Die Zukunft der Schrift ist . . .

. . . maximal 64 000-dimensional, meint unser Kolumnist Jürgen Siebert.



Foto: Norman Posselt

Wie ist das Universum entstanden, und warum ist es so, wie es ist? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit 2500 Jahren. Eine Antwort steht noch aus. Ich selbst hatte das Glück, mich in der Oberstufe mit dieser Frage aus­einanderzusetzen. Dafür sorgten ein Mathematik- und ein Philosophielehrer, die einen Großteil ihrer Freizeit da­mit verbrach­ten, die physikalische Welt durch mathematisches Denken zu erfassen. Dabei gingen sie von ei­nem einzigen Prinzip aus, das nicht wei­ter hinterfragbar ist: dem Bezug auf sich selbst. Descartes fasste das in die Wor­te »Ich denke, also bin ich«.

Da Anfang der 1970er die Mengenlehre total in war, entwickelten unsere Leh­rer ihr Gedankenmodell in der Spra­che dieser mathematischen Dis­zi­plin. Startpunkt war die leere Menge, in der Sprache der Religion: das ab­solute Nichts. Wenn man nun das einzi­ge, nicht hinterfragbare Prinzip, also den Selbst­bezug, darauf an­wen­den möch­te, bildet man die Potenz­men­ge der lee­ren Menge, die dann genau ein Element enthält, nämlich die leere Menge selbst – plötzlich ist aus nichts etwas entstanden.

Übersetzt man dieses Gedankenspiel in die Welt der Grafik, be­schreibt es den Sprung von der 0. Dimension (= Punkt) in die 1. (= Gerade). Wiederholen wir den Selbstbezug, den ich jetzt mal Potenz nennen möch­te, entsteht die Fläche und nach einer weite­ren Mul­tiplikation der Raum, also n3 oder die 3. Dimension. Setzt man diesen Bauplan fort, so wie es unsere Leh­rer damals in einem 40-seitigen Ma­nu­­skript taten, lassen sich Elementar­teil­­chen, Atome und Moleküle erdenken und schließlich auch der Mensch – als ein 14-dimensionales Wesen, hervorgegangen aus dem Nichts.

An all das musste ich denken, als ich die letzten zwei Präsentationen bei den TYPO Labs Mitte April verfolgte. Ohne dass sie sich im Vorfeld ausgetauscht hätten, stell­ten sowohl Under­ware als auch Luc(as) de Groot die Zukunft der Schriftenwelt in vieldimensionalen Räu­men dar. Angetrieben von der offenbar fantasieanregenden Tech­nik der Variable Fonts arbeiteten sich beide an derselben Erkenntnis ab, die Underware so formulierte: »Wir können das Leben nur im Rückblick verstehen, müssen aber in die Zukunft hi­­n­ein arbeiten.«

Vor einem Jahr hatte Underware ih­ren Vortrag mit der Vorstellung ih­res Superfonts beendet – einer Fontdatei, die alle Schriften sämtlicher leben­der und verstorbener Designer ent­hält –ein­schließlich derer, die noch geschaf­fen werden. Und an ebendieser Stelle span­nen sie ihr Typedesign-Garn weiter. »Heute die Schrift für mor­­gen ent­werfen« lautet die Unterzeile ihrer gedruckten Novelle »Font Fic­tion«, die sie am Ende an alle Besucher verteilten. »Katzen haben 9 Leben. Schriften können unsterblich sein«, so die erste These, die sie nicht zuletzt mit der ver­wendeten Schrift belegten, ihrer Version der über 500 Jahre alten Bembo. Underwares Gedankenmodell zur Zukunft der Schrift kann man mittlerwei­le auch online nachlesen unter  http://fontfiction.com.

Abschlussredner Luc(as) de Groot nutzt seit rund dreißig Jahren alle verfügbaren Tools, um seine Schrif­ten zu entwickeln. Er ist in der True­Type- wie auch der PostScript-Welt zu Hause, also in der quadratischen (n2) und in der ­ku­bi­schen (n3) Berech­nung von Buch­sta­benkonturen. Für ihn wäre es ein Traum, an manchen Kurven mit beiden Techniken arbeiten zu können . . . doch keines der gängigen Fontforma­te erlaubt einen solchen Mix.

Er beneide die Produktdesigner, so de Groot, die ihre Formen mit Funk­ti­o­nen 4. und 5. Grades entwerfen kön­nen. Mit den »primitiven« Werkzeugen der Schriftgestalter ließen sich die sanf­­­ten Formen eines Smartphones gar nicht berechnen. Am Ende seines Vor­trags, als er variable Schriften in vieldimensionale Räume projizierte, äh­nel­ten sich die Grafiken von de Groot und Underware auf verblüffende Weise. Mind­­fuck. Was bleibt ihnen an­de­res übrig, wenn eine variable Fontda­tei Raum für 64 000 Designachsen bietet?

Die Spinnereien der Typedesigner im Jahr 2 nach Erfindung der Variable Fonts zeigt: Die Technik aktiviert die Fan­ta­sie, doch über den Nutzen lässt sich noch nicht viel sagen. Das ist aber nicht ungewöhnlich für neue Medien­for­ma­te. Man denke nur an die Musik­kom­pression MP3, ohne die es keine digitalen Stores und kein Streaming ge­ben würde. So werden auch die va­ria­b­len Schrif­ten bald in Welten auftauchen, für die sie wie gemacht sind: Virtual und Aug­mented Reality, sen­sor­gesteu­erte Geräte oder Bild­schirm­ober­flächen, die irgendwann das stati­sche Bedrucken ersetzen.

Gute Nachricht: Beim Erstellen von klas­sischen Drucksachen wird sich der Ge­brauch von Schrift fast nicht verändern. Sehr gute Nachricht: Für das ge­gen­wär­tig noch nicht denkbare Verhal­ten von Schrift im Digitalen der 2020er und 2030er Jahre ist die Fontindustrie schon jetzt gerüstet.


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