Ist der Lemonaid-Gründer das Role Model eines zukünftigen Unternehmertyps?

Alle vier Wochen finden in Hamburg die Creative Mornings statt. Das September-Motto war »Wohltätigkeit« und zu Gast der Lemonaid-Unternehmer Paul Bethke. Johannes Erler fasst zusammen.



Wohltätigkeit. Vermintes Terrain. Muss ich Gutes tun? Geht Großmut in Ordnung? Wann bin ich Gutmensch? Es ist gar nicht so einfach zu helfen, ohne in dieses moralinsaure Zwielicht zu geraten, das den Helfenden umflackert, weil es vielen so schwerfällt, Selbstlosigkeit zu akzeptie ren. Ist ja schließlich nichts umsonst im Leben. Aber, um es gleich deutlich zu sagen: Ich finde das falsch. Denn rechtfertigen muss sich wahrlich niemand, der »wohl« tut.

Da kommt Paul Bethke gerade recht. Und macht gleich zu Beginn seines Vortrags keinen Hehl daraus, dass er nie etwas anderes wollte, als zu helfen. Schmiss mit 15 die Schule, zog mit 16 in die Welt, um herauszufinden, was es anzupacken gilt, kündigte später einen gut dotierten Job als Entwicklungshelfer, weil ihm diese staatlich-institutionalisierte Form des Helfens zu oberflächlich erschien, und gründete ein Unternehmen, dessen Ziel es ist, feste Anteile vom Umsatz in Hilfsprojekte zu stecken.

Um das noch mal zu betonen: Es geht bei Lemonaid (so heißt Paul Bethkes Firma) nicht etwa darum, Teile eines möglichen Gewinns eventuell zu spenden. Lemonaid wurde vielmehr zu keinem anderen Zweck geschaffen, als Geld zur Unterstützung von Hilfsprojekten zu erwirtschaften. Und das trotz Gesetzen, die es verbieten, Firmengewinne zu spenden, bevor alle Darlehen getilgt sind. Lemonaid jedoch führte Hilfsgelder bereits ab, als das Unternehmen noch tief in Schulden steckte – und kam damit durch. Man stelle sich dies einmal als Geschäftsziel einer Anwaltskanzlei oder eines Automobilherstellers vor. Obwohl: Warum eigentlich nicht?

Ist Paul Bethke also der personifizierte Gutmensch? Oder ist er nicht vielmehr das Role Model eines zukünftigen Unternehmertyps, der dringend benötigte Lösungen für weitreichende Probleme von vornherein in seinen Businessplan einbaut, weil es normal und notwendig sein wird – und wir sind es, die zu wenig tun?

Ich glaube, dass sich das Große schon durch kleine Dinge verändern lässt. Paul Bethke, Gründer von Lemonaid und ChariTea, Hamburg

Der Sprung zum Design ist einfach. Weil wir Gestalter mit unserem Beruf die Gabe erworben haben zu helfen. Wir können Dinge und Zusammenhänge sichtbar, begreifbar und attraktiv machen. Und wir können auf diese Weise, ohne einen einzigen Cent auszugeben, Bedürftige unterstützen. Wir müssen nur etwas Zeit investieren. Jeder so viel, wie es passt. Aber alle ein bisschen. Als Selbstverpflichtung. Ohne viel Tamtam.

Passend und lustig, wie Paul Bethke die Geschichte seines Limonadenflaschendesigns erzählt. Zufällig stößt er nämlich auf eine große Agentur (BVD, Stockholm), stellt dort sein Projekt vor – und erhält zunächst eine satte Abfuhr, weil er kein Geld hat. Doch eine Designerin, die auf Wunsch der Agentur trotz Mutterschutz arbeitet, stellt ihrem Chef dieses Ultimatum: Entweder sie darf das Projekt machen, oder sie geht nach Hause. Der Rest ist Geschichte und die schönen Lemonaid- und ChariTea-Pullen sind mittlerweile in jedem Supermarkt zu bewundern.

Am Ende seines Vortrags wird Paul Bethke nach seiner Utopie gefragt, und er trägt seine Antwort ohne jedes Pathos vor: »Utopie ist ein großes Wort. Ich glaube, dass jeder bereits im Kleinen etwas bewirken kann. Eigentlich wollen wir nur zeigen, dass das gar nicht so schwierig ist, mit seinem Unternehmenskonstrukt einen sozialen Beitrag zu leisten. Das hört sich alles ein bisschen schmierig an, aber solange nicht jeder Einzelne darüber nachdenkt, was er machen kann, wird es eng. Ich glaube, dass sich das Große schon durch kleine Dinge verändern lässt.«

PS: Ich wage jetzt mal einen Vorstoß und bin gespannt, wer sich meldet: Lasst uns gemeinsam einen Pro-bono-Agenturverbund gründen. Lasst uns unsere Fähigkeiten, Möglichkeiten und Beziehungen und einen zumutbaren Teil unserer Zeit zusammenlegen und auf diese Weise eine schlagkräftige Truppe formen. Ich bin sicher, dass es fantastisch wird!

Hier das Video ansehen:

 


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Johannes Erler ist Partner des Designbüros ErlerSkibbeTönsmann, das die Creative Mornings im Hamburger designxport veranstaltet, und Mitbegründer des Designkollektivs Süpergrüp. Zu den anderen Beiträgen aus »Erlers Thema« geht es hier.

Foto: Robert Grischek

 

 

 

 

 


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2 Kommentare


  1. Anne Bauer

    Lieber Johannes Erler,

    vielen Dank für diesen inspirierenden Beitrag – sehr gerne bin ich dabei in einem Pro-bono-Agenturverbund!

    Momentan bin ich selbst dabei, eine gemeinnützige Organisation auf die Beine zu stellen (am Sonntag wird gegründet!) und stecke viel Zeit und Energien hinein. Besonders für die kreativen Bereiche wäre ich sehr dankbar für Kollegen zum Austausch, sowohl bezüglich des Designs als auch zur Verfeinerung und Kommunikation des gesamten Konzepts:

    Das bekannt zu machende Hauptprojekt meiner Stiftung ist ein multimediales Online-Magazin, betehend aus kuratierten Arbeiten von Menschen im sogenannten besten Alter – Autoren, Journalisten, Fotografen, Illustratoren, Filmemachern, Musikern, Künstlern, Wissenschaflern, Designern u.ä.. Ich werde durch die Stiftung die Tätigkeiten und Projekte von Selbstständigen und Amateuren ideell, organisatorisch und finanziell unterstützen, je nach Bedarf. Mehr Infos gerne persönlich.

    Sehr gerne möchte ich auch andere gemeinnützige und wohltätige Initiativen fördern – durch den Verein oder durch meine Tätigkeit – und bin besonders an Themen interessiert, die in Kooperation mit meinem Portal voneinander profitieren können.

    Ich bin nun meinerseits gespannt, wer sich meldet! 😉

    Beste Grüße aus München,
    Anne Bauer


  2. Peter Kiefer

    Hallo Herr Erler,

    zunächst sind diese Themen nicht neu. Die Welt ist voll von solchen ACTS.

    Eher die Art des Umgangs damit scheint sich zu ändern. Eine vermeintlich laute Demut und Verschämt sein scheint die Präsentation in der Öffentlichkeit zu sein. Aber vor allem Öffentlich muss es werden …

    Denn Öffentlichkeit an der Stelle ist wahrlich das Personifizierte »Gutmenschentum« – »Schaut mal her …« und das braucht’s keineswegs …

    Die meisten Mäzene machen genau darum einen grossen Bogen, die anderen bekommen Urkunden …

    Aber so hat denn jeder seinen Weg …


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