»Durch gegenseitiges Bestärken und Unterstützen entsteht ein ganz natürlicher Zusammenhalt«

Gemeinsam mit Ladies, Wine & Design Hamburg stellen wir interessante Kreativ-Frauen aus Hamburg vor. Den Anfang machen Beate Kapfenberger und Martha Starke vom Designstudio morgen.



Beate und Martha machen Grafikdesign, Inszenierungen und Installationen. Ihr eigenes Studio morgen. gründeten sie 2014. Wir sprachen mit ihnen über ihre Erfahrungen als selbständige Frauen in der Kreativbranche und ihre ganz persönliche Herangehensweise an Gestaltung.


Wie verlief euer Werdegang bisher?


Beate hat in Nürnberg und Martha in Berlin Design im Bachelor studiert, wodurch wir beide eine breite gestalterische Grundausbildung erlangt haben. Nach verschiedenen Praktika haben wir uns dann im Masterstudium in Hamburg kennengelernt. Beweggrund für den Master war bei beiden die Neugierde auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit an freien Projekten im Rahmen eines weiterführenden Studiums.

Wie war es für euch, mit einem eigenen Design Studio durchzustarten? Wieso habt ihr euch dazu entschlossen?

Unser Interesse an ähnlichen Fragestellungen und das Hinterfragen von Problemen haben bereits im Studium zum gemeinsamen Durchdenken und Experimentieren, fast immer auch zum Gestalten geführt. Wir haben gemerkt, wie wichtig es uns ist, Sichtweisen auf Dinge, Räume, Situationen oder Phänomene zu öffnen – und zu ändern. Nach dem ersten großen Projekt im Masterstudium wurden wir – damals noch als dreier Team – für eine Inszenierung im Raum angefragt. Uns war wichtig, dass bereits eine so relativ kleine, erste Ankündigung es schafft, das, worüber wir zusammen nachdenken, zu transportieren.

Seitdem arbeiten wir selbständig als »morgen.«, mittlerweile als Duo, aber je nach Projekt mit Unterstützer_innen und Kompliz_innen. Der fließende Übergang in die Gründung war für uns sehr natürlich. Für uns ist es eine tolle und zugleich herausfordernde Erfahrung immer am kompletten kreativen Prozess beteiligt zu sein – von der Idee bis zur Umsetzung – für Kund_innen oder in selbstinitiierten Projekten. So haben wir immer wieder die Möglichkeit uns bewusst zu entscheiden, was wir als interessant oder relevant empfinden und womit wir uns auseinandersetzen möchten.

Als Gestalterinnen von Kommunikation sind Sprache und Worte für uns ein wichtiges Werkzeug. Entsprechend sensibilisiert sind wir dafür, wie wenig Platz wir als Frauen beispielsweise im Deutschen finden

Habt ihr schon mal eine Situation im Job erlebt, in der ihr benachteiligt wurdet, weil ihr Frauen seid?


Wir haben das große Glück bisher keine rational erfassbaren Benachteiligungen erfahren zu haben – emotionale Zurücksetzungen hingegen schon. Das findet man manchmal bereits bei kleinen sprachlichen Nuancen, die uns fast alltäglich umgeben. Als Gestalterinnen von Kommunikation sind Sprache und Worte für uns ein wichtiges Werkzeug. Entsprechend sensibilisiert sind wir dafür, wie wenig Platz wir als Frauen beispielsweise im Deutschen finden bzw. wie durch diese oft mangelnde Sorgfalt auch das Denken beeinflusst wird.

Aus dem Portfolio von morgen.: Redesign für elbgold

Woran liegt es eurer Meinung nach, dass es in der Kreativbranche so wenige Frauen in Führungspositionen gibt?


Nicht unbedingt nur ein Phänomen der Kreativbranche, sondern ein generelles Problem und unseres Erachtens auch eine spannende kulturhistorische Fragestellung. Es schließt teilweise auch an unsere Bemerkung zur vorherigen Frage an. Denn Denken prägt oft auch das Handeln und somit fühlen sich Frauen oft »lediglich« nicht ausreichend befähigt. Da spielen Erziehung und Prägung, aber auch bestehende Machtverhältnisse auf unterschiedlichste Weise zusammen und müssen immer im Kontext betrachtet werden.

Welchen Führungsstil verfolgt ihr – und wie unterscheidet der sich eventuell von dem männlicher Agenturchefs?


In einen konkreten Führungsstil können und wollen wir uns nicht einordnen. Wir leben gemeinsam eine Vision und wollen Wege finden diese zu verbreiten. Dabei hinterfragen wir immer wieder, wie so eine bestmögliche Version für jeden aussehen kann. Wir leben und pflegen einen sehr freundschaftlichen Umgang, gemeinsames Kochen ebenso wie gegenseitiges Voranbringen.

In einen konkreten Führungsstil können und wollen wir uns nicht einordnen. Wir leben gemeinsam eine Vision und wollen Wege finden diese zu verbreiten

Welche Frauen haben euren beruflichen Werdegang positiv beeinflusst und was habt ihr von ihnen gelernt?


Auch bei dieser Frage dürfen wir zugeben, dass eine jede von uns durch ein behutsames Zusammenspiel aus Menschen im direkten Umfeld, aber auch Denkansätze geprägt wurde.

Wie erlebt ihr den Zusammenhalt unter weiblichen Kreativen?

Aus unserer Bachelor- und Masterstudienzeit haben wir ein relativ großes Netzwerk an befreundeten Gestalter_innen, Illustrator_innen und Künstler_innen. Darunter sind sehr viele Frauen, die großartige Arbeiten produzieren und mit denen wir uns gerne austauschen. Bereichernde wechselseitige Beziehungen stehen für uns dabei jedoch immer mehr im Fokus, als das »nur« unter Frauen zu tun. Da Gleichberechtigung nach wie vor aber keine Selbstverständlichkeit ist, entsteht durch gegenseitiges Bestärken und Unterstützen oft ganz natürlich eben jener Zusammenhalt.

Was haltet ihr von Frauennetzwerken wie Ladies Wine & Design?


Ungezwungenes Vernetzen ist sicher ein wichtiger Bestandteil, der auf so einem Weg notwendig ist. Zugegebenermaßen haben wir in reinen Frauen Netzwerken relativ wenig Erfahrung, aber wir empfinden Netzwerke oft als ganz wunderbare »Ermöglicher«, die unserer Ansicht nach allen helfen können selbstbestimmter im eigenen Leben zu werden und trotzdem rücksichtsvoll im Umgang mit anderen zu bleiben.

Da Gleichberechtigung nach wie vor aber keine Selbst-
verständlichkeit ist, entsteht durch gegenseitiges Bestärken und Unterstützen oft ganz natürlich eben jener Zusammenhalt

Was könnten Frauen sonst noch tun, um beruflich weiterzukommen?


Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass Zuhören an vielen Stellen wirklich wichtig ist, um überhaupt zu erfahren woher ganz konkrete Meinungen und Glaubenssätze rühren. Nur so kann man diese verstehen und anschließend viel gezielter Überlegungen anstellen, wie man mit diesen umgeht, auf sie Einfluss nehmen kann und auch Argumente für den eigenen Standpunkt finden.

Was würdet ihr Nachwuchsdesignerinnen diesbezüglich empfehlen?

Wir wollen ermutigen den »Prozess« mehr wertzuschätzen. Weil er mit all seinen Problemen und Stagnationen notwendig ist, um zu einem guten Gestaltungsresultat zu gelangen und eine Entwicklung zu vollziehen. Sich dabei Scheitern zu erlauben, sogar Spaß daran zu haben, weil man ein solches als bereichernden Erkenntnisgewinn einordnen darf, ist wichtig. Eine kindliche Neugier für eigenes Handeln, ebenso wie sein Umfeld und andere Disziplinen zu bewahren kann dabei sehr bereichernd sein. Dabei hilft es meist auf sich selbst zu hören und zu fühlen, was einem Spaß macht, weil es eine solche Freude oft schafft, sich auf Beteiligte zu übertragen.

Eure Arbeit: Wie würdet ihr euren Stil beschreiben?


Wir sind immer an einem guten Resultat interessiert, das funktioniert. Gestaltung geht bei uns auf ihre Aufgaben ein. Wir haben Spaß an behutsamem Neudenken – wirklicher Nachhaltigkeit, bei der Alt und Neu nebeneinander bestehen dürfen. Wir lieben Schriften und Details und schätzen Limitierungen. Wir kennen Regeln, brechen sie aber ebenso gern und spielen gern mit Gegensätzen. (mehr Arbeitsbeispiele gibt es in der Galerie am Ende des Artikels!)

Für welche Branchen arbeitet ihr hauptsächlich?

Wir möchten Kommunikation verbessern und ermöglichen. Das gilt quasi in all unseren Tätigkeitsbereichen. Wir arbeiten gern für und mit Kund_innen, von denen wir überzeugt sind – beispielsweise durch eine besondere Herangehensweise oder Philosophie. Das sind kleinere oder mittelständische Unternehmen, ebenso wie Start-ups und Institutionen.

Macht ihr auch freie Projekte?


Auf jeden Fall. Unsere Zusammenarbeit hat ihren Ursprung in einem sehr freien, experimentellen Projekt. Eine solche Zusammenarbeit aus tiefem Interesse und Tatendrang ermöglicht eine ergebnisoffenere Herangehensweise, als bei Arbeiten für Kund_innen. Erkenntnisse können wesentlich selbstverständlicher in angewandte Projekte einfließen und sie bereichern. Teilweise ergibt sich aus dem freien Arbeiten ein Auftrag oder wir stoßen bei der Arbeit für Kund_innen auf gesellschafts- und kulturrelevante Themen, die wir gern tiefergehend betrachten möchten.


Ladies, Wine & Design

ist ein internationales Frauennetzwerk, das von der Designerin Jessica Walsh ins Leben gerufen wurde (hier ein Interview mit ihr über Feminismus). Mittlerweile gibt es über 180 sogenannte Chapters in Städten auf der ganzen Welt – in Hamburg seit 2018. Die Gründerinnen Karolin Berndt und Anissa Carrington veranstalten regelmäßige Events zum Austauschen und Voneinander-Lernen. Auf dem Laufenden bleibt man über ihre Website oder ihre Facebook-Seite. Auf der Website haben die beiden außerdem eine Liste spannender Kreativ-Ladies aus Hamburg angelegt, die stetig erweitert wird. Wir stellen in unserer Porträt-Reihe einige davon en detail vor.

Folge 2: Illustratorin Barbara Lüdde

Folge 3: Designerin & Grafikerin Ann Eckert


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