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Designkritik: »Etwas mehr Mut zur Meinung täte uns allen gut«

Designkritik ist wichtig – und schwierig. Professor Heribert Birnbach von der Folkwang Universität gibt Tipps, wie sie gelingt und ankommt.

Heribert Birnbach

Heribert Birnbach ist Professor im Fachbereich Gestaltung an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Wir sprachen mit ihm über Designkritik im Zeitalter von Social Media, über Beliebigkeit und den inflationären Gebrauch des Begriffs »Design«.

Wie sieht professionelle Designkritik aus?
Heribert Birnbach: Im Idealfall müsste man nicht zwischen professioneller Kritik und – was wäre das Gegenteil? Hobbykritik? private Kritik? – unterschei­den. Schließlich richtet sich Design an alle, die es an­geht. Daher wäre es auch wünschenswert, wenn Grundkriterien für die Beurteilung visueller Kom­­mu­ni­kation schon in der Schule im Rahmen eines Me­dien­kom­petenzfachs erworben würden. De­sign­­kri­tik inner­halb unserer Profession findet sowohl in den kreati­ven Entwurfsprozessen als auch in der Ver­mitt­lung an den Hochschulen statt. Ohne eine ­re­flek­tierte Aus­einandersetzung mit den Rand­be­­dingun­gen und Ziel­setzungen der Kommunikation lässt sich kein Ansatz begründet gegen Alternativ­ent­wür­fe durchsetzen. Nur so lässt sich das Bessere vom Gu­ten und nicht so Guten unterscheiden. Eine bloße Be­vor­zu­gung nach ästhetischen Kriterien – im Sin­ne von Ge­fällt mir/gefällt mir nicht – gehört zwar auch zum Bewertungsprozess, darf aber nicht das alleinige Kri­terium sein. Genau hier verläuft die Gren­ze zwischen einer gut gemeinten, aber ungeschulten Bewertung und einer fundierten Beurteilung, die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern versucht, der Kom­plexität eines visuellen Kommunikationsakts Rechnung zu tragen.

Das klingt anspruchsvoll. Wer kann denn Design überhaupt in dieser Weise bewerten?
Tatsächlich gibt es nach wie vor das Bedürfnis nach einer Designkritik durch Experten, aber die Akzen­te haben sich verschoben: Wer als solcher akzeptiert wird und welche Quellen man zur Informationsbeschaffung heranzieht, hat sich verändert. Waren es früher Fachmagazine, Bücher und Wettbewerbe, sind es heute Blogger, (Chat-)Foren und virtuelle Pinnwände. Der elementare Unterschied ist, dass qua­li­fiziertes Fachwissen – das man aufseiten der Redak­tionen voraussetzen kann – im Internet ersetzt wird durch quantifizierbare Meinungsäußerungen, wie die Anzahl der Follower oder Likes. Sobald es aber um die Meinung der Masse geht, wird es medioker. Als Orientierung suchender Student kann man dort bestenfalls seine Meinung mehrheitlich bestätigt fin­den – oder man zählt zu einer Minderheit.

Eine Schär­fung des eigenen Urteils an Argumenten, die nicht dem Mainstream angehören, sondern in die Tiefe gehen, findet dort außerordentlich selten statt.

Was kann man dagegen tun?
Meiner Meinung nach sollten die Redaktionen aller Medien – es wäre schön, wenn Design auch mal vom Fernsehen wahrgenommen würde – mutiger auftre­ten und eigene Standpunkte beziehen. Diese können kontrovers sein und sollten nicht der neumodi­schen Beliebigkeit des »Anything goes« hinterherrennen. Ich finde es wichtig, dass man einen Qualitätsanspruch und eine Haltung wahrnehmen kann. Wenn man allem gleichen Raum gibt, wird die Möglichkeit der Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt vertan. Und im Übrigen: Auch wenn wir mangels eines besseren Begriffs von Designkri­tik reden – was ja keinesfalls positiv oder neutral kon­notiert ist –, sollten darunter genauso positive und lobende Analysen möglich sein.

Kann es überhaupt allgemeingültige Kriterien für die Bewertung von Design geben?
Ja, davon bin ich überzeugt. Schon deshalb, weil nur so eine Designausbildung Sinn ergibt. Diese Kri­te­rien sind aber nicht nur fürs Studium gültig, sondern sie legitimieren auch all unsere konzeptionel­len und gestalterischen Entscheidungen im Beruf. Gäbe es keine gemeinsamen Maßstäbe, könnten wir die Dis­kussion hier abbrechen. Dann unterläge jede Kom­mu­­nikation der Beliebigkeit des Machers und der Zufälligkeit von Erreichbarkeit, Kapazität und In­teressen der Adressaten. Diese allgemeinen Krite­rien können auf Formen und Inhalte angewandt wer­den, völlig unabhängig von Ort, Zeit, Technik, Medien et cetera.

Aber: Die Einstellung zu den erkann­ten Qua­litäten und ihre Bewertung sind gesellschaft­lich, in­dividuell, zeitlich und räumlich verschieden.

Das müssen Sie erklären.
Die Relevanz von Qualitätskriterien wird immer wie­der neu bewertet. Das kennen wir aus allen Berei­chen des (kul­turellen) Lebens: Die Dinge erschöpfen sich, man möchte neue Wege einschlagen, es entstehen Her­aus­for­de­rungen, die sich mit dem bis­herigen Verhaltens- und Gestaltungsrepertoire nicht befriedigend beant­wor­ten lassen. Dann werden Aspekte wichtiger, die vorher nicht so viel Bedeutung hatten. Somit gibt es einen sich ständig im Fluss ­befindenden Mix aus unterschiedlich gewichteten Qualitätskriterien.

Um welche Qualitätskriterien geht es denn?
Um jene Eigenschaften, die dem Design selbst inne­wohnen: groß oder klein, bunt oder nicht, homogen oder heterogen, spannend oder beruhigend; und um die Frage, ob all diese Einzelentscheidun­gen sich in der Gestaltung gegenseitig stützen, dem Gesamt­kommunikationsziel dienen und so die erhoffte Wir­kung erzielt wird. Tatsächlich handelt es sich bei den meisten Aussagen zu Design um Meinungen über dieses und viel seltener um Qualitäten, die das Objekt in sich birgt. Das wird oft verwechselt.

Meinun­gen sagen oft mehr über den Sprecher aus als über den Gegenstand.

Wer einen Entwurf altmodisch, kitschig, langweilig, modern oder naiv findet, verrät da­durch mehr über sein eigenes Wertesystem, als dass er den Entwurf damit charakterisiert. Wichtiger wäre zu wissen, was er darin findet, das in ihm diese Einschätzung entstehen lässt.

Neben diesen individuellen Unterschieden hat ja auch der gesellschaftliche Wandel Einfluss auf die Bewertung von Design.
Der Grafikdesigner Heinz Edelmann sagte einmal, er beurteile Arbeiten stets nach semantischen, syntaktischen und pragmatischen Kriterien. Damit bekannte er sich als Anhänger der Semiotik, was damals – Ende der 1970er Jahre – nichts Ungewöhnli­ches war. In dieser Wissenschaft steht die Frage nach dem Sinn im Zentrum, sie ist im Kern rational und objektiv. Damit ist sie besonders gut geeignet, eine funktionale Designauffassung zu legitimieren, wie sie etwa die Ulmer Schule vertrat. Ab Mitte der 1980er Jahre wurde diese Haltung von einer Bewegung konterkariert, die die emotionalen und sinnlichen Attribute im Design betont: Memphis. Nun wurden andere Kriterien als wichtiger eingestuft, etwa ästhetische, psychologische oder handwerkli­che Qualitäten. Etwa ab den 1990ern rückten wieder andere Aspekte in den Fokus: Die gesellschaftli­che Akzeptanz von Umweltschutz gab Fragen nach der ökologischen Bilanz und der Nachhaltigkeit grö­ße­res Gewicht. In den letzten Jahren kommt vermehrt Kapitalismuskritik ins Spiel sowie Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Inhalte, der Integrität der Absender und dem Verantwortungsbewusstsein der Auftraggeber. Es wird interessant zu sehen, wie sich diese Aufmerksamkeit zu einem Kriterienkatalog für Designqualitäten formieren wird.

Wie findet Designkritik in der Gesellschaft und in den Medien statt?
Praktisch gar nicht. Der Stellenwert von Design ist in Deutschland bedeutend geringer als etwa in den Niederlanden. Zugleich gibt es bei uns einen zuneh­mend exzessiven Einsatz des Wortes – von Nail über Hair bis Wall Design. Durch diesen inflationären Ge­brauch ist der Design­begriff unscharf geworden und wird in breiten Teilen der Bevölkerung völlig falsch, nämlich im Sinne einer oberflächlichen Verschönerung, verwendet.

Findet tatsächlich eine Beschäftigung mit dem Thema Design statt, so bleibt sie in den Mainstream-Medien vage und ohne erkennbare Position.

Daraus resultiert ein größer werdender Bedarf an Orientierung. Das macht sich beispielsweise bei Studierenden bemerkbar, die bewusst Lehrende suchen, die ihnen eine klare Haltung vermitteln. Etwas mehr Mut zur Meinung täte uns allen gut. Allerdings muss sich dann auch der Ton der Auseinandersetzung ändern und von Respekt getragen sein. Exzesse wie in den Shitstorms und Hasstiraden der sozialen Me­dien sind unakzeptabel. Man muss nicht der gleichen Meinung sein, aber die Ernsthaftigkeit in den Positionen Andersdenkender muss man anerkennen – und auch die Chance sehen, seine eigenen Urteile zu überprüfen.

Liegt es bei den Hochschulen, die Fähigkeit zur Designkritik zu vermitteln?
Ja, sicherlich. Aber das gilt nicht ausschließlich für die Gestaltungsstudiengänge. Auf Kundenseite haben es Designer in der Regel mit Marketing-, Wirtschafts- oder Kommunikationswissenschaftsabsol­venten zu tun. Zwischen ihnen kommt es immer wieder zu Missverständnissen, weil sie unterschiedli­che Er­wartungen an Design haben und die Wichtigkeit mancher Aspekte jeweils anders beurteilen. Vielleicht hätten die Gestaltungsstudiengänge schon viel früher und entschlossener auf diese Berufsgrup­pen und Ausbildungsgänge zugehen müssen, um diese Verständnislücken zu schließen. Das Gleiche gilt um­gekehrt natürlich genauso. Dazu leiden Kunden und Designer gleichermaßen unter dem Primat der Ökonomie: Ideen wer­den rücksichtslos an Zahlen ge­messen. Ich plädiere seit einige Zeit für das Schwei­zer Modell bei allen Ausschreibungen: Das höchste und niedrigste Angebot wird automatisch gestrichen. Wir wären mit einem Schlag alle Proble­me mit Dumping-Angeboten los und würden uns in einem fairen, realistisch kalkulierten Wettbewerb befinden, in dem dann auch höhere Qualität wieder eine Chance hätte.

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Dieses Interview ist in PAGE 6.2018 erschienen. Die Ausgabe können Sie hier komplett runterladen.

PDF-Download: PAGE 6.2018

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Es gibt gute und sehr gute Gestaltung, also ist alles andere Mist, auch wenn keiner es ausspricht.

    Werbetreibende die über Jahrzente von einer sehr guten Agentur betreut werden, wissen welcher Erfolg daraus entsteht.

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