig ist wie der Managementbereich, dann gehe ich jetzt mit gutem Beispiel voran, mache einen Schritt zur Seite und fokussiere mich wieder verstärkt auf Kreation – unter der Voraussetzung, dass mir daraus keine (finanziellen) Nachteile entstehen.

Offenbar hat das funktioniert.
Ja. Mir wurde sowohl von der Geschäftsführung als auch von den Teams viel Respekt dafür entgegen gebracht. Immerhin habe ich mit dem ungeschriebenen Gesetz gebrochen, dass es immer nur in eine Richtung nach oben geht. In einer so eitlen Branche wie der unseren wirkt so ein Move geradezu mutig. Dabei war er eher egoistisch – ich konzentriere mich jetzt wieder auf das, was mir am meisten Spaß macht. Und jeder Tag ohne Excel-Tabelle ist ein guter Tag! Natürlich bin ich in einer Position, in der es leichter fällt, so einen Schritt zu gehen. Ich war immerhin schon 20 Jahre Geschäftsführer – das muss ich mir nicht mehr beweisen.

In einer so eitlen Branche wie der unseren wirkt so ein Move geradezu mutig.

Ab wann ist die Entscheidung gültig?
Noch bin ich offiziell Geschäftsführer, aber wir haben es schon intern verkündet. Die Agentur und ich sind uns weitestgehend einig, es geht nur noch um Kleinigkeiten im Vertrag. Wichtig war mir deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Abstieg handelt, sondern schlicht um einen anderen Weg.

Kannst du schon sagen, wie sich dein Arbeitsalltag verändern wird?
Der wird sich wahrscheinlich gar nicht so drastisch verändern. Ich war ja schon immer Kreativer. Sicherlich wird aber das eine oder andere Strukturmeeting und die Geschäftsführungsrunden wegfallen. Es gibt für diese Situation noch keine Blaupause. Das hat auch damit zu tun, dass Scholz & Friends beim Aufsetzen des Aktionsplans wahrscheinlich nicht damit gerechnet hat, dass jemand aus der Führungsriege direkt auf dieses Angebot einsteigt. Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich wieder mehr mitmachen darf. Als Geschäftsführer:in wird man ja oft schräg angeguckt, wenn man selbst richtig mitarbeitet. Es wird eher erwartet, dass man die Leute in Ruhe machen lässt, die richtigen Rahmenbedingungen schafft und höchstens noch coacht. Aber ich packe halt zu gerne selbst mit an. Mit meiner neuen Position habe ich dazu wieder die Legitimation.

Du sprachst eben von dem Automatismus, der Kreative dazu zwingt Führungskarrieren einzuschlagen. Was müsste passieren, damit sich das ändert?
Zunächst einmal dürfen Geld und Status nicht ausschlaggebend dafür sein, dass man den Schritt in ein anderes Aufgabenfeld macht. Wenn es das Diensthandy erst ab Creative-Director-Level und das Elektroauto nur für Geschäftsführer:innen gibt, wird sich nichts ändern. Die Gefahr ist doch, dass Kreative in einer Managerposition nicht mehr das machen, was sie wirklich gut können. Es ist auch nicht im Sinne der Agenturen, Top-Kreative in eine Position zu befördern, in der sie sich nur noch mit Supervision, Kapazitätenplanung und Personalstrukturen beschäftigen. Damit will ich auf keinen Fall sagen, dass Kreative nicht auch gute Manager:innen sein können – und wollen. Aber es ist per se erstmal nicht ihre Kernkompetenz. Wenn der Wunsch nach mehr Gehalt und mehr Ansehen nur mit einer Veränderung des Aufgabenfelds möglich ist, dann stimmt etwas im System nicht.

Geld und Status dürfen nicht ausschlaggebend dafür sein, dass man den Schritt in ein anderes Aufgabenfeld macht.

Das hat auch mit der Unternehmenskultur zu tun, oder?
Nicht nur. Es ist eher die Kultur der ganzen Branche. Welchen Titel man in einer Agentur hat, hat ja auch Auswirkungen auf den nächsten Job in einer anderen Agentur. Denn überall herrscht die gleiche Hierarchie-Denke. Und die Titelhatz wird gefühlt immer inflationärer. Mittlerweile gilt man schon als Loser, wenn man – übertrieben gesagt – mit  30 noch nicht Geschäftsführer:in ist. So ist die Branche leider gestrickt.

Um wirklich etwas zu verändern, müssten also alle mitmachen.
Das wäre natürlich ideal. Aber derzeit reden nur viele darüber und kaum jemand setzt es in die Tat um. Fast jede Agentur-Hierarchie ist aufgebaut wie eine Pyramide, mit den Geschäftsführer:innen an der Spitze und den Teams darunter. Wenn man es wirklich ernst meint mit der Gleichberechtigung von Fach- und Führungskarriere, müssten es eher zwei parallele Stränge sein, bei denen sich Kreative und Manager:innen auf Augenhöhe begegnen.
Mein Bestreben ist es allerdings nicht, die Branche zu verändern. In erster Linie ist es eine ganz persönliche Entscheidung, mein Leben so zu gestalten, dass es zu mir passt – und mich mit den beruflichen Aufgaben zu beschäftigen, die mich antreiben. Ohne die Initiative von Scholz & Friends wäre ich aber wohl nie auf die Idee gekommen. Es ist wichtig, diese Chance überhaupt zu haben und ein Nachdenken darüber anzustoßen. Sollte meine Entscheidung eine Art Vorbildcharakter haben – gerne!

Wichtig ist, dass daraus keine Nachteile entstehen.
Unbedingt. Fach- und Führungskarrieren gleichermaßen zu honorieren ist ja letztlich kein Selbstzweck: Wenn Kreative ihre Passion ausleben dürfen, sind sie viel wertvoller für die Agentur. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Kreative, die irgendwann keine Lust mehr haben, alles selbst zu machen, sondern lieber organisieren und andere coachen wollen. Aber es ist eben wichtig, dass man diese Entscheidung aufgrund eigener Vorlieben und Kompetenzen trifft – und nicht weil es der einzige Weg ist, eine Gehaltserhöhung zu bekommen. Das würde für wesentlich weniger Frust in der Kreativbranche sorgen.

Wenn Kreative ihre Passion ausleben dürfen, sind sie viel wertvoller für die Agentur.

Kreative Arbeit muss also aufgewertet werden.
Genau. Schließlich stellen Kreative die Dinge her, die eine Agentur verkauft, die Awards gewinnen, die Probleme lösen und Unternehmen Gewinn bringen. Titel wie Designer, Texter oder Kreativdirektor könnten durchaus wieder mehr Wertschätzung vertragen. Die Bezeichnung Managing Director sagt ja letztlich überhaupt nichts darüber aus, was ich eigentlich tue. In Kundenmeetings muss ich immer dazu sagen, dass ich Kreativer bin. Vielleicht sollten sich Titel mehr an der Kernkompetenz orientieren als an der Hierarchiestufe.  Weil es auch offener hält in welcher Funktion man auf einzelnen Projekten den bestmöglichen Beitrag leistet. Das kann mal der Lead sein, mal Ratgeber, mal Zuarbeiter. Ich hätte nichts gegen mehr Agilität und weniger Schema F.

Wird dein zukünftiger Titel denn Kreativdirektor lauten?
Das steht noch nicht fest. Ich wäre aber vollkommen zufrieden damit.

Bernhard Lukas: Nach Karrierestopps in unterschiedlichen Agenturen, darunter Jung von Matt, gründete Bernhard Lukas 2008 gemeinsam mit Arno Lindemann und Bent Rosinski die Kreativagentur Lukas Lindemann Rosinski (LLR). Nach 13 Jahren schlüpfte die Agentur in diesem Jahr unter das Dach der Scholz & Friends Group. Lukas und Lindemann übernahmen als Geschäftsführer die Leitung der Unit Scholz & Friends LukasLindemann (Rosinski hatte bereits ein Jahr zuvor die Agentur verlassen).

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Wo er recht hat, hat er recht. Der Kontrollwahn führt zu SAP-geführten Kreativschmieden. Falsche Leute setzen falsche Akzente zur Erreichung kreativer Ziele. Wie sollen die dann richtig sein?

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