»Im Moment erlebe ich eine enorme Solidarisierung unter weiblichen Kreativen«

Gemeinsam mit Ladies, Wine & Design Hamburg stellen wir regelmäßig interessante kreative Frauen aus der Stadt vor. Die Illustratorin Lisa Tegtmeier berichtet diesmal von der Schwierigkeit, Komplimente anzunehmen – und hat Tipps für Nachwuchsillustratorinnen.



Lisa Tegtmeier Illustration

Lisa Tegtmeier arbeitet seit ihrem Masterstudium als selbstständige Illustratorin in Hamburg. Im Interview erzählt sie, wie es dazu kam und lässt uns an ihren Erfahrungen als Freelancerin in der Kreativbranche teilhaben.


Wie verlief dein Werdegang bisher?
Ich habe meinen Bachelor in Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule in Braunschweig gemacht und nebenher mehrere Jahre als Werkstudentin in verschiedenen Grafikabteilungen gearbeitet. Meine eigentliche Leidenschaft galt aber immer schon dem Zeichnen, mit dem Grafikstudium wollte ich eigentlich nur auf Nummer sicher gehen. Im Laufe des Studiums und vor allem nach einem sehr motivierenden Semester in Barcelona, habe ich begonnen mich doch ausschließlich auf Illustration zu konzentrieren. Ich war ziemlich glücklich, als ich 2015 für den Illustrationsmaster in Hamburg zugelassen wurde und in dem Bereich aus dem Vollen schöpfen konnte. Ein Jahr später habe ich mich selbstständig gemacht.

Wie war es für dich, als Freelancerin durchzustarten? Wieso hast du dich dazu entschlossen?
In der Illustrationsbranche ist es üblich selbstständig zu arbeiten. Ich kenne eigentlich niemanden, der irgendwo festangestellt arbeitet. Vor allem wusste ich von vielen Illustrator*innen, deren Arbeit ich verfolge, dass sie sich meist schon während des Studiums freiberuflich gemeldet haben, um gegebenenfalls anfallende Aufträge richtig abwickeln zu können. Es war also der logische Schritt, dass ich mich recht zügig, nachdem ich den Master in Illustration in Hamburg begonnen hatte, selbstständig gemacht habe. Allerdings arbeite ich erst seit Ende letzten Jahres dauerhaft freiberuflich an Aufträgen. Es ist total aufregend und ich freue mich sehr, dass es so gut gestartet ist.

Hast du schon mal eine Situation im Job erlebt, in der du benachteiligt wurdest, weil du eine Frau bist?
Glücklicherweise kann ich mich an keine solcher Situationen erinnern. Gelegentlich habe ich höchstens das Gefühl, dass manche Auftraggeber es möglicherweise ausnutzen, dass am anderen Ende eine junge Frau in den Anfängen ihrer Selbstständigkeit sitzt und sich nicht traut, Honorare zu verhandeln oder generell über Geld zu sprechen. Bis jetzt konnte ich fast immer mehr Budget aushandeln, als ursprünglich gesetzt war. Aber das kann natürlich ein total geschlechtsneutrales Businessding sein, dem nicht nur Berufseinsteigerinnen gegenüberstehen.


Woran liegt es deiner Meinung nach, dass es in der Kreativbranche so wenige Frauen in Führungspositionen gibt?
Es spielen sicherlich mehrere Faktoren in diesen Zustand hinein, das Thema Kinderkriegen nimmt auf jeden Fall auch einen großen Teil davon ein. Zunächst ist es aber nicht nur ein Problem der Kreativbranche, sondern nach wie vor ein ganz generelles. Jahrhundertelang wurden in unserer Gesellschaft bestimmte Werte gelebt und eine entsprechende Erziehung geprägt. Patriarchalische Strukturen trieben verschobene Machtverhältnisse an. Bis heute besetzen Männer die wichtigsten Positionen in Wirtschaft, Politik und anderen Branchen. Aus dieser Gesellschaftsform heraus fühlen sich Frauen häufig als nicht (leistungs)stark genug. Ich erlebe es ganz oft — und ich zähle mich selbst dazu —, dass es vielen Designerinnen schwerfällt, Komplimente anzunehmen und stolz auf ihre Arbeit zu sein. Viele sind unsicher und vertrauen nicht in sich selbst, nach dem Motto: »Ach, findest du das echt gut? Ich weiß nicht, mir gefällt es nicht so recht.« Vielleicht ist das ein Grund, dass manche irgendwann einfach stagnieren und den möglichen Karriereweg nicht ganz bis ans Ende gehen.

Welche Frauen haben deinen beruflichen Werdegang positiv beeinflusst und was hast du von ihnen gelernt?
Mich inspirieren und beeinflussen jeden Tag viele verschiedene Menschen und ihre Geschichten. Aber vor allem war es meine Familie, die mir beigebracht hat, an meinen Zielen festzuhalten und dass alles schon okay ist, wofür auch immer ich mich im Leben entscheide. Bestimmt haben auch meine Freundinnen, die Worte von Professorinnen, denen ich im Laufe des Studiums begegnet bin und der Austausch mit kreativen Gleichgesinnten in meine beruflichen Entscheidungen hineingespielt.

Ich finde es problematisch, dass wir als Frauen dies und jenes tun sollten, um berufliche Ziele erreichen zu können oder um gar gleichauf mit den Männern unserer Branche sein zu können. Das sollte grundsätzlich gegeben sein und nicht etwas, worauf wir Frauen hinarbeiten müssen.

Wie erlebst du den Zusammenhalt unter weiblichen Kreativen?
Im Moment erlebe ich eine enorme Solidarisierung unter weiblichen Kreativen. Es scheint total populär, Gruppierungen und kreative Kollektive zu gründen. Die Ziele sind meist immer, sich gegenseitig beruflich zu unterstützen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam eine starke Präsenz gegenüber bestehenden Ungleichheiten und Diskriminierungen zu bilden. Das Stichwort ist »Women Empowerment«. Und es ist so leicht, sich zusammenzufinden — über soziale Netzwerke sind wir alle weltweit und dauerhaft miteinander in Kontakt.

Was hältst du von Frauennetzwerken wie Ladies Wine & Design?
Wie in der vorherigen Frage schon angerissen, ist es super und längst überfällig, dass sich Frauen zusammentun, um sich gegenseitig zu bestärken, über Missstände im Arbeitsumfeld zu sprechen und Lösungen zu finden. Ich sehe Ladies, Wine & Design als eine offizielle Gruppierung davon, was überall schon im Kleinen stattfindet. Ich war selbst schon bei einigen Vorträgen und ich bin jedes Mal mit einem bestärkten Gefühl und viel Motivation nach Hause gegangen. Ich wünsche mir nur, dass wir auch an die Menschen denken, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlen. Auch sie sind von Benachteiligung betroffen und sollten gleichermaßen Teil dieses Netzwerks sein.

Was könnten Frauen sonst noch tun, um beruflich weiterzukommen?
Ich bin mir nicht sicher, ob es da bestimmte Empfehlungen gibt — jeder sollte das tun, womit er sich wohl fühlt. Vor allem finde ich es problematisch, dass wir als Frauen dies und jenes tun sollten, um berufliche Ziele erreichen zu können oder um gar gleichauf mit den Männern unserer Branche sein zu können. Das sollte grundsätzlich gegeben sein und nicht etwas, worauf wir Frauen hinarbeiten müssen. Natürlich müssen sich dazu die Gegebenheiten erstmal ändern. Ich schätze also, meine Empfehlung wäre, einfach das zu tun, was einen persönlich weiterbringt, ungeachtet dessen, ob es in Teilen des Weges holprig werden kann. Die Steine lassen sich meist, liegen sie erst einmal vor einem, leichter aus dem Weg räumen als gedacht.

Was würdest du Nachwuchsillustratorinnen diesbezüglich empfehlen?
Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch. Wenn du also als Illustrator*in arbeiten willst, dann informiere dich und mache dir einen Plan, wie du diese Schritte erreichen kannst. Leider habe ich während des Studiums oft gehört, dass es quasi unmöglich ist, von der Illustration zu leben oder regelmäßig an Aufträgen zu arbeiten. Nicht gerade motivierend! Aber ich habe, vielleicht auch etwas naiv, trotzdem daran festgehalten, viel gearbeitet und kann jetzt sagen: Doch, es geht! Natürlich ist es auch eine Frage des Charakters und der finanziellen Absicherung. Aber wenn es keine besonderen Gründe gibt, sollte man nicht aufgeben oder sich mit halb geschafft zufrieden geben.

Deine Arbeit: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Mein Stil ist sehr flächig und klar. Ich liebe Farben und verwende meist nur eine begrenzte Palette von drei bis vier Farben pro Illustration. An manchen Stellen führt das zu Überraschungen, da bestimmte Elemente plötzlich eine andere Farbe bekommen, als wir es »normalerweise« gewohnt sind. Inhaltlich konzentriere ich mich hauptsächlich auf die Darstellung von Menschen. Dabei spielen nicht nur zwischenmenschliche Beziehungen und Interaktion eine große Rolle, sondern vor allem der Körper. Besonders spannend finde ich die Suche nach Formen und nach Möglichkeiten, Gewohntes zu abstrahieren.


Eine Auswahl von Lisas Arbeiten zeigt unsere Galerie:


Für welche Branchen arbeitest du hauptsächlich?
Hauptsächlich würde ich meine Arbeiten dem Editorial-Bereich zuschreiben. Das heißt, ich arbeite für Magazine, sowohl für Online als auch für Print. In letzter Zeit habe ich aber vermehrt Anfragen für Markenerscheinungen bekommen, also für Illustrationen, die im Zusammenspiel mit einer neuen Corporate Identity genutzt werden sollen. Meistens arbeite ich dabei mit Designagenturen oder entsprechenden Grafikabteilungen der Unternehmen zusammen.

Machst du auch freie Projekte?
Zu Beginn dieses Jahres hatte ich wenig Zeit an freien Projekten zu arbeiten, was mir sehr gefehlt hat. In letzter Zeit hat das besser funktioniert. Oft zeichne ich dann einfach für mich selbst und erstelle freie Illustrationen zu Themen, die mich aktuell beschäftigen. Wenn ich dann so ein Projekt beendet hab, fühle ich mich total motiviert und unliebsame Aufgaben lassen sich leichter erledigen.


Ladies, Wine & Design

ist ein internationales Frauennetzwerk, das von der Designerin Jessica Walsh ins Leben gerufen wurde (hier unser Interview mit ihr zum Thema Feminismus). Mittlerweile gibt es über 180 sogenannte Chapters in Städten auf der ganzen Welt – in Hamburg seit 2018. Die Gründerinnen Karolin Berndt und Anissa Carrington veranstalten regelmäßige Events zum Austauschen und Voneinander-Lernen. Auf dem Laufenden bleibt man über ihre Website oder ihre Facebook-Seite. Auf der Website haben die beiden außerdem eine Liste mit Kreativ-Ladies aus Hamburg angelegt, die stetig erweitert wird. Wir stellen in unserer Porträt-Reihe einige davon en detail vor.

Folge 1: Beate und Martha von Studio morgen

Folge 2: Illustratorin & Zeichnerin Barbara Lüdde

Folge 3: Designerin & Artdirektorin Ann Eckert

Noch mehr Netzwerke für Gestalterinnen haben wir hier gesammelt.


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